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Prozess um Kindermorde: Die Tränen des Silvio S.

Der Mann, der Elias und Mohamed umgebracht haben soll, zeigt zum erste Mal so etwas wie Rührung. Am dritten Prozesstag recherchiert das Gericht im Vorleben des mutmaßlichen Kindermörders Silvio S. Es muss eine Hölle aus Einsamkeit und Lieblosigkeit gewesen sein.

Silvio S. vor dem Gericht.

Silvio S. vor dem Gericht. Noch immer schweigt der Angeklagte.

Immer wieder greift Silvio S. nach einem Papiertaschentuch, das vor ihm liegt, immer wieder wendet er den Blick nach unten, immer wieder füllen sich seine Augen mit Tränen. Zum ersten Mal zeigt der Mann, dem die grausamen Morde an Elias (6) und Mohamed (4) zur Last gelegt werden, im Gerichtssaal Zeichen der Rührung. 

Der Grund ist Manuela B., 39 Jahre alt, Hausfrau aus dem brandenburgischen Jüterbog. Sie lebte wie der mutmaßliche Täter in dem kleinen Dorf Kaltenborn und war wohl der einzige Mensch, bei dem er so etwas wie Nähe, Vertrauen und Zuwendung fand. "Ich bin fix und alle. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Silvio so was gemacht haben soll", sagt Manuela B., die als Zeugin geladen ist. Immer wieder schaut sie nicht den Richter an, der sie befragt, sondern blickt für unendlich lange Sekunden zum Angeklagten herüber. 

Oft suchte Silvio S. bei ihr Zuflucht und berichtete von schweren Konflikten, die er mit seinem Vater hatte, einem "Haustyrann", wie ihn ein anderer Zeuge charakterisiert. "Silvio hat richtig geweint, es hat ihm auch gut getan", erinnert sich Manuela B. Manchmal blieb er bis in die frühen Morgenstunden bei ihr. Dann sagte sie zu ihm: "Du müsstest jetzt eigentlich nach Hause, Du kannst ja morgen wiederkommen."

"Es kam keine Liebe rüber, keine Worte, nichts"

Dritter Prozesstag vor dem Landgericht Potsdam. Verhandelt werden hier in Saal 8 seit einer Woche die Untaten einer Unperson: Silvio S. (33), Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, zuletzt wohnhaft in Kaltenborn, einem Dorf südlich von Berlin. Mehr und mehr kommt jetzt Licht in das bisher weithin unbekannte Vorleben des mutmaßlichen Täters. Nach dem, was die befragten Zeugen berichten, muss es ein einsames, trostloses Leben gewesen sein.

Silvio S. nahm sein Mittagessen nicht am Familientisch ein, sondern ging mit dem gefüllten Teller in seine eigene Zimmerflucht, die er im ersten Stock bewohnte, weil er die Vorwürfe seines Vaters, der ihn oft anbrüllte, nicht mehr ertragen konnte. Der Vater störte sich vor allem am ungepflegten Äußeren mit Bart und Schlabber-Pulli. "Wenn Du so weiter rumläufst, findest Du nie eine Freundin!" soll er dem Sohn in einer lautstraken Auseinandersetzung entgegengeschleudert haben.

Ein weiterer Zeuge, Ex-Ehemann der Schwester von Silvio S. erzählt: "Sobald der Vater laut wurde oder in der Nähe war, ist Silvio abgehauen. Er hat nie gelacht, wenn der Vater in der Nähe war. Der Vater hat ihn  angebrüllt und eingeschüchtert vom Feinsten, so was hab ich noch nie erlebt." Dann fügt er an: "Es kam keine Liebe rüber, keine Worte, nichts."

Die erste Große Strafkammer des Landgerichts Potsdam versucht heute, Weiteres über die Persönlichkeit des mutmaßlichen Täters in Erfahrung zu bringen. Silvio S. hat die Taten zwar vorab bereits gestanden – im Prozess aber schweigt er weiter beharrlich.

Silvio S., eine seltsam verhockte Existenz

Als Zeugen vernimmt das Gericht – neben der Nachbarstochter Manuela B. – vor allem ehemalige Lebenspartner der Schwester des Angeklagten. Alle zeichnen das Bild eines notorischen Einzelgängers, verschlossen, selbst auf Dorffesten nur selten wirklich offen.

Eine seltsam verhockte Existenz: Währen die anderen zu Hause auszogen, sich Beruf und Lebenspartner suchten und Kinder in die Welt setzten, blieb Silvio S., das "Mutti-Kind", wie ihn ein Zeuge nennt, bei seinen Eltern wohnen – in seinen zwei kleinen Zimmern, in denen es unaufgeräumt war: überquellende Papierkörbe, Berge von benutzten Papiertaschentüchern, leere Chips-Tüten und Cola-Flaschen. Es roch nach "altem Mann", wie sich ein Zeuge erinnert. Silvio S. schloss seine Zimmerflucht stets ab, auch wenn er sie nur für kurze Zeit verließ.

Frauen? Er habe sich schon nach einer Freundin gesehnt, berichten die Zeugen – aber mehr auch nicht. "Er war nicht so, dass du jetzt sagen kannst, mit dem kannst du durch Discos ziehen", berichtet einer.

Silvio S. war der etwas verschroben wirkende Dorf-Sonderling – aber ein Mörder? "Von meiner Seite aus bin ich sprachlos", sagt ein als Zeuge auftretender Ex-Freund der Schwester von Silvio S. "Ich habe auch mit meiner Freundin drüber gesprochen: Wieso? Weshalb? Warum? Aber die richtige Antwort kriegen wir ja nicht."

"Sie waren nicht ängstlich ihm gegenüber."

Warum? Warum? Warum? Immer wieder fragt das Gericht, ob Silvio S. sich denn auffällig verhalten habe gegenüber Kindern von Nachbarn, Bekannten, Freunden. "Er kann gut mit Kindern umgehen. Kinder haben eher den Kontakt mit ihm gesucht. Kinder liegen ihm irgendwie", erinnert sich der Ex-Freund von Silvios S.' Schwester. "Sie haben gerne mit ihm gespielt. Sie waren nicht ängstlich ihm gegenüber."

Besonders eine Episode interessiert das Gericht: Eine kleines Nachbarsmädchen habe mal mit Silvio S. zusammen auf einer Hollywood-Schaukel gesessen, händchenhaltend, wie ein Paar. Hinterher habe das Kind, das noch unter zehn Jahre alt gewesen sei, berichtet: "Wir haben uns geküsst." Eine, wenn auch leichte Form des sexuellen Missbrauchs? Und ein erster Hinweis auf die dunklen Seiten im Triebleben jenes Mannes, der zwei kleine Kinder entführt, gequält und erdrosselt haben soll? Doch alles Nachfragen seitens des Gerichts zu der Begebenheit auf der Hollywood-Schaukel bringt einstweilen keine weiteren Erkenntnisse.

Sivio S. sitzt wie versteinert da, wie immer in seinem grauen Kapuzenpulli, er lässt alles geduldig über sich ergehen. Nur in den Minuten, in denen Manuela B. aussagt, kämpft er ganz offensichtlich einen schweren inneren Kampf. Oft atmet er tief durch, knetet die Hände, faltet sie, presst sie ineinander, bis die Knöchel weiß werden.

Manuela B. blickt ihn an, nur drei Meter trennen sie von Silvio S., sie blickt, als wolle sie sagen: "Warum hast du das getan? Sag, dass das alles nicht wahr ist." Sie erzählt, dass sie irgendwann weggezogen ist aus Kaltenborn, nach Jüterbog, die nächste größere Stadt. "Da war Silvio schon enttäuscht", erinnert sie sich. Der Richter will wissen, wie lange die beiden danach noch Kontakt hatten. Sie erzählt, dass sie Silvio nochmal zufällig beim Einkaufen getroffen hat. Beide tauschten die Handy-Nummern aus. "Ich hab’ noch zu ihm gesagt: 'Du kannst dich ja mal melden'"

Aber Silvio S. hat sich nie wieder gemeldet.

Es werden wohl noch viele Tränen fließen im Saal 8 des Landgerichts Potsdam. Am kommenden Montag ist Aldiana Januzi als Zeugin geladen, die Mutter von Mohamed. Man fand die Leiche ihres Kindes in einer Plastikwanne, der Täter hatte den kleinen Körper mit Katzenstreu bedeckt, damit er nicht so riecht.

In Kaltenborn aber will keiner mehr über die Taten reden, berichtet ein Nachbar, der direkt gegenüber von dem Haus wohnt, in dem Silvio S. im ersten Stock Mohammed erdrosselt haben soll, als der verlassen und verängstigt nach seiner Mutter schrie. Der Richter will vom Zeugen wissen, wie das denn so ist, wenn er die Eltern von Silvio S., die immer noch in dem unscheinbaren grauen Haus am Dorfrand leben, auf der Straße trifft. „Die benehmen sich so, als wenn nichts passiert ist“, sagt der Nachbar. „Grüßen ganz normal, mit ‚Ah!’ und ‚Hallo!’." Dann fügt er hinzu: "Kann ich nich’ nachvollziehen."


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