Skyguide-Prozess Täter muss acht Jahre ins Zuchthaus


Acht Jahre Haft wegen vorsätzlicher Tötung - so lautet das Urteil im Prozess gegen einen Nordossetier. Er hatte einen Fluglotsen erstochen, der für einen Flugzeugabsturz mitverantwortlich gewesen war.

Gut drei Jahre nach der Flugzeugkatastrophe von Überlingen ist ein Russe wegen vorsätzlicher Tötung des Fluglotsen zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Das Obergericht des Kantons Zürich sah es am Mittwoch als erwiesen an, dass der 49-Jährige Hinterbliebene aus Nordossetien den Mitarbeiter der Schweizer Flugsicherung Skyguide am 24. Februar 2004 vor dessen Haus in Zürich-Kloten erstochen hat. Bei dem Flugzeugunglück am Bodensee am 1. Juli 2002 hatte der Bauingenieur seine Ehefrau, seinen elfjährigen Sohn und seine vier Jahre alte Tochter verloren.

Nach Ansicht des Gerichts spielten bei der Tat Gedanken an Vergeltung für den schmerzhaften Verlust seiner Familie eine Rolle. Dieser Verlust habe ihn zu einem gebrochenen Mann gemacht. Die Richter betonten jedoch, dass es sich ausdrücklich nicht um Blutrache gehandelt habe. Diese Art der Selbstjustiz gehöre in der Heimat des 49-Jährigen nicht zur Tradition. Beim Angeklagten sei ungeachtet dessen eine "latente, unterschwellige Tatbereitschaft" festzustellen gewesen.

Angeklagter weigerte sich aufzustehen

Bei der Urteilsverkündung weigerte sich der 49-Jährige, sich aus Respekt vor der Justiz von seinem Stuhl zu erheben. Unter russischen Zuhörern wurden einzelne Unmutsäußerungen laut. Eine Gruppe von Verwandten und Freunden war unter Leitung von Präsident Taimuras Mamsurow aus Solidarität aus Nordossetien nach Zürich gekommen.

Der Bauingenieur hatte ein Teilgeständnis abgelegt, für die Bluttat jedoch Erinnerungslücken geltend gemacht. Immer wieder beteuerte er in der zweitägigen Verhandlung, er habe dem 36-jährigen Fluglotsen nur Fotos seiner toten Angehörigen zeigen und eine Entschuldigung für das ihm zugefügte Leid erhalten wollen. Als der völlig überraschte Lotse den schwarzgekleideten Fremden auf seiner Terrasse sah, abwehrende Handbewegungen machte und dabei ein Kuvert mit den Fotos zu Boden fiel, habe sich der Russe erneut gedemütigt gefühlt.

Grausam niedergemetzelt

Das Gericht berücksichtigte das Trauma durch das Flugzeugunglück und bescheinigte dem Angeklagten eine verminderte Zurechnungsfähigkeit auf Grund der psychischen Belastungen. Schwer wog andererseits, dass der Hinterbliebene sein "ahnungs- und wehrloses Opfer hemmungslos und grausam niedermetzelte", wie es einer der Richter formulierte.

Die Anklage hatte zwölf Jahre Zuchthausstrafe gefordert, die Verteidigung drei Jahre Gefängnis wegen Totschlags. Beim Zusammenprall zweier Maschinen über dem Bodensee waren 71 Menschen ums Leben gekommen, hauptsächlich Schulkinder aus der russischen Teilrepublik Baschkirien. Die Frau und die Kinder des Bauingenieurs waren in Moskau in die Maschine Richtung Spanien gestiegen.

"Skyguide saß nicht auf der Anklagebank."

Skyguide zählt nach dem Bericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU/Braunschweig) zu den Hauptverursachern der Katastrophe. Die strafrechtlichen Ermittlungen sind jedoch noch nicht abgeschlossen. Der Fluglotse saß in der Unglücksnacht allein vor den Radarschirmen im Zürcher Kontrollzentrum und hatte mit zahlreichen technischen Pannen zu kämpfen. Er soll aber auch Fehler gemacht haben. Der Mann hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Häufig zur Sprache kamen in dem ersten Strafrechtsverfahren nach dem Flugzeugabsturz auch Mängel bei Skyguide und die "völlig unzulängliche Informationspolitik". Das Gericht betonte jedoch: "Skyguide saß nicht auf der Anklagebank."

DPA DPA

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