Siena Bankraubender Freigänger empört Italien


Mit vier Pistolen bewaffnet beraubte der Ex-Terrorist Cristoforo Piancone eine Bank im italienischen Siena. Zwar kam er mit der Beute nicht weit, löste aber dennoch eine Debatte aus. Denn Piancone verbüßt eigentlich eine lebenslange Haftstrafe.
Von Luisa Brandl

Das beschauliche Siena in der Toskana wurde zum Schauplatz für einen spektakulären Banküberfall. Der Ex-Terrorist der Roten Brigaden Cristoforo Piancone und sein Komplize suchten am helllichten Tag eine Filiale mitten im Zentrum auf. Piancone trug Sonnenbrille, breitkrempigen Fischerhut und Trenchcoat, in seinen Manteltaschen vier Pistolen; sein ebenfalls bewaffneter Gehilfe hatte den Motorradhelm noch auf dem Kopf. Sie passierten unbehelligt zwei überwachte Eingangstüren und ließen sich in der mit Fresken geschmückten Schalterhalle rund 170.000 Euro auszahlen. Draußen vor dem Bankgebäude aus dem 13. Jahrhundert lief der Motor ihres Scooters. Sie kamen mit gezückten Pistolen heraus auf die mit Einheimischen und Touristen belebte Straße.

Die Flucht endete jedoch nach wenigen Metern in einer Seitenstraße. Ein Polizeiauto versperrte ihnen den Weg. Piancone und sein Komplize setzten die Flucht zu Fuß in verschiedene Richtungen fort. Der Komplize entkam, Piancone versuchte bei der Verfolgungsjagd auf einen Beamten zu schießen, aber seine Waffe gab keinen Schuss ab. Kurze Zeit später klickten die Handschellen. Der Gefasste rechtfertigte sich, er habe das Geld gebraucht. Wofür? Obwohl der Brigadist sich nie öffentlich vom Terrorismus distanziert hatte, geht die italienische Polizei jedoch nicht davon aus, dass der Überfall zur Finanzierung einer linksextremen Gruppe bestimmt war. Wahrscheinlicher ist, dass Piancone mit dem Geld türmen wollte.

Drei lebenslängliche Haftstrafen

Der Norditaliener hatte Anfang der Siebziger als Autoschlosser bei den Fiat-Werken Mirafiori erste Kontakte zum linksradikalen Milieu geknüpft. Unter dem Decknamen "Gerard" stieg er in die Führungsriege der Roten Brigaden auf. Nach dem Mord an einem hochrangigen Karabiniere wurde er 1978 festgenommen. Er bekam drei lebenslängliche Haftstrafen wegen der Beteiligung an sechs Morden. Während der Entführung des damaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro im selben Jahr war Piancone auf der Liste der zwölf freizupressenden "Kämpfer".

Es ist nicht das erste Mal, dass Piancone den offenen Strafvollzug missbraucht. Wenige Monate nachdem er tagsüber freien Ausgang bekommen hatte, wurde er 1998 in einem Supermarkt mit gestohlener Unterwäsche, Hygieneartikeln und Kaugummi erwischt. Aufgrund seines guten Betragens gewährte ihm das Gericht aber 2004 zum zweiten Mal den offenen Vollzug. Piancone arbeitete tagsüber als Hausmeister in einer Schule und kehrte nur zum Schlafen in das Turiner Gefängnis zurück. Die Polizei vermutet jetzt, Piancone habe in dieser Zeit Kontakte zu Kriminellen gehabt und mit diesen den Banküberfall in Siena geplant.

Da sei etwas "schief gelaufen"

Der Fall Cristoforo Piancone hat jetzt in Italien eine Diskussion angeheizt: Sollen Häftling mit lebenslangen Strafen weiterhin freien Ausgang haben können? Die Tageszeitung La Stampa titelte "Einem Brigadisten wird die Freiheit gelassen, eine Bank zu überfallen". Für den Mailänder Corriere della Sera ist die Sache ein "Politikum". Innenminister Giuliano Amato musste indes einräumen, dass da etwas "schief gelaufen" sei. Auch Justizminister Clemente Mastella ging auf Distanz zu der richterlichen Entscheidung und kündigte eine Untersuchung an.

Der Polizeichef von Siena Massimo Bontempi sprach von unhaltbaren Zuständen: ein Polizist hätte bei der Festnahme Piancones sterben können, wenn dessen Waffe nicht versagt hätte. Man solle jetzt nicht den Richtern die Schuld in die Schuhe schieben, entgegnete Nello Rossi, Vorsitzender des Richter-Verbands, es sei sehr schwierig, das Verhalten der Häftlinge voraus zu sehen. Für den Abgeordneten der rechtskonservative Alleanza Nazionale(AN) ist es ein "Skandal, dass ein Brigadist Ausgang bekommt". Die Partei AN hat jetzt eine Demonstration für die Einschränkung des offenen Strafvollzugs am 10. Oktober angekündigt.


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