Stephanie-Prozess Auge in Auge mit dem Peiniger


Fünf Wochen hielt Mario M. die 14-jährige Stephanie als Sex-Sklavin. Am Montag beginnt der Prozess, in dem auch die Missbrauchte als Zeugin auftreten wird - gegen den Willen der Staatsanwaltschaft.

Unter starken Sicherheitsvorkehrungen beginnt am Montag vor dem Dresdner Landgericht der Prozess gegen den mutmaßlichen Entführer und Peiniger von Stephanie. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 36-jährigen Angeklagten Mario M. vor, die Schülerin Anfang des Jahres in Dresden in seine Wohnung verschleppt und dort wochenlang gefangen gehalten und sexuell missbraucht zu haben. Dem vorbestraften Triebtäter drohen bis zu 15 Jahre Haft sowie anschließend Sicherungsverwahrung.

Das Gericht hat Stephanie als Zeugin geladen. Das Mädchen selbst hatte erklärt, sie wolle aussagen, weil sie Angst habe, ihr Peiniger könnte ansonsten jemals wieder freikommen. Die Staatsanwaltschaft wollte Stephanie dagegen den Gang vor Gericht ersparen und kritisierte die Familie der Schülerin wegen der Medienauftritte und Interviews im Vorfeld des Prozesses. "Die Beweislast ist so erdrückend genug", sagte der Dresdner Staatsanwalt Christian Avenarius. Er rechne mit einer hohen Strafe in der Nähe der Höchststrafe, dafür reichten die angeklagten 30 Fälle. Die Eltern und die Anwälte der Familie monierten, die Staatsanwaltschaft habe zu wenige Taten angeklagt.

TV-Auftritte von Stephanie in der Kritik

Stephanie hatte unter anderem in der ZDF-Sendung "Johannes B. Kerner" ausführlich über ihre Gefangenschaft gesprochen. Dabei erklärte sie auch, sie wolle deutlich machen, dass der Täter "nicht meinen Kern berührt hat - also dass ich nicht gebrochen worden bin". Die damals 13 Jahre alte Stephanie war am 11. Januar in Dresden auf dem Schulweg entführt worden. Nach fünf Wochen wurde sie aus der Wohnung des arbeitslosen Anlagenbauers befreit - nur wenige hundert Meter entfernt von ihrem Elternhaus. Den Ermittlungen zufolge wurde Stephanie insgesamt mehr als 100 Mal vergewaltigt. "Der Täter ist unglaublich brutal vorgegangen", berichtete ein Ermittler. Einen Teil seiner abscheulichen Handlungen habe er auch noch auf Video aufgenommen.

M. muss sich unter anderem wegen Geiselnahme und Vergewaltigung verantworten. Offenbar aus Furcht vor Übergriffen auf den Angeklagten ordnete die zuständige Jugendschutzkammer strenge Sicherheitsvorkehrungen an. M. schweigt bislang zu den Vorwürfen, wird aber nach Angaben seines Verteidigers zu Prozessbeginn ein umfassendes Geständnis ablegen. Ihm wird auch vorgeworfen, das Kind zeitweise in eine Holzkiste gesperrt zu haben. Zudem soll er Stephanie mehrfach gezwungen haben, mit ihm nachts spazieren zu gehen. Dabei gelang es der Schülerin, zuvor auf Zettel geschriebene Hilferufe fallenzulassen. "Bitte helfen Sie, das ist kein Scherz", hieß es darauf: "Jede Minute zählt!" Ein Passant hatte einen dieser Hilferufe nahe der Tatwohnung vor einem Papiercontainer entdeckt und die Polizei alarmiert.

Eltern verlangen Schmerzensgeld wegen Fahndungspannen

Die Eltern der mittlerweile 14-Jährigen verlangen vom Land Sachsen Schmerzensgeld und Schadensersatz, da die Polizei durch Fahndungspannen das Leid ihrer Tochter unnötig verlängert habe. Bei Vergleichsverhandlungen wurde bislang keine Einigung erzielt. Die Anwälte der Familie wollen Sachsen nun auf mehr als eine Million Euro verklagen. Das Land sieht sich trotz der Pannen nicht in der Schadensersatzpflicht, will sich aber „aus humanitären Gründen“ an Kosten für die Therapie des Mädchens beteiligen. Die Polizeiführung hatte Fehler bei der Computerabfrage nach vorbestraften Sexualstraftätern eingeräumt. Dadurch war M. nicht ins Visier der Ermittler geraten.

M. war 1999 schon einmal wegen der Vergewaltigung eines Mädchens verurteilt worden, kam 2002 aber vorzeitig frei. In einem Gutachten hieß es damals, dass ähnliche Taten künftig eher nicht mehr zu erwarten seien. Der psychiatrische Sachverständige im aktuellen Verfahren sieht dagegen eine erhebliche Wiederholungsgefahr. Das Urteil wird für den 14. Dezember erwartet.

Reuters Reuters

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