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Prozess endet mit Freispruch Soko "Cold Case" will Mordversuch von 1980 aufklären - und scheitert krachend vor Gericht

Die Soko Cold Case beschäftigt sich mit Fällen, die lange ungelöst sind
Die Soko Cold Case beschäftigt sich mit Fällen, die lange ungelöst sind
© Georg Wendt / DPA
Es sollte der erste Gerichtserfolg der Cold-Case-Einheit der Hamburger Polizei werden - und endet in einem Desaster für die Sonderkommission. Die Richterin spricht den Angeklagten frei und wirft der Polizei schwere Fehler vor.

Vor ziemlich genau 38 Jahren attackiert ein Unbekannter ein 16-jähriges Mädchen im Hamburger Stadtteil Steilshoop. Er zieht sie ins Gebüsch, sticht zwölfmal auf sie ein und versucht, sie zu vergewaltigen. Von Passanten gestört, lässt er schließlich von seinem Opfer ab. Das Mädchen kommt nur dank einer Notoperation mit dem Leben davon. Die Tat wird sie allerdings noch Jahre verfolgen, denn der Fall wird nie aufgeklärt.

Anfang dieses Jahres dann präsentiert die Hamburger Soko "Cold Case" einen Tatverdächtigen. Die Staatsanwaltschaft klagt den 54-Jährigen des versuchten Mordes an. Es sollte der erste gelöste Fall der Hamburger Cold-Case-Einheit werden. Nun ist der Prozess zu Ende gegangen, mit einer krachenden Niederlage für die Hamburger Polizei.

Die Beweisaufnahme habe ergeben, dass der 54-Jährige nicht der Tat schuldig sei, sagte die Richterin. Der Anklagte wurde freigesprochen und soll für seine vier Monate in Untersuchungshaft mit 25 Euro pro Tag entschädigt werden. Drei von vier Indizien hätten für einen Schuldnachweis nicht getaugt, das vierte Indiz sei daraufhin gar nicht mehr geprüft worden. Verteidigung und selbst die Staatsanwaltschaft hatten zuletzt einen Freispruch gefordert. Die Richterin warf der Hamburger Polizei schwere Ermittlungsfehler vor. Die Soko "Cold Case" habe Zeugen getäuscht und sogar mit einer Belohnung zu Aussagen bewegt.

Soko "Cold Case" brechen die Zeugen weg

In dem Verfahren waren nach und nach die Zeugen weggebrochen. Ein wichtiger Belastungszeuge, ein Jugendfreund des Angeklagten, gab Medienberichten zufolge bei ersten Befragungen an, sich an kaum etwas erinnern zu können. Nachdem die Soko ihn auf eine 3000-Euro-Belohnung hingewiesen habe, "sprudelte" es dann doch aus ihm heraus, wie die "Hamburger Morgenpost" berichtet. Der Zeuge habe der Polizei berichtet, dass der dunkelhaarige Angeklagte damals blond gefärbte Haare gehabt habe, was der Beschreibung des Täters entsprach. Auch habe dieser das Messer besessen, das bei der Tat benutzt wurde. Der Zeuge habe es detailliert beschrieben, allerdings habe ein Foto davon bei der Befragung sichtbar an der Wand gehangen. Im Prozess habe sich dann herausgestellt, dass der Zeuge bereits ein Jahr vor der Tat aus dem Stadtteil Steilshoop weggezogen war.

"Wie bitter muss es für die Nebenklägerin sein, dass sie mit dem heutigen Freispruch wohl endgültig der Hoffnung beraubt wurde, zu erfahren, wer ihr dieses unsagbare Leid angetan hat", zitiert die "Morgenpost" aus der Urteilsbegründung. Das Opfer hatte zuvor bei der Polizei den Verdächtigen "zu 80 bis 90 Prozent" identifiziert. Allerdings hatte von den Personen auf den der Frau vorgelegten Fotos nur eine erkennbar Klamotten aus den 80er-Jahren an, nämlich der nun Angeklagte, wie unter anderem "Spiegel Online" berichtet.

Zudem sei mehreren Zeugen erzählt worden, man habe DNA-Spuren des Angeklagten am Tatmesser gefunden. Die Waffe sei jedoch schon vor Jahren in der Asservatenkammer verloren gegangen. Entsprechende Tests waren den Berichten zufolge gar nicht damit gemacht worden.

Richterin: "Nur Verlierer" in dem Verfahren

In ihrer Urteilsbegründung habe die Richterin die Polizeiarbeit dezidiert auseinandergenommen und scharf kritisiert. Opfer, Angeklagter und Hauptbelastungszeuge seien "höchst suggestiv" befragt und "gegebenenfalls sogar getäuscht" worden. Selbst wenn die Beweise als belastend herausgestellt hätten, so wären diese teilweise wohl durch "verbotene Ermittlungsmethoden" zustande gekommen, zitiert das "Hamburger Abendblatt" den Richterspruch. Mehreren Indizien, die zu Lasten des Hamburgers zusammengetragen worden seien, würde "aufgrund fehlerhafter Polizeiarbeit kein oder nur noch ein äußerst geringer Beweiswert" zukommen.

In diesem Verfahren gebe es "nur Verlierer" zitieren die Medien aus der Urteilsbegründung der Richterin. Damit meine sie ausdrücklich auch die Cold-Case-Einheit, weil sie nicht einen "ersten Gerichtserfolg vermarkten" könne, sondern "erstmal Fehler aufarbeiten" müsse. Das Opfer habe zudem erneut leiden und ihr Trauma von vor fast 40 Jahren wiederleben müssen. 

Mit den letzten Worten der Begründung richtete sich die Richterin an den Angeklagten: "Sie haben verzweifelt versucht, Ihre Unschuld zu beweisen, obwohl der Staat Ihre Schuld beweisen muss. Aber was hilft die Unschuldsvermutung, wenn die Polizei überzeugt ist, dass man der Täter ist? Für jemanden, der unschuldig ist, muss das schrecklich sein. Wir hoffen dass Sie irgendwann Ihren Frieden wiederfinden."

fin

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