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Steiermark: Gerichtsposse um Kampusch-Entführung

Im österreichischen Gleisdorf trägt sich derzeit ein absurder Prozess zu: Der ehemalige Amtsrichter Marin Wabl möchte weiterhin behaupten dürfen, Natascha Kampuschs Mutter Brigitta Sirny stecke hinter deren Entführung.

Von Markus Götting, Gleisdorf, Steiermark

Der Dr. Wabl trägt ein Kreuz aus lauter bunten Mosaiken am Revers seines braunen Anzugs, und als christliches Märtyrersymbol ist das schon mal stilsicher gewählt, keine Frage. Im Gewölbe des Bezirksgerichts zu Gleisdorf streitet Martin Wabl auf der Bank des Klägers für das freie Wort, denn von anderer Stelle hat man ihm bereits juristisch den Mund verboten. Vor ein paar Jahren, als Natascha Kampusch, die inzwischen befreite Kellergeisel, verschwunden war, damals hatte Wabl behauptet, Nataschas Mutter Brigitta Sirny habe nicht nur vom sexuellen Missbrauch an ihrer Tochter gewusst, sie stecke sogar hinter deren Verschwinden. Und weil ihm diese Behauptung per Strafe untersagt wurde, deshalb kämpft also der ehemalige Amtsrichter Wabl für sein Wiederaufnahmsbegehren, wie das im schönen österreichischen Sprachgebrauch so heißt.

Der Richter, ein Herr Magister Jürgen Schweiger, nuschelt ein paar Worte in sein Diktafon, dann gibt Frau Sirny ihre Personalien zu Protokoll. Vor allem ihretwegen hat sich ja die österreichische Weltpresse in der schönen Steiermark versammelt. Frau Sirny trägt lindgrünes Leinen, quasi ein textiler Frühlingsgruß ans verehrte Publikum, ansonsten trägt sie vor allem stoische Ruhe im Gesicht. Die Vorwürfe sind ihr nicht neu; die kennt sie seit nunmehr neun Jahren, aber an diesem schönen Donnerstag geht es um die Wahrheit, und um nichts als die Wahrheit. Frau Sirny hat dazu nur ein paar schlichte Sätze beizutragen.

"Konkretes Beweismittel"

Man kann nicht behaupten, Richter Schweiger mache den Eindruck, seinen pensionierten Kollegen sehr ernst zu nehmen. "Warum, Herr Wabl", fragt er, "sollte Natascha Kampusch noch mal als Zeugin vorgeladen werden? Wie kann sie helfen, der Wahrheitsfindung näher zu kommen?" Nun, da gerät der gute alte Wabl ein wenig ins Stottern; er sagt, sie sei eben ein "konkretes Beweismittel", die Hauptperson dieses Dramas. Und nur sie könne sagen, was wirklich vorgefallen sei in jenen Jahren vor der Entführung. Der Richter lächelt milde, dann sagt er: "Wie können Sie, ohne mit der Hauptperson jemals gesprochen zu haben, zu solch ungeheuerlichen Behauptungen kommen?" Er sagt: "Da bleibt mir nur Staunen." Herrn Wabl bleibt erstmal nur irritiertes Schweigen. Dann sagt er, die Polizei habe in ihren Vernehmungen die entscheidenden Fragen gar nicht gestellt. Und implizit klingt das danach, als müsste man sie vor Gericht nur ernsthaft danach fragen, und schon überfiele Frau Kampusch der Mitteilungsdrang. Wabl sagt: "Die Soko Natascha, die jahrelang nichts zusammengebracht hat, ist gar nicht daran interessiert, die Wahrheit herauszufinden. Jetzt wird alles dafür getan, diese Fehler zu vertuschen." Da mag vielleicht was dran sein, aber wie er das so sagt, der Herr Wabl, da sieht man schon die nächste Verleumdungsklage auf ihn zukommen. Möge das Kreuz Christi ihn beschützen.

Es wird ein kurioser Trialog zwischen Wabl, dem Sirny-Anwalt und dem recht skeptischen Richter, und Wabl bezieht am Ende auch noch den damaligen psychologischen Gutachter und späteren Kampusch-Therapeuten Max Friedrich, einen der renommiertesten Kinderpsychologen dieses schönen Landes in seine Verschwörungstheorie mit ein. Dessen Versagen, so Wabl, habe veranlasst, "dass die Ermittlungen in die falsche Richtung führen." Richter Schweiger hört zu, wiederholt die Kernsätze in sein Diktafon, damit das alles seine Richtigkeit hat im Protokoll. Dann sagt er: "Es ist nicht die Aufgabe eines Zivilprozesses wie diesem hier, die Wahrheit herauszufinden."

Eineinhalb Stunden geht das so, immer schön an der Grenze zum Irrsinn entlang, am Ende reicht Frau Sirnys Anwalt einen Prozesskostenbescheid über 550 Euro über den Tisch, was Herrn Wabl wiederum sehr erregt, weil ganz schön viel Geld für wenig Arbeit. Vielleicht aber auch, weil er weiß, dass er im Falle einer Niederlage, sprich: eben keine Neuaufnahme des Verfahrens, das Geld aus eigener Tasche bezahlen muss. Richter Schweiger schmeißt sein Diktafon wieder an. Innerhalb der vorgeschriebenen Frist eines Monat, nuschelt er in sein Gerät, werde ein schriftliches Urteil ergehen. Und draußen lässt der Herrgott gütigerweise die Sonne weiter scheinen über der Steiermark.