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Sizilien: Ein Mafia-Prinz kehrt heim

Das sizilianische Dorf Corleone ist der Inbegriff für die sizilianische Mafia. Hier regierte einst Toto Riina über sein kleines Imperiun. Als jüngst Riinas Sohn, Giuseppe Riina, aus der Haft heimkehrte, war Corleone aber nicht mehr dasselbe Dorf: Es wehrt sich gegen den Mafiosi.

Von Luisa Brandl

Mama holte ihn mit einer schwarzen Limousine vom Hochsicherheitstrakt in Sulmona ab. Aus den Hochlagen des Apennins ging es dann runter nach Sizilien. Wegen eines Verfahrensfehlers war Giuseppe Salvatore Riina nach sechs Jahren Haft vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden und kehrte in seine Heimat zurück. Doch in Corleone empfingen den Sohn des Mafia-Bosses Toto Riina heftige Proteste. In dem Ort, dem seit der Filmtriologie "Der Pate" der Makel der Mafia anhaftet, fürchtet man ein Wiederaufleben des organisierten Verbrechens.

Am Morgen nach seiner Ankunft erwarteten Kamerateams und eine Fotografenmeute den 28-jährigen Mafia-Sprössling. Riina schlenderte in Markenklamotten und Designer-Sonnenbrille durch den Ort, bepackt mit Einkaufstüten und süßen Teigwaren für seine Mutter. Während er Freunde grüßte, starrten ihn die Dorfbewohner an. Doch Bürgermeister Antonio Iannanzzo verurteilte seine Rückkehr und erklärte, Corleone habe sich geändert seit den 80ern, als Giuseppes Vater Toto "der Kurze" hier sein mörderisches Imperium errichtete. "Wir wollen Riina hier nicht," wiederholte Iannanzzo vor der Presse. Der Gemeinderat steht hinter ihm und ließ verlauten, Riina habe in der Öffentlichkeit Alarm ausgelöst.

Freiheit dank Verfahrensfehler

Auf der Piazza demonstrierten Schülergruppen gegen die schleppende Justiz. Es sei das falsche Signal an die junge Generation, wenn Verbrecher auf freien Fuß gesetzt werden. Giuseppe Riina war 2004 wegen Mafiazugehörigkeit, Erpressung und Geldwäsche zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. In der Berufung wurde das Strafmaß im Dezember 2007 auf acht Jahre und zehn Monate herabgesetzt. Riina hatte dagegen Berufung eingelegt. Doch das Kassationsgericht schaffte es bis heute nicht, zu einer Entscheidung zu kommen. Riina musste wegen Ablauf der Fristen vorige Woche freigelassen werden.

Seit seiner Verhaftung hat sich Corleone jedoch gewandelt. Nach den Erfolgen im Kampf gegen die Mafia ist Cosa Nostra geschwächt. Die wichtigsten Paten sind hinter Gittern. Bernardo Provenzano "die Bestie" ging den Fahndern 2006 ins Netz, Salvatore lo Piccolo wurde voriges Jahr verhaftet. Sie waren die Nachfolger von Riinas Vater und alle drei mutmaßlich an den Attentaten auf die Mafiarichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino in den 90ern beteiligt.

Rocken gegen die Mafia

Senior Toto Riina, 77, sitzt zwölf lebenslange Haftstrafen wegen Mord ab, nachdem er 1993 festgenommen worden war. Sein Besitz in Corleone wurde beschlagnahmt. In seinen Häusern sind heute eine Schule, die Finanzpolizei und ein Bed & Breakfast untergebracht. Ein Rockkonzert gegen die Mafia zog im Dezember Tausende an. "Corleone hat gute Antikörper entwickelt," sagte der kommunale Beamte Dino Paternostro.

Doch das Wiederauftauchen Riinas löst im Ort Bestürzung und Besorgnis aus. Die führungslosen Mafiosi, so wird befürchtet, warten geradezu auf einen neuen Boss, der die Fäden in die Hand nimmt. Giuseppe hat die Auflage, sich alle drei Tage im Kommissariat zu melden und darf zwischen 20 Uhr abends und sieben Uhr früh das Haus nicht verlassen. Die Polizei verspricht, ihn im Auge zu behalten.