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Fall wird neu verhandelt: Kommt Kindermörder Silvio S. nie wieder frei?

Der Kindermörder Silvio S. hat schon die Höchststrafe bekommen: lebenslange Haft ohne Aussicht auf frühzeitige Entlassung. Jetzt kommt womöglich noch die "Sicherungsverwahrung" hinzu - ein Wort, das der trauernden Mutter des Opfers zumindest ein kurzes Lächeln entlockt.

Silvio S.

Mit einem Aktenordner vor dem Gesicht betritt Silvio S. vor der Verkündung des ersten Urteils 2016 in Potsdam einen Saal des Landgerichtes

"Meine Augen, meine Augen", sagt Januzi und immer wieder zeigt sie mit den Händen auf ihr Gesicht. "Ich keine Tränen. Keine Tränen mehr." Sie kann nur sehr schlecht Deutsch und ihre Dolmetscherin ist jetzt gerade nicht in der Nähe. Sie erzählt noch von einem Foto. "Seit ein Jahr, ich nicht sehen. Foto von Mohamed. Ich kann nicht."

Es ist nicht völlig klar, was sie sagen will, aber offenbar meint sie, dass sie so viel geweint hat, dass sie jetzt nicht mal mehr Tränen hat. Und, dass sie es seit einem Jahr nicht mehr schafft, das Foto ihres Sohnes anzuschauen, des kleinen Mohamed, der ihr genommen wurde, als er gerade mal vier Jahre alt war.

Mohameds Mutter: Die Frau, die keine Tränen mehr hat

Die Frau, die keine Tränen mehr hat. Sie wirkt so klein und zerbrechlich, wie sie da steht auf dem Flur im ersten Stock des Bundesverwaltungsgerichts in , so, als werde sie fast erdrückt von der schweren, wilhelminischen Architektur.

Alle Tränen sind geweint. Aber heute bekommt Aldiana Januzi wenigstens ein Stück Genugtuung. Das Wort, das dieser vor Trauer wie erstarrt wirkenden Frau dann doch noch ein Lächeln entlockt, ist kein schönes Wort, ein sehr deutsches Wort, aber für die Mutter ist es ein sehr schönes Wort: " ".

Soeben hat der fünfte Strafsenat des Bundesgerichtshofes ( ) entschieden: Der Fall des Kindermörders Silvio S. muss noch mal verhandelt werden. Das zuständige Landgericht Potsdam, dass den heute 34 Jahre alten Angeklagten vor knapp einem Jahr bereits zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt hatte, muss jetzt erneut entscheiden: Ob gegen Silvio S. zusätzlich eine "Sicherungsverwahrung" angeordnet wird. Es würde bedeuten, dass der Mann, der Aldiana Januzis Sohn Mohamed im Oktober 2015 entführt, auf grausame Weise gequält, sexuell missbraucht und schließlich mit einem Gürtel aus seiner Arbeitshose erdrosselt hat, möglicherweise nie wieder das Licht der Freiheit erblickt, weil weitere Taten auch nach Verbüßung der Haft nicht auszuschließen sind.

"Sicherungsverwahrung" – mehr geht nicht im deutschen Strafrecht. Und genau das, findet Aldian Januzi ist auch angemessen, für das, was Silvio S. ihrem Sohn angetan hat und es ist aus ihrer Sicht auch genau das Richtige für den Schmerz, den dieser Mann ihr zugefügt hat.

Der BGH ist an diesem Tag in den großen Saal des Bundesverwaltungsgerichts ausgewichen, weil das Interesse riesengroß ist: bei den Journalisten, aber auch bei den Jura-Studenten und den Schulklassen, die jetzt tatsächlich fast alle Sitzreihen dicht gedrängt füllen.

Es geht um ein entsetzliches Verbrechen, dass Deutschland bewegt hat wie nur wenige zuvor: Im Juli und Oktober 2015 hatte Silvio S. die Elias (6) und Mohamed (4) in seine Gewalt gebracht, gequält, sexuell missbraucht und schließlich umgebracht. Den kleinen Mohamed hatte der Täter im Flüchtlingschaos auf dem Gelände des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) mit einem Kuscheltier von Aldiana Januzi weggelockt.

Nach dem heutigen Urteilsspruch des BGH steht fest: Das Landgericht Potsdam, das vor einem Jahr das Urteil fällte, muss nochmal entscheiden – nicht über die Tatsache, dass Silvio S. ein Mörder ist und auch nicht über die lebenslängliche Freiheitsstrafe – sondern nur über die möglicherweise zusätzlich zu verhängende Sicherungsverwahrung. Begründung der Leipziger Bundesrichter: Das Gericht in Potsdam habe in der Frage einer möglicherweise anzuordnenden Sicherungsverwahrung eine "unzureichende Würdigung" aller in Frage kommenden Sachverhalte und Gesichtspunkte vorgenommen. Die Taten von Silvio S. seien "bis in die Details geplant, in menschenverachtender Weise ausgeführt und von völliger Empathielosigkeit geprägt" gewesen. Es sei nicht auszuschließen, dass Silvio S. ein sogenannten "Hangtäter" sei, also eine "fest eingewurzelte Neigung zur Begehung von Straftaten" in sich trage und daher auch nach Ende seiner Haft besonders gefährlich sein werde.

Die Potsdamer Richter hatten Silvio S. vor einem Jahr zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und die "besondere Schwere der Schuld" festgestellt. Damit war klar, dass in diesem Fall nicht, wie bei lebenslänglichen Freiheitsstrafen sonst üblich, nach Verbüßung von 15 Jahren Haftdauer erstmals über eine mögliche Freilassung entschieden wird. Täter mit einer "besonderen "Schwere der Schuld" kommen in der Regel frühestens nach 18 bis 21 Jahren wieder frei. Eine Sicherungsverwahrung wollte die Potsdamer Strafkammer allerdings nicht gegen Silvio S. verhängen. Nun muss sich eine andere Strafkammer des Landgerichts erneut mit dieser Frage befassen, ob Silvio S. nach Verbüßung der Haftstrafe weiter weggesperrt bleiben muss, weil von ihm eine zu große Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht.

Silvio S. erschien heute nicht vor dem BGH

Silvio S. erschien heute nicht vor dem vor dem BGH, das wäre in einem solchen Revisionsverfahren auch höchst unüblich. Wenig ist über ihn bekannt, nur, dass er seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt Brandburg/Havel absitzt, Besuch von seiner Mutter und seiner Schwester bekommen hat und nach der Festnahme wieder mit dem Rauchen anfing –15 bis 20 Zigaretten pro Tag.

Auch Anita S., die Mutter des Mordopfers Elias, kam nicht. Aber ganz vorne, in der ersten Reihe saß Aldiana Januzi, begleitet nur von ihrem Bruder Fadi Januzi und einer Dolmetscherin. Regungslos verfolgte sie die kurze, gerade mal eine gute halbe Stunde dauernde Verhandlung – und dann am frühen Nachmittag nach einer kurzen Pause die Urteilsverkündung durch die hohen Richter in ihren roten Roben. Auf die Frage des Richters am Ende der Verhandlung, ob sie noch etwas sagen wolle, ließ sie über ihre Dolmetscherin nur zwei Sätze ausrichten: "Wir schließen uns dem Antrag der Anwälte an. Wir wollen die Sicherungsverwahrung."

Respekt einflößend, aber auch sehr würdevoll war die Atmosphäre in dem großen, im Stil des späten Historismus gehaltene Verhandlungssaal, in dem in den 30er Jahren schon die Prozesse gegen Georgi Dimitroff und Marinus van der Lubbe wegen des Reichstagsbrandes stattfanden. Vor dieser imposanten Kulisse nun als noch einmal eine Verhandlung um die Morde des Silvio S. – Morde, die erbärmlich waren und monströs zugleich, monströs in ihrer Grausamkeit. Silvio S. soll den kleinen Elias mehrere Stunden schwer oral und anal missbraucht haben, bevor er ihm durch Erdrosseln das Leben nahm. Den kleinen Mohamed hat der Täter ebenfalls missbraucht und sich und das Kind dabei auch noch mit seiner Handy-Kamera gefilmt.

"Sicherheitsverwahrung" - dieses Wort nimmt sie mit

Menschen können an so etwas zerbrechen. Ob Aldiana Januzi daran zerbrechen wird, ist noch nicht klar. Aber immerhin hat sie jetzt dieses Wort, das sie mitnehmen kann: "Sicherungsverwahrung".

Am Ende eilt sie aus dem Gebäude und sagt im Weggehen nur noch: "Sehen. Sehen wieder. In Potsdam." Und dann lächelt sie sogar, wenigstens ein bisschen.