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Schockierende Enthüllungen: Das bizarre Doppelleben des Silvio S.

Im Prozess gegen Silvio S. stellt sich heraus: Der mutmaßliche Mörder von Mohamed und Elias führte ein unheimliches Doppelleben. Er war besessen von Gewalt- und Sexphantasien – und hatte schon seit langem Kinder im Visier.

Silvio S. verdeckt im Landgericht zu Potsdam sein Gesicht mit einem Aktenordner

Silvio S., der mutmaßliche Mörder von Elias und Mohamed, verdeckt im Landgericht zu Potsdam sein Gesicht mit einem Aktenordner

Silvio S. schweigt, kein Wort hat der Angeklagte bisher vor dem Landgericht Potsdam zu den beiden Kindsmorden gesagt, die ihm zur Last gelegt werden. Ehemalige Freunde und Bekannte, die bisher als Zeugen aussagten, zeigten sich fassungslos. "Das hätte ich nie gedacht, nie im Leben, dass er so was macht", sagte ein ehemaliger Kumpel.

Jetzt aber kommen mehr und mehr Details aus dem Vorleben des mutmaßlichen Täters ans Licht. Im Prozess vor der Ersten Großen Strafkammer sagten heute mehrere Kriminalbeamte aus, die nach der Festnahme von Silvio S. im Herbst 2015 dessen Wohnung in einem Einfamilienhaus im brandenburgischen Dorf Kaltenborn durchsuchten. Ihre Funde zeigen, dass Silvio S. viel mehr war, als der unbeholfene, kontaktscheue Einzelgänger, als den ihn frühere Bekannte schildern.

Silvio S.: Drückende Beweise gegen ihn

Der mutmaßliche Mörder von Elias (6) und Mohamed (4) muss schon lange vor den Taten, die ihm mit drückenden Beweisen zur Last gelegt werden, ein bizarres Doppelleben geführt haben. Er war offenbar besessen von dunklen Gewalt- und Sexualphantasien. Und die Verbrechen können, wenn er sie denn begangen hat, keine spontanen Affekt-Taten gewesen sein. Im Gegenteil. Die technische und logistische Vorbereitung einer Kindesentführung, der anschließende sexuellen Missbrauch der Opfer, die Dokumentation ihrer Qualen – mit all dem hat sich Silvio S. offenbar schon lange vor den Taten beschäftigt, die ihm jetzt vorgeworfen werden.

Am 29. Oktober 2015 wurde Silvio S. festgenommen. Er wohnte bis zuletzt gemeinsam mit seinen Eltern in einem unscheinbaren Haus am Rand des brandenburgischen Dörfchens Kaltenborn. Im Erdgeschoss leben noch heute seine Eltern. Eine schmale, steile Treppe führt, so schildern es die Beamten, von dort in den ersten Stock – dort wohnte Silvio S.. Biegt man nach links ab, gelangt man in sein ehemaliges Wohnzimmer, von dem eine kleine Kammer abgeht, die Silvio S. stets mit einem Vorhängeschloss sicherte. Wendet man sich vom Treppenabsatz nach rechts, so gelangt man in sein Schlafzimmer. In dieser ersten Etage soll Silvio S. auch den kleinen Mohamed (4) erdrosselt haben.

Nach seiner Festnahme durchsuchten Kriminaltechniker und Spurensicherer die Räume akribisch, in mehreren Etappen. Die Zimmerflucht, die Silvio S. stets sorgfältig abgeschlossen hatte, auch wenn er sie nur kurz verließ, machte einen unaufgeräumten und verwahrosten Eindruck. "Es war das reinste Chaos", erinnert sich eine Beamtin, die dabei war. "Wir fanden ‘ne richtige Unmenge von Spuren, muss man sagen."

Als die Ermittler die Kammer öffneten, stießen sie als erstes auf einen schwarzen, aufblasbaren sogenannten "Fesselstuhl", mit Manschetten zur Fixierung der Arme, wie er in der Sado-Maso-Szene benutzt wird. Unter einem Berg von Gerümpel fischten sie anschließend, bedeckt von einer gelben Plastiktüte, zwei Notizzettel heraus, auf einem waren mit rosa Textmarker die Worte notiert:

Mädchen

Junge

Messer

Wohnwagen im Wald

Kind besoffen machen, fesseln

Mund zukleben

Knebeln 

Handschriftenvergleiche haben ergeben, dass die Notizen mit hoher Wahrscheinlichkeit von Silvio S. stammen. "Die Worte scheinen die Interessen von Herrn S. widerzuspiegeln", bemerkt im Gerichtssaal eine der damals ermittelnden Beamtinnen trocken. "Es klingt wie ‘ne Phantasie, was man mal umsetzen möchte."

Als "Spur 31/431" und "Spur 31/432" haben die Zettel Eingang in die Ermittlungsakten gefunden. Sie sind schon schockierend genug. Doch die Ermittler fanden noch mehr. Massenweise Kinderbekleidung, dazu Folter- und SM-Utensilien. Und: einen Plüsch-Teddy, den Bauch aufgeschnitten, darin: das Objektiv einer Video-Kamera, gerichtet in den Wohnraum von Silvio S.

Insgesamt 238 Spuren wurden allein am 10. November 2015 in der ersten Etage des Hauses in Kaltenborn gesichert. Nach einer kurzen Pause in der Nacht ging es am nächsten Morgen weiter. Was die Ermittler alles in der verrümpelten Wohnung entdeckten, liest sich wie eine Liste des Horrors:

Im Schlafzimmer:

Zahlreiche Kinderpuppen

Mehrere Perücken

Mehrere Gesichtsmasken

1 Mundspreizer

Im Wohnzimmer:

1 Mundspreizer

1 Plüsch-Teddy, mit eingebauter Videokamera im Bauchraum

diverse Kondome, zum Teil mit Ejakulat gefüllt

In der Kammer:

1 Album, darin aus diversen Zeitungsartikeln ausgeschnitten und eingeklebt: zahlreiche Porträt-Fotos von Babys, Mädchen, Jungen

Weiterhin wurde gefunden:

1 Mädchenkleid

1 Kinderslip (originalverpackt)

1 Oberteil für Mädchen

Badetop, Badehose und Baderock für Mädchen

1 Satz Einmal-Handschuhe (originalverpackt)

1 Stück Paketschnürband (originalverpackt)

1 Plastikfessel

Silvio S. tätigte zudem diverse Einkäufe bei ebay – und zwar unter dem Kennwort "Luna.14913". 14913 ist die Postleitzahl seines Wohnortes, Kaltenborn. Die Käufe des mutmaßlichen Mörders konnte die Polizei rekonstruieren. Allein in den knapp drei Jahren zwischen dem 1.1.2013 und seiner Festnahme Ende Oktober 2015 kaufte der Angeklagte:

1 sog. "Teddy-Cam", zum Einbau in Plüschtieren

8 Puppen, darunter mehrere, besonders lebensecht wirkende sogenannte "Künstlerpuppen" wie das Modell "Chiara", sowie ebenfalls lebensecht wirkende Säuglingspuppen, wie das Modell "New Born"

Festkleider für Mädchen

Prinzessinen-Kleider für Mädchen

Schmuckstücke und Ohrstecker für Kinder

2 Tiger-Kostüme

Faschings-Masken aus Latex

mehrere sogenannte Bondage-Masken, wie sie in der SM-Szene für Fesselspiele benutzt werden

mehrere Lederrriemen

mehrere Mundknebel

1 Halskrause für Kinder

3 Exemplare eines Vaginal-Speculums, wie es von Gynäkologen benutzt wird

1 Leder-Fesselriemen

Diverse Horrormasken und Karnevalsmasken

1 Paar Handschellen

1 Wildtierkamera

1 Nachtsichtgerät "Call of Duty"

Viele dieser Gegenstände wurden in der Wohnung von Silvio S. gefunden oder in dem weißen Dacia, den er laut Anklage benutzt hat, um seine Mordopfer zu entführen.

Später werteten die Ermittler auch Bildmaterial aus, das Silvio S. mit seinen Kameras angefertigt hatte. Sie fanden eine Reihe von Aufnahmen, auf denen eine männliche Person zu erkennen ist, die eine Latex-Maske trägt und sich auf dem Bett liegend "mit einer Puppe beschäftigt", wie es eine Kriminalbeamtin im Prozess formuliert – womit sie wohl sexuelle Handlungen meint.

Die Abgründe werden mit jedem Tag tiefer

Nicht weniger unheimlich ein weiterer Fund: In dem Chaos, das Silvio S. hinterließ, entdeckten die Ermittler in einer Klarsichthülle auch einen Handzettel mit der Aufschrift: "Seit gestern, 8.7: Elias vermisst." Mit solchen Flyern wurde nach dem kleinen Elias (6) gesucht, nachdem dieser im Juli 2015 im Neubaugebiet Potsdam-Schlaatz verschwunden war. An den Ecken des bei Silvio S. gefundenen Exemplars hing Klebeband, die Klebeseite war verschmutzt. Daraus schließen die Beamten: Der Suchzettel wurde vermutlich von einer Aushangstelle entfernt. Die Ermittler wissen zudem, dass Flyer mit exakt dieser Aufschrift nur unmittelbar nach dem Verschwinden des Kindes und auch nur in der näheren Umgebung des Wohnhauses von Elias aufgehängt wurden. Ist Silvio S. also kurz nachdem er Elias entführte nochmal an den Ort seiner Tat zurückgekehrt und hat, quasi als Souvenir, einen der Such-Flyer mitgenommen?

Die Abgründe, in die alle blicken, die sich mit diesem Fall beschäftigen, sie werden mit jedem Verhandlungstag tiefer. In all die Aufregung um die bizarre Doppelwelt, in der Silvio S. offenbar jahrelang existierte, mischte sich am fünften Tag des Prozesses allerdings auch ein Moment der Stille. Das war, als die Ermittler berichteten, was sie in der Wohnung des Silvio S. auch gefunden hatten: Die Hose und den Pullover von Mohamed, des kleinen Flüchtlingsjungen aus Bosnien, der im Alter von vier Jahren in Deutschland sein Leben verlor.