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Sittensen-Morde: Neuer Prozess um Mordnacht im China-Restaurant

Sieben Morde, sieben aus nächster Nähe erschossene Menschen: In der 6000-Seelen-Gemeinde Sittensen in Niedersachsen geschah vor knapp einem Jahr ein grausames und fast unvorstellbares Verbrechen. Jetzt stehen die Angeklagten erneut vor Gericht.

Startschwierigkeiten bei dem erneut eröffneten Prozess um den siebenfachen Mord in einem China-Restaurant in Sittensen lassen ein langwieriges Verfahren erwarten. Vor dem Landgericht Stade brachten die Verteidiger der fünf angeklagten Vietnamesen erneut zahlreiche Anträge ein. Im Gegensatz zum ersten Verfahren konnten zum Prozessauftakt am Mittwoch immerhin die Anklageschriften verlesen werden. Die Angeklagten im Alter von 30 bis 42 Jahren verweigerten erneut die Aussage.

Die zwei Brüderpaare und ein weiterer Vietnamese sollen laut Staatsanwaltschaft gemeinsam den Überfall auf das Lokal "Lin Yue" geplant haben. Dabei wurden das Betreiberehepaar und fünf Angestellte erschossen, nur die zweijährige Tochter der Inhaber wurde verschont. Die Beute bestand aus rund 5000 Euro sowie Laptops und Handys. Die Anklage lautet im Fall von drei Männern auf gemeinschaftlichen schweren Raub und siebenfachen Mord "aus Habgier und um eine andere Straftat zu verdecken". Sie sollen am 4. Februar 2007 nach Ladenschluss gegen 23.00 Uhr in das Restaurant gegangen sein und die Mitarbeiter mit Kabelbindern gefesselt haben.

Der als Haupttäter geltende 30-jährige Phong D.C. hat laut Staatsanwaltschaft die Tatwaffe mit Schalldämpfer mitgebracht und geführt. Er habe zunächst den nicht gefesselten und möglicherweise erst später entdeckten Koch erschossen, dann den Inhaber des Lokals und später zur Verdeckung dieser Tat die weiteren Opfer. Diese seien mit jeweils einem "Kopfschuss aus kurzer Distanz" getötet worden. Die beiden anderen Angeklagten gelten als Mittäter. Dem vierten Mann wird schwerer Raub vorgeworfen. Er soll während der Tat Schmiere gestanden und den Fluchtwagen gefahren haben. Der fünfte Angeklagte, eine ehemalige Aushilfe des "Lin Yue", soll die anderen angestiftet haben.

"Vermeidbare Justizfehler

Sie seien generell zu einem Raubüberfall bereit gewesen, aber er habe sie auf dieses konkrete Restaurant gebracht und Insiderwissen geliefert, heißt es in der Anklage, die sich vor allem auf Indizien und Zeugenaussagen stützt. Alle fünf verweigerten am Mittwoch die Aussage zu den Vorwürfen. Wie schon im ersten Verfahren brachten die Verteidiger zahlreiche Anträge ein, wie zur Aufhebung der Untersuchungshaft. Anwalt Bernhard Docke warf dem Gericht einen "vermeidbaren Justizfehler" vor. Es habe das erste Verfahren "mit unvertretbarem Risiko" begonnen, weil es keinen Ersatzrichter benannt hatte. "Das stellt einen Verstoß gegen das Beschleunigungsgebot dar", sagte Docke. Das Gericht kündigte eine Entscheidung über die Haftaufhebung für die kommende Woche an.

Die im August vergangenen Jahres eröffnete Hauptverhandlung war im Dezember wegen Erkrankung einer Richterin nach knapp 20 Verhandlungstagen abgebrochen worden. Mit einer neuen Richterin sowie einem Ergänzungsrichter wird nun das Verfahren nun von vorne geführt. Außerdem rügten die Verteidiger erneut die Besetzung der Strafkammer, fehlende Akteneinsicht sowie vermeintliche Widersprüche in den Anklagen. Ferner beantragten die Anwälte eines Verdächtigen Einsicht in Akten eines Verfahrens in Essen. Darin geht es um einen Überfall, in den ein oder zwei andere Angeklagte verwickelt gewesen sein sollen.

Anwalt rechnet mit langem Prozess

Auf Bitte eines erkrankten Verteidigers vertagte das Gericht die Verhandlung am Mittag auf (den morgigen) Donnerstag. Dann sollten erste Zeugen befragt werden, unter anderen eine Polizeibeamtin, die kurz nach der Tat vor Ort war. Es ist davon auszugehen, dass die zunächst bis Sommer angesetzten rund 50 Verhandlungstermine nicht ausreichen werden. «Das ist ein sehr komplexer Prozessstoff», sagte Docke. Es gehe für die Angeklagten dabei um sehr viel. Für Mord droht lebenslange Haft, für schweren Raub und Anstiftung zum Raub drei bis 15 Jahre.

Simone Utler/AP / AP