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Der stern unterwegs mit Stephen King So tickt der King of Horror


Exklusiv im neuen STERN Crime: der Vorabdruck der neuen Kurzgeschichte von Stephen King. "Ein Tod" heißt der packende Kurz-Krimi. Kester Schlenz konnte den "King of Horror" 2013 auf einer Lesetour als einziger Journalist begleiten.

"Ich hab´s auch nicht immer leicht", sagt Stephen King und grinst. "Immer diese Vorurteile." Wir sitzen in München beim Mittagessen. Der Mann, der sich selbst mal ironisch "Bestsellersaurus Rex" nannte, ist ein schmaler, freundlicher Herr von 66 Jahren. Er trägt Jeans und Pullover und zerteilt genüsslich ein Wiener Schnitzel. "Neulich", fährt King fort, "hat zuhause in Maine eine alte Dame in einem Supermarkt zu mir gesagt: Hey, ich erkenne Sie, Sie sind dieser Stephen King, der immer dieses Horror-Zeugs schreibt. Und dann werden da so scheußliche Filme draus. Eklig. Aber gestern, da habe ich mal eine wirklich gute Literatur-Verfilmung gesehen: ´Die Verurteilten´ mit Morgan Freeman und Tim Robbins. So was sollten Sie mal schreiben." Und King antwortete: "Sorry, Lady, das Buch ist auch von mir." Und die alte Dame habe empört geantwortet: "Nee, kann nicht sein. Isses nicht."

So ist es nun mal: Stephen King ist und bleibt für alle der King of Horror. Er ist nicht wirklich betrübt deswegen. 400 Millionen verkaufte Bücher sind ein guter Trost. Und er wird gefeiert wie ein Popstar.

Bei King wird die vollschlanke Kellnerin schnell zur "Dirndl-Killerin"

Ich darf den Schriftsteller eine Woche bei seiner ersten Lesereise durch Deutschland und Frankreich begleiten. King sitzt entspannt in einem typisch bayerischen Restaurant. Die vollschlanke Kellnerin im Dirndl erkennt den prominenten Gast nicht. Sie ist etwas streng zu ihren Gästen, die beim Bestellen nicht gerade flott sind. "Krustenbraten mit Dunkelbiersoße und Semmelknödeln" muss halt erst mal übersetzt werden. Kings deutscher Verleger Ulrich Genzler erklärt, dass ruppige Bedienung in München Brauchtum ist: "Wo die Leute freundlich sind, schmeckt das Essen nicht, Mr. King." "Interessant", antwortet King. Die mürrische Kellnerin gefällt dem Schriftsteller. "Your Schnitzel, Sir", sagt sie und knallt es vor ihn auf den Tisch. "Kann sein, dass ihr die Frau mal in einem Roman von mir wiederfindet", sagt King lächelnd und sieht ihr nach. "Als Dirndl-Killerin".

Stephen King ist ein manischer Beobachter. Er saugt alles in seiner Umgebung auf und speichert es irgendwo in seinem Hirn ab. Ständig sucht er nach neuem Stoff für seine Arbeit. Bei einer nächtlichen Fahrt im Regen zu einer Lesung hält unser Auto neben einem anderen. Die Frau auf dem Rücksitz blickt kurz zu uns herüber. Der Regen prasselt jetzt noch stärker gegen die Scheiben. Die Autos fahren weiter. "Cool", sagt King. Im kommenden Jahr wird diese Frau in einer Kurzgeschichte auftauchen – und die nächtliche Fahrt nicht überleben.

Am nächsten Tag besucht der Autor erstmals seinen deutschen Verlag in München. Bei Heyne sind alle sehr aufgeregt. Die Belegschaft steht im Foyer und wartet auf ihn. Dann kommt er. Applaus. King trägt einen grauen Troyer, schwarze Jeans und eine Baseball-Kappe. "Mann, auf so was war ich nicht vorbereitet. Lasst mal gut sein", sagt er. Dann muss er in einen  Konferenzraum und dort rund 200 Bücher signieren, die an Fans bei der abendlichen Lesung im Circus Krone verlost werden. Beim Signieren hört er - darum hatte er vorher gebeten - laut AC/DC, ZZTop und anderen Hard Rock. Er geht zur Anlage, dreht sie sehr viel lauter und unterschreibt im Akkord weiter. Zwischendurch deutet er mal ein Head Banging an, reißt die Arme hoch und macht mit beiden Händen das Heavy-Metal-Zeichen. Nein, schwierig ist dieser Mann nicht.

Stephen King ist der geborene Erzähler

Das Interesse an ihm ist auf der ganzen Reise gewaltig. Eine Autogrammstunde in der größten Buchhandlung von Paris muss abgebrochen werden, weil der Andrang einfach zu groß ist. Tausende sind gekommen und blockieren die Straße. Auch in Deutschland sind seine beiden Lesungen im Circus Krone in München und im Congress Center in Hamburg große Events.

In Hamburg hat der Autor im eher sterilen CCH sein Publikum fest im Griff. 3000 Leute sind da. King ist der geborene Erzähler: plastisch, anekdotenreich und sehr, sehr lustig. "Sie könnten auch als Comedian auftreten", sagt der Moderator Ingo Zamperoni.  "Ich hätte gar nicht gedacht, dass wir mit Ihnen heute Abend so viel Spaß haben werden." "Na, ja", sagt King, "das können wir ändern. Hier ist es ja recht lustig jetzt. Aber vielleicht haben Sie heute, liebe Gäste, in der Eile, rechtzeitig hierher zu kommen, vergessen, Ihre Haustür abzuschließen. Und da ist dann dieser Mann. Der ist nachher, wenn Sie ganz allein nach Hause kommen, irgendwo in Ihrem Haus. Aber das wissen Sie nicht. Noch nicht. Vielleicht versteckt er sich in der Dusche hinter diesem Vorhang, und wenn Sie dann nackt ins Bad kommen, dann...(Pause. Diabolisches Grinsen). Oder Sie haben Ihr Auto nicht abgeschlossen. Und wenn Sie dann später durch diese stürmische Nacht fahren, dann sehen Sie plötzlich im Rückspiegel dieses bleiche Gesicht, das sie wortlos anstarrt. Und dann greift eine kalte Hand nach Ihnen."

Es ist jetzt still im Saal.

"Kommen sie gut nach Hause", sagt der Schriftsteller und grinst.

Kings Fazit seiner Reise passt gut zu diesem kleinen Vortrag: "Wissen Sie", sagt er, "ich denke mir all dieses kranke Zeug aus, lasse es raus, gebe es euch und ihr bezahlt mich dafür. Das läuft doch eigentlich alles ganz gut! Ich glaube, ich mache das so noch ein paar Jahre weiter. So bis ich 130 bin. Denn - ehrlich gesagt - ich wüsste auch nicht, was ich sonst tun sollte."


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