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Sterbehilfe oder Totschlag: Die tote Dame im Maisfeld

Es ist eine mysteriöse Geschichte: Ein Jäger findet eine Leiche. Lange weiß niemand, dass es sich bei der älteren Dame um eine vermögende Kaffee-Erbin handelt. Die mutmaßliche Täterin sagt: Ihre Bekannte wollte sterben. Deshalb habe sie zugedrückt und sie erwürgt. Aber war es wirklich Töten auf Verlangen?

Von Kuno Kruse

Wie die alte Dame da am Obststand auf die Schale sah. So gern, sagte sie, würde sie mal wieder Erdbeeren essen. Aber wie bezahlen? Sie tat Adelheid B. leid. Und das hier, auf dem Wochenmarkt von Blankenese, wo die Wohlhabenden von Hamburg einkaufen. Adelheid B. schenkte ihr die Erdbeeren.

So waren sich die beiden Frauen vor zwei Jahren das erste Mal begegnet. Die adrette Heidi, wie sie von ihren Freunden genannt wird, Anfang 50, schlank, allen zugewandt, verheiratet mit einem Ingenieur, der Sohn hat gerade Abitur gemacht. Eine moderne Hausfrau, von der die Freundinnen und Nachbarinnen aus der Reihenhaussiedlung sagen, dass sie im Leben steht. Und Verena Jansen, 75, allein lebend, klug, belesen, aber ein bisschen bizarr. Und sehr ungepflegt. Eine Frau, die irgendwie neben dem Leben steht.

Von ihrer letzten Begegnung erinnert Adelheid B. "immer nur diesen Hals". Den hatte sie Verena Jansen im vergangenen Juli zugedrückt, fest und lange, sodass das Zungenbein brach und die alte Frau erstickte. Deshalb steht sie seit März vor dem Landgericht Stade, in dieser Woche soll das Urteil fallen.

Folgenschwerer Pakt

Es geschah zwischen Maisfeldern auf einem grasbewachsenen Weg in der Nähe des Kakerbecker Hexenberges im Landkreis Stade. Eine Landschaft, in die man Ausflüge macht. Die beiden Frauen hatten eine Decke und Seidenkissen mitgenommen, wie zu einem Picknick, und ein weißes Laken. Mit dem wollte Verena Jansen zugedeckt werden, wenn sie für immer eingeschlafen sei. Sie wollte sterben, hatte sie gesagt, ihren toten Bruder wiedersehen. Und Adelheid B. sollte ihr dabei helfen. Es war ein Pakt.

Doch nach ein, zwei Schluck des bitteren, in Wasser aufgelösten Tablettencocktails fiel der alten Frau das Glas aus der Hand. Der Suizidversuch war gescheitert. Adelheid B., so erzählt sie es, sagte: "Lassen Sie uns ins Krankenhaus fahren, den Magen auspumpen." Aber Verena Jansen geriet in Panik, fürchtete, man würde sie in die Psychiatrie sperren, entmündigen. Die Nervenklinik war schon lange ihr Albtraum.

"Nimm den schwarzen Stein, erschlag mich!" - "Ich kann das nicht." - "Dann erwürg mich. Wer A sagt, muss auch B sagen." So schildert Adelheid B. die letzten Sätze dieser verhängnisvollen Bekanntschaft der 1. Großen Strafkammer des Stader Landgerichts.

Wer ist das Opfer?

Sie kniete neben der alten Frau, drückte zu, und es dauerte lange. Das schloss der Gerichtsmediziner Professor Klaus Püschel aus Verletzungen und Blutergüssen der Leiche. Aber er hat nicht die Spur einer Abwehr entdeckt, nicht an den Armen, nicht unter den Fingernägeln. "Nichts spricht für einen Kampf."

Nun müssen die Richter entscheiden: War es Totschlag? Das wird mit mindestens fünf Jahren Haft bestraft. Oder Töten auf Verlangen? Dann wären fünf Jahre die Höchststrafe, sechs Monate die Mindeststrafe.

Im Gerichtssaal ist Verena Jansen das Opfer. Im Leben könnte aber auch die Angeklagte Adelheid B. das Opfer einer ungeheuerlichen Zumutung geworden sein. Denn was als spektakulärer Mordfall Schlagzeilen machte, ist vielleicht nur die unglückselige Begegnung zweier Verirrter in einer Zeit, als das Töten auf Verlangen zum Medienthema wurde.

Wohnen im Müll

"Was kann ich mir schon für fünf Euro kaufen?", fragte Verena Jansen, als die Frauen sich das zweite Mal trafen. Das war vor Nikolaus 2007, in der Jahreszeit, in der man im Norden Grünkohl isst, und weil Adelheid B. gerade welchen kochte und festgestellt hatte, dass sie nicht weit voneinander entfernt wohnten, brachte sie der Dame eine Portion vorbei.

"Ich war erschüttert", sagt sie. Eine Wohnung im Hamburger Treppenviertel, aus der man weit über die Elbe sieht. Feinste Lage. Und drinnen: Dreck und Müll. Kein Bett. Die Küche in unzumutbarem Zustand. Also brachte sie nun häufiger Essen vorbei, dann regelmäßig montags, mittwochs und freitags. Einmal war ihr aufgefallen, dass bereits eine andere Mahlzeit in der Küche stand. Wer hatte die gebracht?

Einem Gast einen Tee zuzubereiten konnte Verena Jansen hilflos machen. So erlebte es der Nachbar, der die skurrile Intellektuelle mit dem Schalk in den rehbraunen Augen sehr mochte. "Sie war voller schwarzen Humors, und immer setzte sie noch einen drauf." Passanten sahen die alte Dame schon mal nackt auf dem Balkon tanzen, bunt wie ein Hippie lief sie durch Blankenese und liebte es, Menschen zu verwirren.

Eins-zu-eins-Beziehungen

Weihnachten und zu ihrem Geburtstag war sie bei der Nachbarsfamilie. "Sie war so fröhlich, wenn sie bei uns auf der Terrasse saß, etwas durchgeknallt, aber so liebevoll", erzählen sie heute. Frau Jansen habe fest versprochen, ihre Wohnung so aufzuräumen, dass man auch einmal bei ihr feiern könnte. Das wurde Programm. Der Nachbar brachte jede Woche einen Müllsack, und sie versprach, ihn zu füllen. Sie schaffte es nicht immer. Verena Jansen war ein Messi.

Zwischendurch, als die Nachbarsfamilie erfahren hatte, dass Frau Jansen wohlhabend war, gab es eine Verstimmung. Die Nachbarin fühlte sich ausgenutzt: "Und ich hatte ihr Essen gebracht, weil ich dachte, sie hat nichts."

In all dieser Zeit hatten die Nachbarn nie etwas von Adelheid B. gehört. Und Adelheid B. nie etwas über die Nachbarn. "Eins-zu-eins-Beziehung", nennt das der psychiatrische Gutachter Jörg Schmitz. Keiner sollte von dem anderen wissen. Jedem schien die Frau, die auf der Straße Leute ansprach, einsam zu sein.

Geheimer Reichtum

Aber sie hatte sogar eine sehr gute Freundin, die über die "faule" Nachlässigkeit, "wie sie geniale Menschen häufig haben", hinwegsah, auch über die schrill gefärbten Haare und die merkwürdigen Männer. Die Freundin sagt: "Verena Jansen war eine Frau von Format." Sie rezitierte Shakespeare auf Englisch, auch seine Sonette, sie sprach fünf Sprachen sicher, und für die Oper zog sie sich gut an. "Aber sie provozierte. Die gute Gesellschaft fürchtete sich vor ihrer scharfen Intelligenz. Die Damen waren überfordert", sagt die Freundin, die auch Verena Jansens Schwermut erlebte. Aber sie habe gern gelebt, ohne Limit.

"Ganz Hamburg war früher in Verena verliebt", sagt der alte Polospieler Pit Krug. "Eine begnadete Reiterin." Und eine gute Partie: hanseatischer Kaufmannsadel, Jansen-Kaffee, ein Traditionsbetrieb, wurde an Arko verkauft.

Für Freunde, die diese Seite der Verena Jansen kannten und nun jeden Prozesstag auf den Zuschauerstühlen sitzen, kommt als Tatmotiv nur Habgier infrage. Es müsse Geld in der Wohnung gewesen sein. Die Polizei hat bei der Angeklagten nichts gefunden, nicht auf Konten, nicht bei Durchsuchungen. Nach langen Ermittlungen schließen Polizei und Staatsanwaltschaft das Motiv aus. Adelheid B., so sagt sie, glaubte bis zuletzt, dass Verena Jansen eine mittellose Frau sei. Dass es anders war, erfuhr sie erst im Gefängnis.

Eine Schar von Beratern

"Seien Sie mein Retter!" Mit diesen Worten hatte Verena Jansen den Nachbarn gebeten, ihr Vermögen zu ordnen. Das verwaltete aber ein anderer Bekannter, der niemand in die Kontoauszüge sehen ließ. "Die ließ sich von allen möglichen Leuten beraten", sagt ein Dritter, den sie, weil er erblindet war, zum Vorlesen besuchte. "Verena hatte so viele Behüter." Mal waren sie vertraut, mal erschienen sie ihr böse.

Ihr Misstrauen wuchs. Auch gegen eine Frau, von der sie seit Jahren betreut wurde. Sie habe Angst vor ihr, sagte Verena Jansen. Sie hatte sogar Angst vor ihrer Schwägerin. Bei dem blinden Witwer hatte Verena Jansen Broschüren der Sterbehilfe-Organisation Dignitas gefunden. Der hatte gesagt: "Mensch, Verena, gib doch erst dein Geld aus."

Und dann hingen auf einmal Geigen im Himmel, wegen Igor, dem jungen Russen mit dem Alkoholproblem. Verena und Igor feierten, kauften, reisten. Igor sagt vor Gericht: "Es war Liebe, aber kein Sex." Und manchmal Streit. Pit Krug kannte diese Schwankungen, er sah, wie seine alte Freundin die Leute an der Nase herumführte, sah, wie sie beim Bäcker die Kuchenreste von der Geschirrrückgabe sammelte und dabei Tausende Euro in der Plastiktüte herumtrug. Mal lieb, mal rücksichtslose Bestie, sei sie allen überlegen gewesen. Sie führte die Menschen wie Marionetten. Pit Krug sagt: "Sie war ein Beelzebub!" Es klingt bewundernd.

Gefährliche Achterbahnfahrt der Emotionen

"Sie hat mit den Menschen Schach gespielt", sagt ihre Nichte. Auch sie hatte sich um die schrullige Tante bemüht. Ob sie denn den Todeswunsch ernst genommen habe, fragt Richter Rolf Ambrecht. Die Nichte will die Angeklagte nicht entlasten, hatte gesagt, dass ihre Tante noch am Todestag wegen einer neuen Wohnung mit dem Makler telefoniert hatte. Und es ist, als rutsche es ihr heraus: "Ehrlich gesagt: ja."

Verarmungswahn, Todessehnsucht und dann wieder exzessive Lebenslust. Gutachter Schmitz spricht von einer "bipolaren" Persönlichkeit und gibt der Erkrankung einen Namen: "manisch-depressive Affektstörung". Im Lehrbuch bezeichnet das den Wechsel zwischen ängstlich gedrückter Stimmung, unendlicher Traurigkeit - und dann wieder jauchzender Glückseligkeit. Die gerade noch so Verlorenen sind plötzlich euphorisch, rastlos, manchmal gereizt, sie denken blitzschnell, reden viel und klug und können in Exzesse fallen. In diesen Wechselbädern ist das Selbstmordrisiko hoch. Jeder Fünfte bringt sich um.

Die Angeklagte sieht der Gutachter "in die suizidale Gedankenwelt des Opfers verstrickt". Sie selbst sagt in den Vernehmungen: "Ich konnte mit ihr fühlen." Doch was ist einfühlen und was sind dabei eigene Gefühle? War die Basis dieser starken Empathie eine eigene depressive Disposition, wie die Gutachter vermuten? Verbunden mit der manipulativen Kraft von Verena Jansen, die vorher schon einmal eine andere Frau in ihren Todeswunsch eingesponnen hatte. Von der Verteidigerin Katrin Bartels als Zeugin benannt, sagt sie, dass Frau Jansen "Todessehnsucht" gehabt habe, oft von Dignitas gesprochen habe. Und dass sie selbst ihr fast erlegen wäre, wenn sie nicht durch professionelle Hilfe herausgerissen worden wäre.

Frage der Manipulierbarkeit

Hat Verena Jansen also gespürt, dass Adelheid B. wie geschaffen war für die notwendige Helferrolle? Die Angeklagte ist mit vier Geschwistern aufgewachsen, der Vater war Seemann, einfache, aber solide Verhältnisse. Alle erinnern sich an eine glückliche Kindheit auf dem Dorf. Heidi, sagt ihre jüngere Schwester, habe sich immer für alle eingesetzt, sogar die Ohrfeigen für den großen Bruder eingefangen. Und wenn die anderen über den Dorftrottel lachten, stand Heidi kerzengerade vor ihm und sagte: "Das ist mein Freund." Als die Schwester Streit mit der Mutter hatte wegen einer Hose, da kaufte Heidi ihr von ihrem Lehrlingsgehalt gleich zwei. Immer helfend, so beschreiben sie auch Kolleginnen. Andererseits glaubte die scheinbar so robuste Frau, alles allein schaffen zu müssen. Sie hatte Ängste, auch Versagensängste, nahm Beruhigungstabletten. Im Abstand von Jahren war es passiert, dass sie unter Anspannung in eigentlich unbedeutenden Konfliktsituationen zusammengebrochen war. Sie weinte, fühlte sich an allem Elend schuld, war apathisch, kaum ansprechbar.

Die gelernte Zahnarzthelferin hatte sich in Fußreflexzonenmassage ausbilden lassen, besuchte ältere Leute in einer Residenz. Wie die Kosankes. "Vadder hat sich gefreut", sagt deren Sohn vor Gericht. Sie machte mit ihnen Ausflüge, und als Frau Kosanke krank wurde und starb, war Adelheid B. oft da.

"Ich will Ihnen beim Leben helfen, nicht beim Sterben", hatte Adelheid B. zu Verena Jansen gesagt. Aber vielleicht hat die alte Dame gespürt, dass sie diesen ihr unterlegenen Gutmenschen zu allem bewegen könnte. Einmal sagte sie: "Ich verliere immer mehr an Würde." Das war, nachdem ein Kind beobachtet hatte, dass ihr im Feinkostgeschäft Urin am Bein hinunterlief. "Frau Jansen war so verzweifelt. Sie weinte herzzerreißend", erinnert sich Adelheid B. Der Gutachter sagt: "Das Leid hat Frau B. angesprochen." Die Frauen redeten von Dignitas und von dem ehemaligen Hamburger Justizsenator Kusch, der eine Selbsttötungsmaschine vermarktete. Verena Jansen habe auch schon in die Elbe gehen wollen und einen Revolver gekauft. Sie hatte Morphium besorgt und eine Klinikpackung Insulin. Und sie wurde immer drängender. Bis Adelheid B. an diesem Sommertag all die Tabletten, die sie noch von den Kosankes hatte, zusammenpackte.

Verdächtige Zeugin

Verena Jansen brauchte, was Adelheid B. nach Auffassung des Gutachters einbrachte: die Planungskompetenz. Der Ort, die Atmosphäre, die Tabletten, das alles war Organisation und Inszenierung der Helferin. Ihrem Mann hatte Adelheid B. nichts erzählt. Er fand es übertrieben, dass sie sich so viel um Alte kümmerte.

"Wir wären nie auf sie als Täterin gekommen", sagt der Kriminalbeamte, der wochenlang in dem Fall einer im Maisfeld erwürgten unbekannten Frau ermittelte und über "Aktenzeichen XY" nach Hinweisen suchte. Bis Adelheid B. immer wieder bei der Polizei anrief, dann plötzlich Zeugin sein wollte, die ein polnisches Paar an der Stelle beobachtet habe, bis sie endlich verdächtig wurde. Vor Gericht sagt Adelheid B.: "Ich hatte Angst, dass Tiere an die Tote gehen."

Stundenlang war sie nach der Tat im Maisfeld auf und ab gerannt, mehrmals war sie später an den Ort zurückgefahren. Bei der Festnahme sprudelte es dann aus ihr heraus. Sie wollte keinen Anwalt. Sie sagte: "Ich will aussagen." Die Polizisten mussten anhalten und das Diktiergerät aus dem Kofferraum holen.

"Wer A sagt, muss auch B sagen"

Aber sie erfand die Geschichte von einem dunklen Mann, der dem Opfer Gift eingeflößt und es dann gewürgt habe. Sie beschrieb die Turnschuhe des Mannes und sah dabei auf ihre eigenen. Dann sprach sie wieder von einem polnischen Paar, dann von einem Diakon, den sie diesen Satz sagen ließ: "Wer A sagt, muss auch B sagen." Erschüttert über sich selbst, konnte Adelheid B. nicht akzeptieren, dass sie es war, die zugedrückt hatte. Der imaginierte Mann sollte das Böse verkörpern, das sie nicht sein durfte. So empfand es auch die Kriminalbeamtin, die einen solchen Aussagedrang noch nie erlebt hatte. Adelheid B. sagt: "Wer hätte mir denn geglaubt, dass sie mich angefleht hat, es zu tun?"

Was zu tun? Denn wer hat diesen Satz wirklich gesagt: "Wer A sagt, muss auch B sagen." Konsequenz, so sagt Gutachter Schmitz, läge nicht in der Persönlichkeitsstruktur von Verena Jansen. Die Staatsanwältin glaubt deshalb, dass es die Worte von Adelheid B. waren und dass sie die alte Frau aus Wut tötete, weil die das Giftglas vielleicht absichtlich verschüttet habe. Sie fordert sieben Jahre Haft wegen Totschlags.

Und wenn den Satz doch Verena Jansen gesagt hat, die ihren oft gefassten Suizidplan dieses Mal zu Ende führen wollte und sich deshalb auch nicht wehrte? Die in Panik war, weil sie den Tod weniger fürchtete als die Psychiatrie? Die wusste, dass sie die harmlose, schwache Bekannte unter Druck setzen konnte? Welche dann ihrerseits wieder einmal meinte, etwas allein schaffen zu müssen, und wenn es der Wunsch einer alten Frau war, ihr die Kehle einzudrücken? Sie habe nur noch ein Rauschen im Kopf gehabt, sagt Adelheid B. Und: "Ich hatte ihr das doch versprochen."

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