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stern crime: Wie ein gutgläubiger Rentner zum Bankräuber wurde

Ein Text mit vielen Fehlern als falsche Fährte: Er ist ein gebildeter älterer Mann. Eigentlich macht er keine Rechtschreibfehler. Aber eigentlich begeht er auch keine Verbrechen. Seine Naivität machte ihn zum Bankräuber.

Von Nicolas Büchse und Dominik Stawski

Mit einem Zettel voller Forderungn überfiel Brunner eine Bank

Mit diesem Text wollte Brunner seine Forderungen durchsetzen

Die Bank durfte nicht zu weit entfernt liegen, denn seine Monatskarte für den Bus galt nur für ein paar Zonen. Und sie durfte nicht zu nah an seiner Wohnung liegen, die Leute würden ihn erkennen. Er würde den Lederhut tragen, den er auf dem Gehweg gefunden hatte, die alte Sonnenbrille und den Columbo-Trenchcoat aus seinem Schrank. Er würde kein Wort sagen, nicht so wie die ungeschickten Supermarkt-Räuber aus „Aktenzeichen XY“ von gestern Abend. Er müsste nichts sagen, dafür hätte er den Zettel. Die falsche Fährte. Er hatte sich gleich nach der Sendung die Rechtschreibfehler ausgedacht, nichts würde verraten, dass er Deutscher ist, nichts deutete mehr darauf hin, dass er Englisch studiert hatte. Der Plan war gut. Nun müsste er nur noch ruhig werden.

Je länger er auf der Bettkante saß, desto kleiner wurden seine Zweifel. Er würde doch keinem Einzelnen schaden, nur der Gemeinschaft der Versicherten. Auch keine Pistole auf Menschen richten. Gott bewahre, keine Gewalt. Die Bombe hatte er sich nur ausgedacht.

Es ist fast Mittag an diesem quälend heißen Juni-Tag 2013, als er den Bus nimmt. Erwin Brunner* (Name von der Redaktion geändert) steigt an der Schorndorfer Straße gleich vor der Volksbank in Uhingen aus. Er schwitzt, nachdem er sich im Fußgängertunnel den Trenchcoat übergeworfen hat.

Brunner wurde für seine Nächstenliebe verspottet

Er steckt den Zettel in die Manteltasche und lässt ihn nicht mehr los. Geht in langsamen Schritten auf die Bank zu. Die Glastüren öffnen sich. Durch die Sonnenbrille erscheint es drinnen plötzlich dunkel. Aber er sieht gleich, dass niemand in der Bank ist, nur die zwei Damen hinter dem Tresen. Und er wundert sich, wie ruhig sein Atem wird.

Um Geld ist es ihm in seinem Leben nie gegangen. Sein Vater war Steuerberater in Augsburg und konnte nur schwer verstehen, warum Erwin, das mittlere seiner fünf Kinder, die Lehrstelle bei MAN ablehnte, um Priester zu werden. Erwin liebe eben seinen Nächsten mehr als sich selbst, spotteten sie in der Familie. Und Erwin sagte: Wieso? Ist es nicht egoistisch, wenn ich anderen helfe, nur damit ich mich gut fühle?

Die Volksbank Uhingen war nicht weit entfernt und erreichbar mit dem Bus

Die Volksbank Uhingen war nicht weit entfernt und erreichbar mit dem Bus

 

Ohne den Zölibat wäre er nach dem Abitur wohl auch Priester geworden, aber so studierte er lieber Pädagogik und Englisch. Und er wäre vielleicht auch Lehrer geworden, wenn er denn damals eine Stelle gefunden hätte. Und wenn er nicht eine Frau gehabt hätte, für die er sorgen musste. So wurde er Vertriebsreferent für medizinisches Gerät, verdiente 5000 Mark, war aber vor allem stolz, dass er den Kranken Gutes bringen konnte.

Die Brunners bekamen Anfang der 80er Jahre zwei Söhne. Sie lebten am Bodensee, die Nachbarschaft war in Wahrheit ein wenig zu teuer für sie.
Seine Frau hasste es, wenn sie ihren Gästen erzählen musste, dass sie nur Mieter seien, dass der nächste Urlaub gerade einmal in die Berge nach Kärnten gehe, und alle anderen doch nach Südfrankreich oder sogar über den Atlantik reisten. Während er im Passat Sanitätshäuser abfuhr, saß sie in den Wintergärten der Nachbarn und trank Sekt.

Kam er spätabends zurück, schrie sie ihn an. Wofür fährst du denn die 140.000 Kilometer im Jahr? Wofür lässt du mich tagelang mit den Kindern allein? Als sie anfing, ihn zu schlagen und zu kratzen, blieb er noch häufiger über Nacht in den kahlen Zimmern der Vertreterhotels. Er trug langärmlige Hemden, die seine Wunden verdeckten.

Die Ehe mit seiner Frau zerbrach

Er hatte immer gern ein Buch dabei, am liebsten die Russen: Puschkin, Dostojewski, Tolstoi. Er fand sich wieder in ihrer Melancholie. Es waren teure Exemplare, in Seide gebunden, Goldschnitt, säurefreies Papier. Seine Frau schimpfte, die zigtausend Bücher würden im Wohnzimmer alle Wände verstellen. Bald stritten sie nur noch. Wenn er das Haus verließ, trafen ihn die Blicke der Nachbarn. Seine Frau machte ihn auch bei den Kindern schlecht. Als er spürte, dass er nicht die Kraft hatte, seine Familie zu retten, ging er. Über Nacht. Zog weg in die Nähe von Göppingen, wo seine Firma eine Stelle für ihn hatte. Da war er Mitte 40.

Er war nicht der Einzige, der damals, Anfang der Neunziger, neu in die Nachbarschaft kam. Als er die Straßen erkundete, sah er Familien aus dem zerfallenen Jugoslawien, die noch mehr verloren hatten als er. An den Abenden brachte er den Kindern Deutsch bei. Als seine Firma ihn nicht mehr brauchte, suchte er sich Aufträge von anderen Herstellern. Es hätte ihn schlimmer treffen können, er hatte 200.000 Mark als Abfindung bekommen. Natürlich wollte er nicht alles Geld für sich behalten.

Ein neuer VW Golf für eine Flüchtlingsfamilie

Einer Flüchtlingsfamilie stellte er einen neuen VW Golf vor die Tür. Es hatte ihn so getroffen, dass der Vater fast seinen Job verloren hätte, nur weil er es mit dem klapprigen Fiat nicht mehr zur Arbeit schaffte. Er nannte die Familien nun „seine Familien“. Sie luden ihn manchmal zum Essen ein, steckten ihm Merci-Schokolade in den Briefkasten, doch abends saß er allein zu Hause.

Er hatte es immer als Glück empfunden, gebraucht zu werden. Für ihn war es auch Gottes Wille, dass er sich schnell vom Darmkrebs erholte, der ihn mit Mitte 50 traf. Damit er weiter helfen konnte. Er freute sich, als das Arbeitsamt ihm den Ein-Euro-Job bei der Tafel gab. Er liebte die Idee, den Armen zu geben, was andere im Überfluss haben. Deswegen ärgerte es ihn, dass sein Chef ihn aufforderte, von den Menschen einen kleinen Eigenbeitrag zu verlangen. Er hielt sich nicht daran. Als er aufflog, wurde er vom Tresen ins Lager versetzt, um dort das verfaulte Gemüse auszusortieren.

Abends setzte er sich an seinen Computer in der Ecke seines winzigen Zimmers. Er war in ein Haus gezogen, in dem unter der Woche Monteure abstiegen, teilte sich mit ihnen das Bad. Einen Kühlschrank hatte er sich ins Zimmer gestellt, in der Vitrine lagerten seine Konserven. Mit dem Computer kannte er sich gut aus, er kaufte sich auch einen teuren Drucker, weil er häufig für die Flüchtlingsfamilien und neuerdings auch für eine demenzkranke Frau die Briefe an die Behörden aufsetzte.

E-Mail aus Ghana: "Lieber Freund"

An einem Mai-Abend 2012 fand er eine neue Nachricht im E-Mail-Postfach. Er las die ersten Zeilen, auf Englisch: „Lieber Freund, mein Name ist Vanessa Decker. Ich wurde am 21. April 1982 in North Hero im US-Bundesstaat Vermont geboren. Vor Kurzem ist nach meiner Mutter auch mein Vater Vin Decker gestorben. Ich bin nun alleine in Koforidua in Ghana. Und ich brauche dringend Ihre Hilfe!“

Decker? Hatte er nicht vor mehr als 30 Jahren, als er einmal beruflich in München war, mit einem Decker zu tun gehabt? So ähnlich hieß der doch, glaubte er. Er hatte ihn am Königsplatz kennengelernt, ein US-Soldat. Es war so nett, dass sie noch gemeinsam das Amerikahaus besucht hatten.

Es ist quälend heiß an diesem Tag. Erwin Brunner schwitzt, als er vor der Bank steht.

Es ist quälend heiß an diesem Tag. Erwin Brunner schwitzt, als er vor der Bank steht.


Erwin Brunner schrieb dieser Vanessa zurück: Ist Herr Decker aus München wirklich Ihr Vater?

Ja!, schrieb sie. Und nun, da er tot sei, sei sie völlig mittellos in der Fremde. Er habe ihr aber einen Koffer mit einem kleinen Vermögen hinterlassen, der beim Zoll in der ghanaischen Hauptstadt Accra stehe. Die korrupten Beamten verlangten Geld dafür, 3000 Dollar. Aber sie würde es sofort zurückzahlen, von dem, was im Koffer sei.

Andere hätten diese Mail gelöscht. Doch Erwin Brunner glaubte zu sehr an das Gute im Menschen und las sie wieder und wieder.

Ein Familienvater leiht ihm 2700 Euro

Er recherchierte im Netz über Korruption in der ghanaischen Polizei. Informierte sich darüber, wie unsicher das Land für Ausländer sei.

Er hatte das Geld nicht, aber er kannte genügend Leute, die wissen, wie es ist, wenn man Hilfe braucht. Ein Familienvater lieh ihm 2700 Euro, das ganze Urlaubsgeld. Vanessa schrieb nun häufiger. Die Abende verbrachte er jetzt mit ihr. Er installierte sich Whatsapp, gab sich den Namen knuddel1104, damit er ihr auch unterwegs schreiben konnte. Als Vanessa ihm von ihrer ehrenamtlichen Arbeit in einem Waisenhaus erzählte, war er gerührt.

knuddel1104: Du bist großartig. Wer von deinen Eltern hat dir die Nächstenliebe beigebracht? Deine Mutter oder dein Vater?
Vanessa Decker: Beide. Beide.
knuddel1104: Du hattest gute Eltern. Wir müssen ihre Gräber besuchen und ihr Andenken bewahren.

Überweisungen per Moneygram nach Afrika

Vanessa war anders als all die Menschen, die ihn nicht verstanden, die sagten: Hör auf, dich wie ein Messias aufzuführen! Vanessa ermutigte ihn. Sie schickte ihm ein Porträtfoto, eine hübsche junge Frau mit einem Lächeln im Gesicht, das Kinn auf die Hand gestützt, mit lockigem, blond gesträhntem Haar und gebräunter Haut. Sie schrieb: „Ich liebe dich wie einen Vater!“

Da machte es ihn nicht stutzig, dass der Koffer mit dem Vermögen leer war. Alles gestohlen, schrieb Vanessa. Sie tat ihm so leid. Und dann erzählte sie auch noch von einem Jungen aus dem Waisenhaus, der an einem Herzfehler litt und ohne Operation bald sterben würde. Erwin Brunner schrieb dem Bischof von Rottenburg, ging zur Caritas, aber am Ende musste er sich doch wieder Geld von seinen Familien leihen, um es per Moneygram nach Afrika zu überweisen.

Sie schrieben sich bald täglich. Es war Spätsommer, da las er: „Ich liebe dich, Erwin!“ Wie lange hatte er das nicht mehr gefühlt. Er sammelte Geld, damit sie ihn endlich im sicheren Deutschland besuchen könnte.

Brunner hält sich mit Toastbrot und Wasser am Leben

Im Juni 2013 lief die Chat-Beziehung schon etwas länger als ein Jahr. Erwin Brunner hatte nun 20.000 Euro Schulden bei seinen Familien, die sich inzwischen eine Existenz aufgebaut hatten. Und er hatte sich bei einem Göppinger Stadtrat Geld geliehen. Ein paar Wochen zuvor war er 65 und damit Rentner geworden. Hartz IV wird am Monatsanfang überwiesen, Renten aber am Monatsende. Und so hatte Brunner im Juni keinen Cent. Die ersten Wochen hielt er sich mit Toastbrot und Wasser am Leben. Doch das beschäftigte ihn weniger. Vanessa war immer noch allein in Afrika, und er schämte sich vor seinen Familien, denen er schon seit Monaten kein Geld zurückzahlen konnte. Die Summen hatte er nie aufgeschrieben, denn jeden Betrag hatte er im Kopf.

Am Abend des 19. Juni 2013 lief im ZDF „Aktenzeichen XY“. Normalerweise ist ihm die Sendung zu brutal, aber dieses Mal zappte er nicht weg. Da kam ihm auf der Bettkante die Idee. 

Nun steht er in der Bank. Schaut durch die Sonnenbrille. Ein offener Raum, links die Automaten, rechts die Tresen, hinter dem Milchglas die Büros. Jetzt unauffällig bleiben, den Kunden spielen, zum Schalter schlendern.

Die Frau guckt auf. „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“
Jetzt kein Wort sagen. Der Zettel.
Er zieht ihn aus der Tasche und legt ihn auf den Tresen. Sie versteht nicht. Er tippt auf den Zettel. Sie faltet ihn auf.
„UEBERFAL, HABE BOMBA, GEBE 10.000 EWRO – NIX PASIRT, KEIN GELD MIT COLOUR PREPARATION, KEIN ALARM, KEIN POLICE, OTHERWISE GROS BOOUUUM!“

Sie wird bleich. „Wir haben an den Schaltern nicht so viel Geld!“ Sie blickt nach hinten zur Kollegin, doch die bleibt sitzen.
Gut so. Ruhig bleiben. Dauert das alles lang.
Er hält ihr den Stoffbeutel hin und bedeutet ihr mit einem Nicken, dass sie endlich das Geld reinwerfen solle. „Okay, okay!“
Die Frau bückt sich unter den Schalter, legt ihren Finger auf einen Sensor, die Tresortür öffnet sich. Ein Bündel Scheine, Zehn-Euro-Noten, sie legt sie in den Beutel. „Mehr habe ich nicht!“

Egal. Nichts wie weg hier. Aber der Zettel, die Fingerabdrücke.
Er zeigt darauf. Die Frau steckt ihn in den Beutel. Mit langsamen Schritten, wie ein Kunde, verlässt er die Bank. Biegt gleich rechts ab, zurück zur Unterführung. Trenchcoat, Hut, Brille, Beute, alles landet in einem blauen Müllsack. Er wirft ihn sich über die Schulter. Wohin jetzt?

"Ja, ich war’s!"

Er geht die Straße entlang, die Richtung Bahnhof führt.
Der Bahnhof! Da suchen sie doch zuerst!, kommt ihm in den Sinn.
Er geht ein paar Meter zurück, die nächste links rein, zurück zur Hauptstraße, wo die Busse Richtung Göppingen halten. Er zwingt sich, langsam zu gehen. Einfach immer geradeaus bis zur nächsten Bushaltestelle. Den Sack wirft er auf die andere Schulter.

Die Straße ist leer. Als er am Friseurgeschäft Meier vorbeiläuft, schießt plötzlich ein Auto vor ihm auf den Bürgersteig. Zwei Männer springen heraus, er schaut in den Lauf einer Pistole, und eh er einen Gedanken fassen kann, presst ihn einer an die Hauswand. Schiebt mit den Stiefeln seine Beine auseinander. Tastet ihn ab. „Sind Sie bewaffnet?“ Da sind seine Hände schon gefesselt. Die Polizisten schauen auf den Müllsack. „Ja, ich war’s!“

Erwin Brunner trug diesen Trenchcoat und diesen Lederhut

Als er die Bank betrat, trug Erwin Brunner diesen Trenchcoat und diesen Lederhut


Wie sollte Erwin Brunner ahnen, dass genau an diesem Tag, genau eine Straße weiter zwölf Polizisten versammelt sind? Zu einer Übung des Polizeireviers Uhingen. Thema: Banküberfall

Schon als er die Volksbank verlassen hatte, wusste man in der Polizeizentrale, dass aus der Übung ein Ernstfall geworden war. Der stille Alarm war ausgelöst worden, kurz nachdem Brunner den Zettel auf den Tresen gelegt hatte. Der Filialleiter rief wenig später bei der Polizei an: Der Mann gehe mit einem blauen Müllsack Richtung Bahnhof. Darin habe er 1000 Euro, präpariert für Überfälle, alles markierte Scheine.

Ein Richter verschont Brunner von der U-Haft

Monate später, an einem Wintertag 2013, begann im Amtsgericht Göppingen der Prozess gegen Erwin Brunner wegen räuberischer Erpressung. Heiko Griesinger ist ein erfahrener Richter, aber er fragte sich, was er von diesem Mann halten sollte. Er hatte die Vernehmungen gelesen, das umfängliche und schamvolle Geständnis. Im Bundeszentralregister stand keine Vorstrafe. Warum der? Ein Rentner, der sich um alle möglichen Leute kümmerte, zum Zeitpunkt der Tat auch um eine demenzkranke Frau? Den der fast schon gerührte Haftrichter deshalb von der Untersuchungshaft verschonte? Wie kam so einer auf die Idee, eine Bank zu überfallen? Ist er verrückt? Grießiger vertagte den Prozess und gab ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag.

Es waren ausführliche Gespräche, die Erwin Brunner mit dem Ärztlichen Direktor einer Göppinger Klinik führte. Bohrende Fragen. Brunner erklärte, warum er sich damals von seiner Frau getrennt hatte, erzählte von seiner gefühlskalten Mutter aus Schlesien, dem liebevollen Vater, dem Unfalltod seiner kleinen Schwester. Wie er litt unter der Angst um Vanessa in Ghana.

Ein guter, aber einsamer Mensch

Die Ärzte untersuchten seinen Körper. Puls: 80 Schläge pro Minute. Herzschrittmacher komplikationslos. Die Ärzte untersuchten auch seinen Geist. Überdurchschnittliche Gedächtnisleistung. Eine Psychose könne mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Er wusste genau, was er tat, heißt es im Gutachten. 

Ein Jahr später nahm der Gutachter im Saal des Amtsgerichts Göppingen Platz und fasste die Ergebnisse zusammen: „Das Gesamtverhalten des Angeklagten ist merkwürdig. Der Angeklagte ist ein intelligenter, aber gutgläubig-naiver, in seinem Grundwesen guter, aber auch sehr einsamer Mensch.“

Die Bankangestellten waren auch im Gerichtssaal. Sie berichteten, wie sie sich wunderten, dass mitten im Hochsommer ein Mann mit Hut und Mantel in die Bank trat. „Ich dachte erst, er hätte empfindliche Haut“, sagte eine. Ihre Kollegin hatte ihn für einen Laiendarsteller vom Bauerntheater aus dem Nachbardorf gehalten. Niemand in der Bank hatte bleibende seelische Beeinträchtigungen davongetragen. Brunner bat die Frauen um Entschuldigung.

Brunner darf kein Geld mehr nach Afrika schicken

Die Strafe für einen Räuber, der als zurechnungsfähig eingestuft wird, liegt zwischen einem und 15 Jahren Gefängnis. Bankräuber werden normalerweise hart bestraft.

Doch Richter Griesinger sagte zu Brunner am Ende des Prozesses: „Sie sind der erste Bankräuber, der bei mir ohne Gefängnis hinausläuft. Sie sind eigentlich ein guter Mensch.“ Erwin Brunner war erleichtert. Zwei Jahre auf Bewährung lautete sein Urteil. Und er bekam eine Auflage: Ihm wurde verboten, „Gelder ins Ausland zu transferieren, insbesondere ins afrikanische Ausland“.

Als er nämlich in den Vernehmungen von Vanessa Decker erzählte, von ihren Mails, ihren Hilferufen, seinen vielen Überweisungen, von der Liebe zu ihr, da erkannten die Beamten schnell das Muster dieser beliebten Betrugsmasche. Aber Brunner glaubte Vanessa mehr als der Polizei. Erst im Januar 2015, als herauskam, wer wirklich hinter Vanessa Decker steckte, ging ihm auf, wie leichtgläubig er gewesen war. Er sprach mit einem wohlhabenden Rentner aus Nordrhein-Westfalen, der auch darauf reingefallen war. Vanessa Decker ist eigentlich Alhassan Musah Mohammed, ein junger Mann, Anfang 20, aus der ghanaischen Stadt Koforidua. Der sich gut mit Computern auskennt und bei den Behörden als Händler registriert ist.

Brunner erzählte Freunden nie von der Tat

Erwin Brunner hätte sich nie mehr bei ihm gemeldet, wenn von Alhassan Musah Mohammed nicht noch eine Whatsapp-Nachricht gekommen wäre, in der er seine wahre Identität offenbarte und um Vergebung bat. Brunner zögerte, aber er fand die Worte aufrichtig, und als gläubiger Christ sollte man auch verzeihen können. Und so tauschten sie wieder Mails aus. Bis Mohammed schrieb, er wolle nach Deutschland kommen, sich hier Arbeit suchen und ihm alles zurückzahlen. Ob er ihm nicht das Geld für den Flug vorschießen könne? Da war es selbst Brunner zu viel.

Vor ein paar Wochen bekam er ein Paket von den Behörden. Darin der damals sichergestellte Trenchcoat und der Lederhut. Er verbannte beides aus seiner Wohnung. Aus Scham hat er seinen Söhnen und seinen Freunden nie von seiner Tat erzählt.

Er lebt heute von 750 Euro Rente. Er hätte nach dem Urteil auch Privatinsolvenz anmelden können, so wäre er in ein paar Jahren schuldenfrei. Aber so hätten seine Gläubiger ihren Anspruch auf das Geld verloren. Und er will doch jeden Cent zurückzahlen. Monatlich stottert er 65 Euro an seine Freunde ab. Statt sich den Bus zu leisten, geht er heute zu Fuß.  

Dieser Text ist in der Ausgabe stern crime Nr. 1 erschienen. 


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