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Festnahme in Staufen: Mann leitete Pfadfindergruppe – und soll in Hunderten Fällen Kinder missbraucht haben

Wieder Staufen, wieder sexueller Missbrauch von Kindern, wieder blankes Entsetzen: Die Polizei hat einen 41-jährigen ehemaligen Betreuer einer Pfadfindergruppe festgenommen, der über Jahre hundertfach Jungen missbraucht haben soll.

Missbrauchsfall in Staufen: Symbolbild

Der Beschuldigte habe das Vertrauen der Kinder ausgenutzt und sie auf dieser Grundlage sexuell missbraucht, so ein Ermittler der Polizei zu dem Staufener Fall (Symbolbild)

DPA

Es ist ein unfassbarer Vorwurf, den Staatsanwaltschaft und Polizei in Freiburg einem 41-jährigen machen: Er soll zwischen 2014 und 2018 mindestens vier Kinder sexuell misshandelt haben, einen Jungen allein insgesamt über 400 Mal.

Am 22. Februar dieses Jahres hatte das Grauen ein Ende, die Polizei nahm den Mann fest, er sitzt jetzt in Untersuchungshaft.

Auf die Spur gekommen sind die Ermittler dem mutmaßlichen Sexualverbrecher durch die Aussage der Mutter eines der Opfer auf dem Polizeiposten in Staufen im Breisgau. Ihr inzwischen 17-Jähriger Sohn habe ihr von jahrelangem Missbrauch durch den heute 41-Jährigen berichtet – der Mann war der Jugendbetreuer in der Pfadfindergruppe des im Tatzeitraum neun bis elf Jahre alten Jungen.

Polizei richtete Ermittlungsgruppe ein

Die Polizei richtete eine spezielle Ermittlungsgruppe ein, zwölf Beamte nahmen die Arbeit auf – ohne zu wissen, welche Dimensionen der Fall noch annehmen wird. Doch schnell war ihnen klar, "dass wir es hier mit einem umfangreichen Verfahren und möglichen weiteren Opfern zu tun haben werden", sagte der Kripo-Beamte Peter Egetemaier, als er am Dienstag gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz im Freiburger Polizeipräsidium über den Fall informierte.

Teilnehmer der Pressekonferenz in Freiburg

Die ermittelnde Staatsanwältin Nikola Novak, der leitende Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer, Kripo-Chef Peter Egetemaier und Ermittlungsgruppenleiter Mathias Kaiser informierten auf einer Pressekonferenz in Freiburg über die Ermittlungen zum Missbrauchsfall von Staufen

DPA

Die Beamten der Ermittlungsgruppe trugen fortan Beweise und Zeugenaussagen zusammen, sodass der Verdächtige bereits vier Tage nach der Aussage der Mutter festgenommen werden konnte. Die Arbeit der Ermittler war damit noch nicht vorbei, sie stießen auf immer neue Missbrauchsvorwürfe. "Bis zum heutigen Tage haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ermittlungsgruppe mit über hundert Menschen gesprochen", sagte Mathias Kaiser, Leiter der Einheit. "Insbesondere haben wir uns denjenigen Menschen gewidmet, welche im Kindesalter sehr intensiven Kontakt mit dem Beschuldigten hatten." Drei weitere Opfer haben sich demnach bislang der Polizei geöffnet – die Jungen waren bei den im Raum stehenden Taten zwischen acht und 14 Jahre alt.

Die Aussagen der Missbrauchsopfer lassen Kaiser zufolge auf ein "sehr manipulatives Vorgehen" des Verdächtigen schließen. Er habe sich Kinder "ausgesucht", die er "begeistern" und "für sich gewinnen" konnte. Er habe seinen Opfern suggeriert, dass die sexuellen Handlungen "völlig normal" seien und das Vertrauen der Kinder ausgenutzt.

"Enorme, psychische Belastungen"

Den heute 17-Jährigen, dessen Mutter die Ermittlungen ins Rollen brachte, und einen weiteren Jungen hat der 41-Jährige nach bisherigen Erkenntnissen über seine damalige ehrenamtliche Arbeit als Jugendbetreuer in der Pfadfindergruppe der evangelischen Kirchengemeinde in Staufen kennengelernt und in diesem Rahmen von 2009 bis 2013 sexuell missbraucht.

Ab 2013 war der Mann nicht mehr in der Pfadfinderorganisation tätig. Zu den beiden anderen Opfer soll er im "Freizeitbereich" in Kontakt gekommen sein, so die ermittelnde Staatsanwältin Nikola Novak. "Die Mehrzahl der dem Beschuldigten zur Last liegenden Taten fällt in den Zeitraum nach Beendigung seiner Tätigkeit bei den Pfadfindern." Zum Teil soll es dabei auf ein und dasselbe Kind mehrere sexuelle Übergriffe pro Woche gegeben haben. Die Opfer seien bis heute schwer traumatisiert. Sie litten unter "enormen, psychischen Belastungen", beschrieb Ermittlungsgruppenleiter Kaiser.

Der Tatverdächtige ist den Behörden kein Unbekannter: Bereits von 2004 bis 2007 wurde den Angaben zufolge gegen den unverheirateten Deutschen wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern ermittelt, ihm konnte aber im Prozess vor dem Freiburger Landgericht keine Tat nachgewiesen werden, sodass er ohne einen entsprechenden Vorstrafeneintrag im Führungszeugnis als Betreuer bei den Pfadfindern arbeiten konnte – mit offenbar fatalen Folgen. Gegen die Kirche, für die der Mann arbeitete oder das Jugendamt werde nicht ermittelt, so die Kripo. Hinweise auf Fehler gebe es dort nicht.

Der Träger der Pfadfindergruppe ist die örtliche evangelische Kirchengemeinde. Diese sowie die evangelische Landeskirche Baden wollten sich zu dem Fall nicht äußern. Sie kündigten aber ihren Willen zur Aufklärung an, ohne Details zu nennen.

Ob bereits alle Opfer des 41-Jährigen bekannt sind, ist indes unklar, so Polizei und Staatsanwaltschaft. Möglicherweise hat er noch weitere Taten begangen. "Die Kriminalpolizei ist auch in Zukunft Ansprechpartner für mögliche Opfer", erklärte der Leiter der Ermittlungsgruppe. Er sagte möglichen Zeugen Beratungsangebote durch Opferschutzorganisationen zu.

Bei der Aufklärung helfen und den Opfern schwierige Aussagen ersparen könnte auch der Verdächtige selbst. Doch: "Der Beschuldigte schweigt bislang zu den Vorwürfen", so Staatsanwältin Novak. Die Behörden gehen davon aus, dass er alleine gehandelt hat. Foto- oder Filmaufnahmen der Taten seien bei Durchsuchungen nicht gefunden worden.

Staufen zum wiederholten Male in den Schlagzeilen

Inzwischen wurde bekannt, dass es – unabhängig von dem 41-jährigen Beschuldigten – noch gegen einen weiteren Betreuer der Pfadfindergruppe Vorwürfe gibt. Der heute 27-Jährige soll vor sechs und sieben Jahren ein damals 13 und 14 Jahre altes Mädchen sexuell missbraucht haben. "Die Ermittlungen zu diesen Vorwürfen stehen noch ganz am Anfang." Weitere Informationen zu diesem Fall gaben die Behörden nicht heraus.

Es ist nicht das erste Mal, dass Staufen wegen eines Missbrauchsfalls in den Schlagzeilen steht. Im August 2018 wurden eine Mutter und ihr Lebensgefährte aus der Kleinstadt im Breisgau veurteilt, weil sie ihren Sohn für Vergewaltigungen an pädophile Sexualstraftäter regelrecht vermietet haben sollen. (Lesen Sie hier im stern mehr zu dem Fall.)

Ralf Zitzmann Unbreakable

Quellen: Polizeipräsidium und Staatsanwaltschaft Freiburg, Evangelische Landeskirche in Baden, Nachrichtenagentur DPA