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Meinung

Prozess um Spätabtreibung: Angetreten, ein Leben zu retten. Verurteilt, eines beendet zu haben

Das Urteil im Berliner Prozess um eine Spätabtreibung bildet die Welt der Gesetze ab, scheitert aber an den Möglichkeiten der Medizin. Ein Kommentar.

Ein Kaiserschnitt in einem Kreißsaal

Ein Kaiserschnitt in einem Kreißsaal

DPA

Es gibt eine gute Nachricht zu all den schlechten, tragischen und vielleicht auch verstörenden in diesem Fall: Ein Mädchen lebt unter uns, neun Jahre alt, gesund. Und dass es dazu kam, ist nicht zuletzt jener Oberärztin und jenem Chefarzt zu verdanken, die gerade vom Berliner Landgericht wegen Totschlags zu Bewährungsstrafen von 18 und 21 Monaten verurteilt worden sind.

Zwei Aspekte waren für die Vorgehensweise der Ärzte am 12. Juli 2010 im Kreißsaal des Neuköllner Vivantes Klinikums maßgeblich: Die Sicherheit des gesunden Zwillings und die Entscheidung der Mutter für einen selektiven Fetozid, also die Abtreibung des schwer hirngeschädigten zweiten Zwillings. Die dafür notwendige medizinische Indikation lag vor.

Sektio am offenen Mutterleib nicht unbedingt gleichzusetzen mit Geburt

Wie schwer es in diesem Fall ist, Recht und Gesetz auf der einen, medizinische Wissenschaft und Praxis auf der anderen Seite in Einklang zu bringen, zeigt sich bei der mündlichen Urteilsbegründung durch den Vorsitzenden Richter: "Lege artis", also gesetzmäßig, "hätte man um 3.30 Uhr einen selektiven Fetozid durchführen können", um anschließend per Kaiserschnitt den lebenden und den dann toten Zwilling auf die Welt zu holen, sagt der Vorsitzende Richter. Zehn Minuten später, um 3.40 Uhr, brachten die Ärzte das gesunde Kind per Kaiserschnitt zur Welt und beendeten das Leben des noch im Mutterleib befindlichen kranken Fetus mit einer Kaliumchloridspritze.

Die Öffnung des Mutterleibs durch den Schnitt also soll den Unterschied markieren. Doch eine Sektio am offenen Mutterleib ist heutzutage nicht unbedingt gleichzusetzen mit einer Geburt.

Über die Frage, wann genau eine Geburt beginnt und was den Übergang von einem Fetus zu einem Menschen markiert, gibt es ganz unterschiedliche Auffassungen. Die rechtliche Definition ist eine davon, und möglicherweise muss sie angesichts der rasanten Entwicklung pränataler Diagnostik und der medizinischen Möglichkeiten überprüft werden.

Gibt keinen vernünftigen Grund, warum sich Geburtsmediziner zur Kindstötung verabreden sollten

Noch eine Woche zuvor hatte ein Gutachter vor Gericht erläutert, dass ein Abtöten des kranken Fetus im Mutterleib unabsehbare Folgen für den gesunden Fetus habe – und dass Ärzte in der Praxis dazu neigten, solche Eingriffe zeitlich vorzuverlegen, um sich aus der rechtlichen Grauzone zu entfernen, dabei aber bewusst das Risiko auf Mutter und Kind verlagern.

In diesem Fall also, so könnte man folgern, nahmen die Ärzte das Risiko auf sich. Und dafür wurden sie nun verurteilt. Das Urteil bildet die Welt der Gesetze ab, scheitert aber an den individuellen Unwägbarkeiten im Zuge einer Risikoschwangerschaft und den Möglichkeiten der Medizin.

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Dass der Vorsitzende Richter ihnen eine "nicht hinzunehmende Hybris" unterstellt und anfügt, "man war sich aufgrund der herausgehobenen Stellung sicher, dass hier niemand aufbegehren würde", ist obendrein unnötig. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum sich renommierte Geburtsmediziner zur Kindstötung verabreden sollten.