Sonthofen Mord aus Mitleid


Die Exhumierung und Obduktion von 42 Leichen hat es zu Tage gebracht: Ein wegen Totschlags angeklagter Krankenpfleger brachte weit mehr Patienten um als bisher angenommen - angeblich aus Mitleid.

Es wäre der bislang größte derartige Fall in der deutschen Kriminalgeschichte: Bisher hatte ein Krankenpfleger gestanden, 16 Patienten mit Giftspritzen getötet zu haben. Doch jetzt haben sich die Mordvorwürfe gegen ihn dramatisch ausgeweitet. Die Justiz beschuldigt den 26-Jährigen, für den Tod von 13 weiteren - insgesamt also 29 - Patienten im Sonthofener Krankenhaus verantwortlich zu sein.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Kempten handelt es sich in sechs Fällen um Mord, in 22 Fällen um Totschlag und um einen Fall der Tötung auf Verlangen. Seine Opfer: 17 Frauen und zwölf Männer im Alter zwischen 40 und 94 Jahren. Außerdem werden dem Pfleger in einem neuen Haftbefehl eine versuchte Tötung und eine gefährliche Körperverletzung angelastet. Die rechtliche Differenzierung der Taten in Totschlag und Mord ergibt sich für die Staatsanwaltschaft durch die äußeren Umstände in jedem Einzelfall.

Im Arzneischrank fehlten Medikamente

Die Polizei war dem Krankenpfleger auf die Schliche gekommen, weil aus einem Arzneischrank des Krankenhauses Sonthofen über längere Zeit Medikamente verschwanden. Nach der Überprüfung von Dienstzeiten und Sterbefällen fiel der Verdacht schnell auf den 26-Jährigen. In seiner Wohnung wurden dann angebrochene Ampullen sichergestellt, die für die Tötung mehrerer Menschen ausgereicht hätten.

Nach der Exhumierung von 42 Patienten, die während der Dienstzeit des Pflegers gestorben waren, verhärtete sich der Verdacht gegen den Pfleger. Das Münchner Institut für Rechtsmedizin fand bei insgesamt 23 Leichen Rückstände von Arzneimitteln, die nicht ärztlich verordnet waren und in ihrer Kombination tödlich wirkten. Zehn dieser positiven Proben betrafen Patienten, die der in Haft sitzende Krankenpfleger bereits in seinem Geständnis namentlich genannt hatte.

Mord aus Mitleid

Immer wieder hatte der Krankenpfleger nach seiner Festnahme im Juli 2004 versichert, dass er aus Mitleid gehandelt habe und den Patienten sinnloses Leiden ersparen wollte. Ein Geständnis, das nicht ganz überzeugte. Nach Angaben der Polizei war der Großteil der zwischen Februar 2003 und Juli 2004 getöteten Patienten zwar älter als 75 Jahre und die jüngeren Opfern zwei schwer kranke Frauen. Doch laut Obduktionsbericht waren sechs Opfer nicht so schwer krank wie angegeben. Eine 73-jährige Frau habe sogar mit ihren Angehörigen Pläne für die Zeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus geschmiedet. Außerdem seien sechs Patienten während der Tat bei Bewusstsein gewesen, so dass dem Täter Heimtücke durch die Ausnutzung ihrer Arglosigkeit vorzuwerfen sei.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Pfleger deshalb Mord aus Heimtücke vor. Dass der Mann mehr als 29 Patienten mit Medikamenten-Cocktails getötet hat, schloss der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Pollert aus. Wann mit der Erhebung einer Anklage und der Festsetzung eines Prozesstermins zu rechnen sei, könne zurzeit nicht abgeschätzt werden, betonte die Staatsanwaltschaft. Ein psychiatrisches Gutachten des Beschuldigten soll klären, ob Mitleid als Tatmotiv glaubhaft sei.

DPA DPA

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