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Start des Kachelmann Prozesses Ein unwürdiger Rummel


Der erste Tag der Verhandlung gegen Jörg Kachelmann war geprägt von Peinlichkeiten und eitlen Selbstinszenierungen. Neben all den Comedians, Star-Feministinnen und C-Promis wurde die Frau, um die es im Prozess geht, fast übersehen.
Von Malte Arnsperger

Ein schwarzer Van biegt um die Ecke. Auf dem Beifahrersitz ein Mann mit dunklen, fast schulterlangen Haaren, Dreitagebart, Lederjacke, ernstem Blick. Fotografen und Kamerateams stellen sich dem Auto in den Weg, versuchen ein Bild des Mannes zu erhaschen. Der sieht aus wie Jörg Kachelmann, der Wettermoderator, auf den hier vor dem Landgericht Mannheim alle warten. Der Van steuert hinab ins Parkhaus, das Fenster öffnet sich einen Spalt weit. Der Mann sagt: "Ich bin unschuldig, das ist alles, was ich sagen kann." Es ist die Stimme von Oliver Pocher.

Der TV-Comedian hat den Medienrummel am ersten Tag des Vergewaltigungsprozesses gegen Kachelmann für einen Auftritt genutzt. Pocher, verkleidet als Kachelmann, hat dabei exakt die Worte gewählt, die der Schweizer Meteorologe nach einem Haftprüfungstermin vor einigen Monaten den damals wartenden Presseleuten zugeworfen hatte.

Es ist die große Kachelmann-Show

Die beiden Szenen stehen beispielhaft für die bizarre Inszenierung, die der Fall Kachelmann mit sich bringt. C-Promis wie Indira, die Sängerin der untergegangenen Popgruppe Brosis, stellen sich in die Warteschlange und wollen etwas abhaben von der medialen Aufmerksamkeit. "Es ist die große Kachelmann-Show und jede Show braucht ihre Zuschauer", begründet die Sängerin, die mit dem Moderator einen Flirt via SMS gehabt haben will, ihre Anwesenheit. Dann setzt sie sich neben eine ältere Dame mit Krücken in den Zuschauerraum des Gerichtssaals, rückt ihren kurzen schwarzen Rock zurecht und legt ihre langen Beine übereinander.

Der sogenannte Prozess des Jahres ist zugleich der Prozess der Selbstdarsteller. Allen voran Jörg Kachelmann. Er ist ein Medienprofi, einer, der von der öffentlichen Aufmerksamkeit lebte und damit umgehen kann. Doch als der 52-Jährige um 9.10 Uhr als letzter Verfahrensbeteiligter den Gerichtssaal 1 betritt, zeigt er gar nichts von seiner Unbekümmertheit, mit der er sonst Tiefdruckgebiete angesagt hat.

Im mittelblauen Anzug, frisch rasiert, mit kurzen Haaren, wirkt er eher wie ein Konfirmand. Während die Kameras surren, die Fotoapparate klicken, reden seine Anwälte auf ihn ein. Kachelmann verschränkt die Arme hinter dem Rücken und scheint nicht zuzuhören. Seine Augen irren unsicher durch den Saal. Nur kurz wagt er einen Blick auf die gegenüberliegende Seite, wo die Nebenklage ihren Platz hat. Dort sitzt Silvia May (Name von der Redaktion geändert). Mit ihrer Anwesenheit hat kaum einer gerechnet. Silvia May, die Frau, die Kachelmann in der Nacht zum 9. Februar brutal vergewaltigt haben soll.

Eine zierliche Frau mit blonden langen Haaren

Stets hieß es, May werde erst im Oktober den Gerichtssaal betreten, um ihre Aussage zu machen, keinen Tag früher. Doch da sitzt sie neben ihrem Anwalt Thomas Franz, eine zierliche Frau mit blonden langen Haaren, lila Hose, engem Halstuch. Ihr Anwalt gibt keinen Kommentar ab zu ihrer Präsenz. Sie schaut zur Richterbank, nicht in Kachelmanns Richtung. Sie war elf Jahre lang seine Geliebte, hat sich Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit Kindern gemacht. Doch nun ist der Moderator der Mann, den sie schwer belastet.

Die Staatsanwaltschaft Mannheim hat Kachelmann wegen Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall angeklagt. Die Mindeststrafe: fünf Jahre Gefängnis. Kachelmann, der die Vorwürfe bestreitet, weiß, dass es für ihn darauf ankommen wird, das Bild des harmlosen Frauenhelden abzugeben, der niemals zu einer Vergewaltigung fähig wäre. Deshalb kann man davon ausgehen, dass keine seiner Bewegungen im Gerichtssaal zufällig ist.

Kachelmann sitzt mit gefalteten Händen am Tisch, eingerahmt von seinen drei Anwälten. Mit ernsten, fast traurigen Augen blickt er zum Vorsitzenden Richter Michael Seidling, während der die Anwesenheit der Prozessbeteiligten feststellt.

"Mediale Notwehr"

Mehr passiert nicht an diesem Morgen. Auch Frauenrechtlerin und "Emma"-Gründerin Alice Schwarzer, die für die "Bild"-Zeitung berichtet, muss nach wenigen Minuten den Block wieder einpacken. Das Gericht vertagt sich um eine Woche, denn Kachelmanns Anwälte lehnen zwei der drei Berufsrichter wegen Befangenheit ab. Auf sage und schreibe 67 Seiten haben sie ihre Gründe dargelegt. Während der Angeklagte kommentarlos den Gerichtssaal verlässt, geht die Medienschlacht draußen in eine neue Runde. Jetzt ist die Stunde der Presseanwälte von Kachelmann. Ralf Höcker poltert in die Mikrofone, es habe eine "Hetzjagd" gegen seinen Mandanten gegeben, der man begegnen wolle. Das sei "mediale Notwehr".


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