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Psychologen-Einschätzung zu Unfällen: Warum werfen Menschen immer wieder Steine auf die Autobahn?

Immer wieder werfen Täter Gegenstände von Autobahnbrücken und sorgen für schwere Unfälle. Wer sind die Täter und warum tun sie das?

Verunglücktes Fahrzeug auf der A7 bei Heidenheim. Die Polizei sucht einen oder mehrere Steinewerfer.

Verunglücktes Fahrzeug auf der A7 bei Heidenheim. Die Polizei sucht einen oder mehrere Steinewerfer.

Ein Horrorunfall schockt Deutschland. Auf der A7 bei Heidenheim wurde am Sonntagabend ein Auto von einem zwölf Kilo schweren Pflasterstein getroffen. Der Wagen der vierköpfigen Familie kam von der Fahrbahn ab und überschlug sich mehrmals. Die 25-jährige Mutter schwebt nach wie vor in Lebensgefahr. Der Zustand des Vaters und der vier und sechs Jahre alten Kinder soll stabil sein. Der Pflasterstein stammt von einer nahe gelegenen Baustelle, die Polizei sucht nach möglichen Tätern.

Ein tödliches Wurfgeschoss, das den eigenen Wagen bei voller Fahrt trifft - das ist die Horrorvorstellung schlechthin für viele Autofahrer. Denn ähnliche ereignen sich immer wieder. Erst im August starb eine 33-jährige Deutsche, die mit ihrer Familie in Dänemark unterwegs war. Ein 30 Kilo schwerer Betonklotz hatte den Wagen getroffen. Der Mann der Getöteten wurde schwer verletzt, der fünfjährige Sohn kam mit ein paar Schrammen davon.

In gab es seitdem mehrere ähnliche Vorfälle. Anfang September trafen Steine sogar einen Krankenwagen in Nordjütland, in dem sich ein Herzinfarkt-Patient befand. Der Krankenwagen konnte seine Fahrt allerdings fortsetzen, niemand wurde verletzt. Die Täter wurden bislang nicht ermittelt.

In sorgte insbesondere der Holzblock-Wurf aus dem Jahr 2008 für großes Entsetzen. Eine 25-jährige zweifache Mutter wurde von einem Holzkeil tödlich getroffen, der die Windschutzscheibe durchschlagen hatte. Der Täter, ein heroinabhängiger 31-Jähriger, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt - wegen Mordes, versuchten dreifachen Mordes und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Er soll spontan und aus allgemeinem Frust heraus gehandelt haben.

Täter meist jung und männlich

Die Werfer sind meistens jung und männlich. 2007 nahm die einen 28-jährigen Elektroniker und 29-jährigen Systemadministrator fest, die an mehreren Tagen bis zu 58 Kilogramm schwere Steinbrocken von einer Brücke der A9 warfen. Das Landgericht Leipzig verurteilte die beiden Männer wegen versuchten gemeinschaftlichen Mordes und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr.

Und es geht noch jünger. 2001 verurteilt das Landgericht Darmstadt drei aus den USA stammende Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren zu Jugendstrafen von bis zu achteinhalb Jahren. Sie hatten Steine von einer bei Darmstadt geworfen. Zwei Menschen kamen bei den von ihnen verursachten Unfällen ums Leben. Die Jugendlichen gaben an, sie hätten aus Langeweile und Erlebnishunger gehandelt. "Wir dachten halt, es sei cool", soll der Jüngste zu Protokoll gegeben haben.

Im selben Jahr verurteilte das Landgericht Frankfurt einen 17-Jährigen wegen des Werfens von Betonbrocken zu fünf Jahren Jugendstrafe. Tödliche Folgen waren nur ausgeblieben, weil der 5,5 Kilo schwere Brocken auf dem unbesetzten Beifahrersitz eines Autos gelandet war. Der Jugendliche habe die Fahrer aus Sensationslust schocken und verletzen wollen und dabei tödliche Folgen in Kauf genommen, urteilte das Gericht. Ein Mitangeklagter, der kleinere Steine geworfen hatte, wurde zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt.

Ein kindlicher Impuls

Psychologe Georg Sieber hat das Phänomen des "spontanen Tiefenwerfens" über Jahre beobachtet. "Den Impuls, Dinge aus großen Höhen zu werfen, haben schon Kinder", sagt Sieber dem stern. Aber auch bei männlichen Erwachsenen jeden Alters könne man ihn immer wieder beobachten.

In Bezug auf vermeintliche Brückenwerfer warnt er allerdings vor falscher Panikmache. Die größere Gefahr bestehe darin, dass Gegenstände von Brücken herunterfallen, ohne dass jemand sie geworfen habe. In Betracht käme beispielsweise häufig, dass Ladung von einem Fahrzeug falle, das die Brücke überquere. Die verlorene Fracht könnte entweder direkt von der Brücke fallen oder von folgenden Fahrzeugen heruntergeschleudert werde. "Von Brücken fällt ständig etwas herunter", sagt Sieber. Er plädiert daher dafür, Brücken durch Auffangnetze zu sichern.

Brückenwerfer sind meistens Männer, aber auch Mädchen können der verhängnisvollen Faszination erliegen. So wurde im Juni 2016 ein Auto auf einem Autobahnzubringer bei Mönchengladbach von Steinen getroffen. Zwei 12- und 13-jährige Mädchen gestanden später bei der Polizei, dass sie die Steine als Mutprobe geworfen hatten. Verletzt wurde in diesem Fall niemand.