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stern Crime

Enthüllungs-TV: Sie sagte im Fernsehen die Wahrheit und musste dafür mit dem Leben bezahlen

Eine junge Frau geht in eine Fernsehshow. Sie muss dort sehr private Fragen beantworten. Ihre Eltern sowie ihr angeblicher Freund sitzen im Publikum. Ihre Antworten zerstören die gesamte Familie – und kosten sie das Leben.

Von Annett Heide

Ruth Thalía

Vilma Sánchez hat ein Bild ihrer Tochter Ruth Thalía in den Einband ihrer Bibel gesteckt

Lima, Frühjahr 2012. In wenigen Wochen wird eine Fernsehshow starten, wie es sie noch nicht gegeben hat in Peru. Ein Moderator, ein Kandidat, eine Stunde. Der Kandidat beantwortet Fragen. Nicht über Politik oder Kunst oder Wissenschaft. Der Kandidat soll Auskunft geben über sich selbst. Tut er das aufrichtig, dann winkt ihm eine Summe, für die andere monatelang arbeiten müssen. "Der Wert der Wahrheit", so viel ist vor der ersten Ausstrahlung klar, wird eine Sendung, bei der ein Kandidat außergewöhnlich viel zu gewinnen hat. Wie viel er verlieren kann, ahnt damals niemand.

Ruth Thalía Sayas Sánchez, 18, ist die Erste, die vor laufender Kamera über ihr Leben sprechen soll. Sie hat sich beworben, 14 andere aus dem Feld geschlagen. Auch für sie ist die Show eine Chance, viel Geld zu gewinnen. Und vielleicht sogar die Chance, ein wenig berühmt zu werden. Das alte Leben hinter sich zu lassen.

Nicht dass es ein schlechtes Leben wäre. Ihre Eltern haben es weit gebracht, wenn man bedenkt, woher sie stammen. Leoncio Sayas und seine Frau Vilma Sánchez kommen aus der Andenstadt Huancavelica. 40.000 Einwohner, viel Armut, kaum verbunden mit der Außenwelt. Im Jahr 2000 ziehen sie mit Ruth Thalía und ihrer Schwester nach Lima, genauer nach Huachipa, einen grauen, staubbedeckten Vorort, der sich um die Autobahn herum in die Berge frisst. Huachipa ist der Ort, an dem fast alle Zuwanderer hängen bleiben. Kein Ort, an dem es sich leicht lebt. Aber doch leichter als in den Bergen. Schon nach ein paar Jahren haben die Sayas eine eigene Glaserei. Ihre beiden Töchter gehen aufs Kolleg. Und der in Lima geborene Sohn spricht akzentfrei Spanisch, nicht Quechua, die Sprache der Anden. Es ist eine Erfolgsgeschichte.

Huachipa

Huachipa, der Vorort von Lima, in dem Vilma Sánchez und Leoncio Sayas mit ihren Kindern wohnen


Es wird nicht leicht werden

Ruth Thalía sagt ihren Eltern nicht, was sie beim Sender Frecuencia Latina erwartet. Sie weiß, dass es nicht leicht werden wird. Die Fernsehleute sind die Fragen mit ihr durchgegangen. Ruth Thalía weiß, was sie wissen wollen. Und was sie antworten wird.

Vilma und Leoncio glauben, dass es im auch darum gehen soll, was sie geschafft haben. Leoncio will berichten, wie er jahrelang 18 Stunden täglich schuftete. Als Taxifahrer, fliegender Händler, Schuhputzer. Vilma will die Pflanzen ihrer Heimat in die Kamera halten, die Kartoffeln und die Kräuter. Will erzählen, wie sie ihre Töchter lehrte, Wassermelonen zu verkaufen. Und dann wollen die beiden ihre Band vorstellen, die "Vilma Sánchez y los Chupachichis del Perú", die Huayno spielt, die traditionelle Musik der Anden.

Es kommt anders

Samstag, 7. Juli 2012, ein TV-Studio in . Es ist 22 Uhr, das Publikum ist bereit, die Bühne ausgeleuchtet. Ruth Thalía sitzt auf einem roten Drehsessel. Schwarze Hose, braun-weiße Bluse, die halblangen Haare glatt gekämmt. Mädchenhaft sieht sie aus, unschuldig und ein bisschen nervös. Ihr gegenüber: Beto Ortiz, der bekannteste TV-Journalist des Landes. Und nur ein paar Meter entfernt auf einem Sofa die drei Vertrauten, die Ruth Thalía mitgebracht hat und die nun dem Publikum vorgestellt werden: Mutter Vilma, Vater Leoncio und Bryan, der Freund. Bryan, der 20-Jährige aus der Nachbarschaft, der Mototaxifahrer, von dem Vilma heute sagt, er sei die treibende Kraft für diesen Auftritt gewesen. Er habe Ruth Thalía auf die Idee gebracht, habe angeboten, dass er mitgehe. Wenn sie ihm denn etwas abgeben würde vom Gewinn. Bryan sitzt breitbeinig auf dem Sofa, gleich links von Vilma und Leoncio. Sie alle wirken angespannt, aufgeregt. Die Augen voller Erwartung.

Beto Ortiz

TV-Moderator Beto Ortiz, heute 47, bei einer seiner aktuellen Shows für den Sender Frecuencia Latina


Die erste Frage an Ruth Thalía, die sich gerade als Studentin der Finanzwissenschaften vorgestellt hat: "Hast du schon mal die Uni geschwänzt, ohne dass deine Mutter es wusste?" Ruth lächelt schelmisch, Vilma lächelt schelmisch. Ruth ringt sich ein leises Ja ab, und nach einer langen Spannungspause, in der ein Lügendetektor die Antwort prüft, donnert eine körperlose Stimme durch das Studio: "Die Antwort ist ... wahr!!!" Lautes Klatschen, lautes Lachen. Auch Vilma lacht. Aber die Fragen werden gefährlicher, es geht jetzt Schlag auf Schlag. "Hast du dir die Nase operieren lassen?" Ja. Ruth Thalía sagt, sie würde sich auch gern Fett absaugen lassen, vielleicht vom Gewinn der Show, sie fühlt sich nicht wohl in ihrer Haut. Und, ja, sie wäre auch lieber eine Weiße, keine Mestizin. Die Kamera schwenkt auf Leoncio und Vilma, die eigentlich ihre Kartoffeln und ihre Lieder präsentieren wollten. Sie zwingen ihre Mundwinkel nach oben. "Und der Kerl auf dem Sofa", fragt Beto nun – die Kamera zoomt auf Bryan –, "sieht der gut aus?" Ruth Thalía zögert. "Jaa, jaa." Ist er intelligent? Ruth Thalía legt den Kopf schräg und lächelt verlegen. "Mehr oder weniger." – "Seid ihr ein glückliches Paar?" – "Normal." Bryan grinst. Und sieht weder klug noch glücklich aus.

Frage 9. "Sind dir die Umgangsformen deiner Familie peinlich?" Ruth Thalía holt tief Luft, sie blickt zu ihrer Mutter. Vilma lächelt sie an, nicht mehr munter wie zu Beginn der Sendung. Aber doch irgendwie ermutigend. Als Ruth Thalía mit Ja antwortet, schließt Vilma die Augen. Sie nickt kaum merklich, resigniert. Und als sie die Augen wieder öffnet, ist ihr Blick ein anderer.

"Ruth Thalía", sagt Ortiz jetzt, als leite er eine Therapiesitzung, "deine Eltern sind sehr getroffen. Kannst du erklären, was du meinst?" – "Ich liebe sie", sagt sie, während ihre Mutter sich mit den Händen die Tränen aus dem Gesicht wischt. "Aber es gibt Dinge, die mir nicht an ihnen gefallen." – "Die nächste Frage wird noch härter für deine Familie. Willst du weitermachen?", fragt Ortiz. "Ja", sagt Ruth Thalía fest. "Es geht hier nicht nur ums Geld", fährt Ortiz fort, "sondern um ein Geheimnis, das du enthüllen willst. Eine Last, die du loswerden möchtest. Vor deinen Eltern, vor deinem Freund, vor dem ganzen Land."

Frage 10: "Arbeitest du wirklich in einem Callcenter?" Ruth Thalía, die zuvor erzählt hatte, dass sie so ihr Studium finanziere, antwortet: "Nein."

Ortiz fragte Bryan, ob er das wusste. Ja, er wusste es. "Kennst du ihr Geheimnis?" – "Ich glaube schon." Bryan grinst.

Frage 11: "Hast du schon öfter als einmal die Pille danach genommen?" – "Ja." – "Bist du nur mit Bryan zusammen, bis ein Besserer kommt?" – "Ja." Nun verschwindet auch aus Bryans Gesicht das Grinsen. Und Beto Ortiz gibt erneut den Therapeuten: "Ist das nicht eine grausame Antwort?" – "Schon", räumt Ruth Thalía ein, "aber ich sehe einfach nicht, dass er daran arbeitet, seine Lage zu verbessern. Er hat keine Ziele."

Frage 13: "Hast du sexuelle Fantasien mit Frauen?" – "Ja." Frage 16: "Glaubst du, dass deine Eltern stolz auf dich wären, wenn sie wüssten, womit du wirklich dein Geld verdienst?" – "Nein." Vilma Sánchez sitzt jetzt vornübergebeugt. Als hätte man ihr mehrere Wirbel gebrochen.

Beto Ortiz stellt Frage 17: "Tanzt du in einem Nachtclub?" – "Ja", sagt Ruth Thalía. Sie trage dann einen Bikini und hohe Schuhe und verdiene 150 Soles pro Auftritt, umgerechnet 45 Euro. Manchmal seien es drei Auftritte pro Nacht. Der Moderator blickt auf die schluchzende Vilma. "Willst du jetzt aufhören?", fragt er die Kandidatin. Aber Ruth Thalía wirkt ungerührt. "Ich mache weiter." Es ist ein Augenblick, in dem den Zuschauern der Atem stockt. Vielleicht weil sie wissen, was als Nächstes kommen muss. "Hast du", fragt Ortiz, "jemals Geld für Sex genommen?" Auch hier lautet die Antwort: "Ja."

Ruth Thalía

Ruth Thalía auf Bildern aus dem Familienalbum


Alles Lüge?

Drei Fragen könnten noch gestellt werden, aber Ruth Thalía macht Schluss. 15.000 Soles hat sie da auf ihrem Konto, zehn durchschnittliche Monatsgehälter. "Meine Eltern und meine Geschwister sind das Wichtigste in meinem Leben", beteuert sie. Dann schaut sie zu Vater, Mutter und ihrem Freund. "Ich wollte nicht, dass ihr weint. Und Bryan, ich entschuldige mich, dass ich dir das zugemutet habe." Ruth Thalía steht auf und eilt zu ihrer Mutter. Sie fällt vor ihr auf die Knie, lässt ihren Kopf in Vilmas Schoß sinken. Vilma legt ihre Arme um die Tochter. Das Publikum klatscht. Die Show ist vorbei.

Vilma und Leoncio sind sehr still, als sie das Studio verlassen. Irgendjemand wirft mit einer Wasserflasche nach ihnen.

Als sie gemeinsam mit Bryan und Ruth Thalía im Taxi nach Huachipa sitzen, sind die beiden bester Laune. Vorbei die Tränen, die Betretenheit. "Meine Tochter sagte, Mama, kleine Mama, du kennst mich doch, du weißt doch, dass das alles nur Theater ist. Das ist alles ausgedacht", erzählt Vilma heute. Bryan habe Witze gemacht. "Er war wie immer. Beim Abschied sagte er: Tschüss, gnädige Frau, bis morgen." Sollte das alles nur eine Geschichte gewesen sein? Eine Verabredung zwischen zwei jungen Leuten, um im Fernsehen Geld zu machen und ein bisschen berühmt zu werden?

Für den Sender Frecuencia Latina ist die Show ein rauschender Erfolg

"Es lief viel besser, als wir es erwartet hatten", sagt Beto Ortiz heute. "Wir wurden die Nummer eins in der Samstagabend-Unterhaltung und blieben es 15 Wochen lang." 

Auch für Ruth Thalía ist sie ein Erfolg, sie gilt plötzlich als Berühmtheit. "Das hat ihr gefallen", sagt Ortiz. "Sie war auf vielen Titelseiten, wurde ständig fotografiert und in andere Sendungen eingeladen." Ihre Mutter sagt das Gleiche: "Ruth Thalía war wirklich glücklich."

Ein paar Tage nach der Sendung ist sie zu Gast in einer Show. Auf die Frage des Moderators, wie es ihr und ihrer Familie nach dem Samstagabend gehe, antwortet sie: "Prima." "Prima?", wiederholt der Moderator ungläubig. Na ja, sagt Ruth Thalía, es nerve nur, dass jetzt lauter Verwandte anriefen und sich über sie beschwerten. Was sie der Familie antue. "Aber ich verstehe nicht, warum die sich bei meinen Eltern beklagen. Die sollen mich anrufen, wenn sie mir etwas zu sagen haben. Ich bin erwachsen. Wir verstecken alle etwas. Ich sage es offen. Das ist der Unterschied."

Vilma Sánchez und Leoncio Sayas

Die Eltern Vilma Sánchez und Leoncio Sayas in ihrer Glaserei


Von der Familie geächtet

Das Leben ihrer Eltern verändert sich noch viel radikaler als das von Ruth Thalía. Vilma und Leoncio Sayas werden geächtet. Von den Nachbarn in der sandigen, nach Abwasser riechenden Gasse, von der Familie in der Heimat. Leoncio, Jahrgang 1971, ist eins von 13 Kindern, streng religiös und bitterarm aufgewachsen. Schuhe hat er früher nie besessen, stattdessen band er sich Stücke alter Autoreifen unter die Füße. Die ein Jahr jüngere Vilma ist eins von zwölf Kindern und das einzige ohne Ausbildung. Ein Grund, warum die beiden Huancavelica verließen, war, "dass die Familie auf uns herabblickte", wie Vilma sagt. "Wir wollten beweisen, dass wir es auch zu etwas bringen." Aber nun ruft ihre Schwester an und fragt, was für eine Mutter sie sei. Sie habe eine Hure herangezogen. Eine von Leoncios Schwestern teilt ihm mit, dass er nicht mehr zur Familie gehöre. Er möge seinen Nachnamen streichen lassen. "Aber wir haben Ruth Thalía geglaubt", sagt die Mutter. "Sie war keine Prostituierte. Das war ein Lüge."

Als sie das sagt, steht Vilma in der Glaserei der Familie, unter einem großen Foto ihrer Tochter, und knetet ein Taschentuch. Sie hat nicht mehr viel Ähnlichkeit mit der hübschen, lebendigen Frau, die vor drei Jahren im Fernsehstudio saß. Sie wirkt klein und alt. Erloschen.

Wo ist Ruth Thalía?

11. September 2012, ein Dienstag. Ruth Thalía kommt abends nicht nach Hause. Auch am nächsten Morgen ist sie nicht da. Das hat es noch nie gegeben. Ihre Schwester Eva findet heraus, dass sie in der Uni einen Anruf von Bryan bekommen und sich mit ihm verabredet hat. Vilma klingelt nebenan. Bryan öffnet. Er sagt, er habe Ruth Thalía ewig nicht gesehen.

Leoncio gibt eine Vermisstenanzeige auf. Gemeinsam mit Vilma durchkämmt er Lima, hängt Zettel auf mit Ruth Thalías Foto, darauf das Wort "vermisst". Beide wissen, wie viele Frauen in Peru verschwinden, wie gering ihre Chancen sind. Aber dann tun sie etwas, das sich als Segen und als Fluch erweisen wird. Sie wenden sich an den Fernsehsender ATV und geben dort an, was sie bei der Polizei und auf den Zetteln verschwiegen haben: dass die Vermisste das Mädchen aus der Fernsehshow ist.

Das Fernsehen profitiert

Nur Stunden später berichten landesweit die Nachrichten über das Verschwinden "der Prostituierten aus 'Der Preis der Wahrheit'". Vor dem Haus der Familie sammeln sich die Reporter, am sechsten Tag zieht ein Team von ATV bei den Eltern ein und begleitet sie fortan auf Schritt und Tritt. Zur Polizei, in Krankenhäuser, in Leichenhallen.

Am Ende ist es auch ein Mitarbeiter von ATV, der Leoncio anruft und ihm mitteilt, dass die Polizei eine Leiche gefunden habe. Auf einem steinigen Grundstück, das einem Onkel von Bryan gehört.

Es ist der 22. September, elf Tage nach Ruth Thalías Verschwinden. Leoncio Sayas fährt mit seiner Tochter Eva zum Fundort. Vor ihnen sind schon Fotografen und Kamerateams aus dem ganzen Land eingetroffen. Es dauert mehr als eine Stunde, bis die Polizei den Vater und die Schwester auf das Grundstück lassen. Die Abendnachrichten zeigen, wie Leoncio fast zusammenbricht. Wie er nach Luft ringend seine Frau anruft. Sie müsse nach Hause kommen, er würde nach Hause kommen, "es ist etwas Schreckliches geschehen. Es gibt nur noch Verzweiflung." Als auch Bryan an den Tatort geführt wird, nimmt Leoncio einen Stein und stürzt auf ihn zu. Die Polizei kann ihn gerade noch zurückhalten.

Bryan litt unter seinem Image

Das Verhältnis der Sayas zu Bryan hat sich in den drei Monaten seit der Show dramatisch verschlechtert. Auch wenn er, wie er später in Interviews zugab, zum Zeitpunkt der Show gar nicht mehr mit Ruth Thalía zusammen war, müssen ihn die Konsequenzen seines Auftritts hart getroffen haben. Auf die gute Laune eines Abends folgen Tage und Wochen der Pein. Für alle Welt ist er nun ein Mann, dessen Freundin mit fremden Männern schläft. Das halbe Land lacht über ihn.

Aber Bryan hat einen tatkräftigen Onkel namens Redy Leiva. Mit ihm zieht er schon zwei Tage nach der Ausstrahlung zum Sender und fordert eine Kompensation. "Er sagte, die Show habe seinen Ruf geschädigt. Der Onkel stand hinter ihm, sie waren sehr aggressiv", erinnert sich Beto Ortiz. Sie hätten 200 Soles gefordert, rund 60, nicht viel also. "Aber wir haben ihnen das Geld natürlich verweigert. Bryan hatte vor der Show eine Vereinbarung unterzeichnet. Darin steht, dass er freiwillig an der Show teilnimmt und der Sender für keinerlei Folgen verantwortlich ist."

Ein Reporter berichtet

Auch von den Sayas fordert Bryan Geld. "Zuerst wollte er 500 Soles, dann 1000, dann 2000, schließlich 5000", sagt Ruth Thalías Schwester Eva. Die Familie weigert sich zu zahlen. Eines Tages wird eingebrochen und Ruth Thalías Laptop gestohlen. Sonst nichts. Die Familie hat Bryan im Verdacht und zeigt ihn an. Aber mehr geschieht nicht.

César Pereira

TV-Reporter César Pereira interviewte Ruth Thalía und Bryan


Es gibt einen einzigen Menschen, der sowohl Ruth Thalía als auch Bryan kurz nach ihrem TV-Auftritt interviewt hat. César Pereira, Reporter bei Frecuencia Latina, ein Mann, der im Laufe seines Berufslebens schon vielen Prostituierten, Dealern und Menschen in Not begegnet ist. "Sie war eine Lolita", sagt er über Ruth Thalía. "Sie wirkte unschuldig und abgebrüht zugleich. Berechnend." Sie erzählte ihm, dass sie stolz darauf sei, als Prostituierte zu arbeiten. Weil die Sayas es ablehnten, mit ihm zu sprechen, habe er sie auf der Straße vor dem Haus interviewt. "Plötzlich kam ein Mototaxi, und Ruth Thalía flüsterte: 'Das ist Bryan.' Ihr Gesicht veränderte sich schlagartig." Angst habe darin gestanden. Sie habe erzählt, dass sie und Bryan nun keine Freunde mehr seien – wegen der Dinge, die sie im Fernsehen über ihn gesagt habe.

Ein abgebrühter Plan

Nachdem man Ruth Thalías Leiche auf dem Grundstück eines weiteren, unbeteiligten Onkels gefunden hat, wird Bryan verhaftet, und es dauert nicht lange, bis er sein erstes Geständnis ablegt. Darin gibt er an, dass er und Ruth Thalía am 11. September verabredet gewesen seien. Sie hätten Rotwein getrunken und miteinander geschlafen. Danach seien sie in Streit geraten. Er habe sie gepackt, auch am Hals, und plötzlich sei sie zusammengebrochen. Auf Verbrechen aus Leidenschaft stehen in Peru nur zehn Jahre Haft, das muss Bryan gewusst haben. Doch die Polizei stellt bei der Besichtigung des angeblichen Tatorts Widersprüche zu seiner Aussage fest.

Und sie findet einen Zeugen, dem Bryan 50 Soles dafür gezahlt hat, ihm Bescheid zu geben, sobald Ruth Thalía in Huachipa aus dem Bus steigen würde. Der Mann sagt aus, dass Bryan und ein Begleiter das Mädchen überwältigt und in das Mototaxi gezerrt hätten. Bryan gibt daraufhin zu, dass er die Geheimzahl ihres Kontos herausfinden wollte, um an ihr gesamtes Geld zu kommen. Aber dann kam alles anders. Er trank mit ihr Wein, er betäubte sie mit Drogen, er vergewaltigte sie, er schlug sie tot. Und brachte die Leiche mit der Hilfe von Redy Leiva auf jenes abgelegene Grundstück des anderen Onkels hinter lauter Ziegelfabriken.

Ziegelfabriken

Der Fundort von Ruth Thalías Leiche, ein abgelegenes Grundstück hinter Ziegelfabriken


Mord aus Habgier

Bryans Anwalt sagt im Prozess, sein Mandant sei einfach durchgedreht, durch die Demütigung vor den Augen der ganzen Nation. Die Tat sei eine direkte Folge der Show. "Sie hätte ohne Bryan als gehörnten Freund nicht funktioniert. Das ist die Wahrheit." Am 21. Januar 2014 muss Beto Ortiz als Zeuge aussagen, allerdings nicht wegen der Vorwürfe gegen die Show. Bryan hat behauptet, er sei bloß deshalb zwei Tage nach der Show wieder beim Sender aufgetaucht, weil ihm als Wiedergutmachung ein Job angeboten worden sei. Ortiz bestreitet das. Er bleibt dabei, dass Bryan und sein Onkel nach Geld fragten. Dafür gibt es weitere Zeugen. Am 13. August dieses Jahres wird das Urteil endgültig bestätigt. Bryan Romero Leiva und sein Onkel Redy Leiva werden wegen Mordes aus Habgier zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt. Es ist die höchste Strafe, die ein peruanisches Gericht verhängen kann.

Lima im Herbst 2015. Ein Treffen mit dem Fernsehmoderator Beto Ortiz in einem eleganten Restaurant. Er kommt vom Sport, hat eine Nike-Tasche dabei und verbreitet den frischen Geruch von Duschgel. Er ist mittelblond, mittelgroß, trägt einen schwarzen Samtanzug, eine lilafarbene Brille und einen silbernen Totenkopfring, sein Talisman.

Die Zeit nach Ruth Thalías Tod war für ihn nicht leicht. Die peruanische Presse stürzte sich auf ihn. Warf ihm vor, er habe das Mädchen in den Tod getrieben. "Alle Fernsehsender haben Geschichten über den Mord gebracht, über Bryan, den Onkel, die Show, über mich. Mein Foto erschien auf der Titelseite einer Zeitschrift mit der Schlagzeile: ,Der Mörder'." Ortiz hat die Ausgabe aufgehoben.

Beto Ortiz fühlt sich unschuldig

Aber darf man mit viel Geld Menschen dazu verleiten, sich selbst und andere vor aller Augen zu entehren? Beto Ortiz ist sich sicher, dass ihn keine Schuld trifft. Dass Ruth Thalía nicht wegen seiner Sendung sterben musste und schon gar nicht seinetwegen. "Ich war schockiert. In 25 Jahren im Journalismus war ich in vielen besonderen Situationen, aber in keiner, in der jemand, den ich zuvor interviewt habe, ermordet aufgefunden wird. Doch bereut habe ich die Sendung nicht. Ruth Thalía ist nicht ihr Opfer, sondern das von Bryan Romero Leiva."

"Der Wert der Wahrheit" lief noch über zwei weitere Staffeln, bis Mitte 2014. Allerdings wurden nur noch Prominente eingeladen. Leute, die wissen, was geschehen kann, wenn man vor Millionen Zuschauern das Falsche sagt. In vielen anderen Ländern, in denen man die Show produzierte, gab es Eklats. Aber nirgends waren die Folgen so dramatisch wie in Peru.

Damals, beim Casting

Warum musste Ruth Thalía sterben? Warum hat sie sich eingelassen auf die öffentliche Entblößung? Die ihrer eigenen Person, ihrer Eltern und des Jungen, der ihr Mörder werden sollte? Wer war Ruth Thalía wirklich?

In einem Café im angesagten Limaer Stadtteil Miraflores sitzt Pepe García. Der Journalist hat im Sommer 2012 die Castinggespräche geführt, die Lebensgeschichten der Kandidaten recherchiert. "Was mich an dem Gespräch mit den Eltern damals wirklich berührt hat, war ihre Unterwürfigkeit. Sie waren sehr bescheiden, sehr typisch für Menschen aus dem Landesinneren. Aber Ruth Thalía war ganz anders. Sie war sehr extrovertiert. Vielleicht wegen ihres Berufs. Ich habe nachgehakt: Hast du wirklich kein Problem damit, jedem zu erzählen, dass du eine Prostituierte bist? Sie entgegnete: Ich bin eine. Ich schäme mich nicht dafür."

Auch Ruth Thalías Mutter sucht nach Antworten. "Sie wollte berühmt werden", sagt sie. "Künstlerin und Model. Wahrscheinlich ist sie deshalb auch zum Fernsehen gegangen." Im Wohnzimmer der Familie, in dem nur einige Stühle stehen, hat Vilma Fotos auf dem Zementboden ausgebreitet. Ruth Thalía in Schuluniform, mit Sonnenbrille an einem Swimmingpool, die Kinder verkleidet beim Fasching, das ehemalige Elternhaus in Huancavelica. Die Bilder einer scheinbar glücklichen Familie.

Der Preis war zu hoch, für alle

Wussten die Eltern, dass ihre Tochter etwas ganz anderes wollte? Dass sie haderte mit ihrer Herkunft, ihrem Aussehen, ihrer Hautfarbe? "Sie hat immer mal so was gesagt", erinnert sich Vilma, "aber sie hat Scherze gemacht. Sie sagte, Mama, ich sehe deine lange Nase noch, wenn du hinter der Ecke stehst. Oder: Papa, du bist so dunkel, wenn das Licht aus ist, kann ich dich gar nicht mehr sehen. Wir haben dann gelacht." Es waren Scherze, wie es sie auch in anderen Familien gibt. Erst im Nachhinein haben sie einen bitteren Beigeschmack. Weil nun offensichtlich ist, wie viel Wahrheit sie enthielten.

Und dass Wahrheit nicht nur einen Wert hat, sondern auch einen Preis. Einen Preis, den nicht nur Ruth Thalía bezahlt hat, sondern ebenso ihre Schwester, ihr Bruder, ihr Vater und ihre viel zu früh gealterte Mutter.

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