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stern Crime: Zu Besuch bei der besten Phantombildzeichnerin der Welt

Mörder, Vergewaltiger, Räuber - Lois Gibson sieht sie vor sich, ohne ihnen je begegnet zu sein. Sie ist die beste Phantombildzeichnerin der Welt. Ein Geschichte aus stern Crime.

Von Andrea Ritter

Eine weibliches Gesicht wird fein gezeichnet

Die Gesichter des Bösen: Die Phantomzeichnerin Lois Gibson lässt sie regelrecht lebendig erscheinen

Lois Gibson ist 64 Jahre alt und hat eine Leidenschaft: Gerechtigkeit. Es klingt fast unheimlich, wenn sie mit lang gezogenen Vokalen und der Melodie der amerikanischen Provinz sagt: "I baaaaaaadly want justiiiice." Sie will, dass Täter geschnappt werden. Will, dass sie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Denn der Kerl, der sie damals vergewaltigt hat, wäre fast davongekommen.

Seit über 30 Jahren arbeitet Lois Gibson für das Polizeidepartment von Houston, Texas. Sie zeichnet Verbrecher - besser als jeder andere. Rund 4500 Fälle hat sie bearbeitet, mehr als 1266 konnten mit ihrer Hilfe gelöst werden, das ist der Weltrekord. Im Guinness-Buch steht sie als "Most Successful Forensic Artist" - "erfolgreichste Phantombildzeichnerin". Akribisch dokumentiert Lois Gibson ihre Fälle und Erfolge, denn die Porträtzeichnung als Bestandteil kriminologischer Ermittlung gilt zunehmend als altmodisch. In Deutschland gibt es kaum noch Handzeichner, außer im Krimi. Das, was wir als "Phantombilder" kennen, sind meist sogenannte visuelle Fahndungshilfen; Bildmontagen, die mittels einer Auswahl von Schablonen - Augen, Nasen, Münder - am Computer erstellt werden.

Phantombildzeichnerin Lois Gibson, eine Frau mit langen brünetten Haaren, sitzt neben ihrer Staffelei

Lois Gibson vor ihrer Staffelei, zu Hause in Houston, Texas. Sie zeichnet mit weicher Pastellkreide, die leicht abfärbt - deshalb der Handschuh und das Frotteetuch


Handzeichnungen  besser als Montagen

"Wroooong", findet Lois Gibson das. "Falsch." Die Erfolgsquote solcher Montagen sei deutlich geringer als die von Handzeichnungen. Die Kunst sei es, Beschreibungen von Einzelteilen - "buschige Augenbrauen", "kleiner Kopf" - zu proportionierten Gesichtern zusammenzufügen. "Eine Augenbraue allein macht ja noch kein Gesicht", sagt sie, "dann erkennst du gar nichts, gar nichts, gar nichts, Honeyyyyy."

Ihre Stimme ist eindringlich geworden, fast hypnotisch. "You seeeeee?" Und tatsächlich beginnt man allmählich zu ahnen, warum sie die Beste in ihrem Beruf ist. Nichts entgeht ihr, nichts scheint sie aus der Ruhe zu bringen. "Die Menschen, die mir bei meiner Arbeit gegenübersitzen, haben Schreckliches erlebt. Ich muss sie dazu bringen, dass sie mir vertrauen. Gut zeichnen zu können, das ist das Handwerk. Der Rest ist Psychologie. Empathie. Sich in das Innere der anderen Person versetzen. Sie wollen verstehen, warum ich diesen Beruf mache? Dann lassen Sie mich erzählen", sagt Lois.

Foto und Phantombild eines von einem Mädchen beschriebenen Mann

Ein zehnjähriges Mädchen beschrieb diesen Mann, nachdem es von ihm sexuell belästigt worden war. Als der Täter die Porträtzeichnung in den Fernsehnachrichten sah, stellte er sich freiwillig der Polizei.


"Ich erinnere mich daran, wie ich geboren wurde"

"Ich bin in den Ozarks aufgewachsen. In den Bergen. Schlimmstes Hillbillyland, da wohnen nur Hinterwäldler. Wir waren fünf Kinder. Mama war Hausfrau, Papa war Tischler. Der beste. Ich habe immer gezeichnet. Schon bevor ich laufen konnte. Ich erinnere mich noch an die Stifte, die Kreide. Es ist nämlich so: Ich erinnere mich an alles. Ich erinnere mich daran, wie ich geboren wurde. Das ist sehr, sehr hässlich. Sehr schmerzhaft. Ja, ich weiß, man kann das nicht glauben. Viele Leute sagen: 'Nein, das tust du nicht.' Doch, ich tue es. Ich erinnere mich, wie schlimm das war, wie beängstigend. Ich meine, haben Sie je in einer Falle festgesteckt? Waren Sie jemals in einem Autowrack eingeklemmt oder so? So fühlt es sich an, wenn man geboren wird.

Ich erinnere mich auch an die Zeit, in der ich noch nicht sprechen konnte. Wie meine Eltern reinkamen und komische Geräusche mit dem Mund machten. Meine Schwester hat mir das erste Wort beigebracht. Sie hat mir mit dem Finger ins Auge gepikt und gesagt: Auge.

Ich kann mir Gesichter gut merken. Ich wollte immer schon Porträts zeichnen. Viele Künstler haben Angst davor. 1976 habe ich mein Kunststudium an der University of Texas in Austin abgeschlossen - nachdem passiert war, was mein Leben komplett verändern sollte.

Phantombild und Porträt eines Mannes nach den Schilderungen eines Polizisten

Diesen Kriminellen zeichnete Lois Gibson nach den Schilderungen eines Polizisten. Der Gesuchte hatte dreimal auf ihn geschossen, ihn danach mit seinem Fahrzeug überfahren und über 15 Meter weit mitgeschleift.


Ich wohnte damals in Los Angeles. Ich war Tänzerin im Fernsehen und Model. Ich ging mit einen Typen aus von den "Beverly Hillbillies", das war so eine Fernsehserie. Und später mit James Caan. Der spielte Sonny Corleone in "Der Pate". Eines Tages stand ein Kerl in meiner Wohnung. Er tat so, als wäre er ein Nachbar. Er würgte mich fünf Minuten lang. Dann vergewaltigte er mich. Danach habe ich versucht, mich umzubringen. Weil es mich zerstört hatte. Weil ich damit nicht klarkam. Ich bin nicht zur Polizei gegangen. Ich habe keine Aussage gemacht. Es war mir zu peinlich.

Sechs Wochen später fuhr ich den Sunset Strip entlang. Durch irgendeinen Zwischenfall zwang mich der Fahrer neben mir zum Ausweichen. Er drängte mich ab, und ich nahm die nächstbeste Abbiegung, eine Straße, die den Hügel hochführte. Ich konnte nicht wenden, der Weg war steil und kurvig. Und dann sah ich ein gelbes Haus, zwei Stockwerke. Und der Typ, der versucht hatte, mich umzubringen, lief dort rum. Ja, wirklich. Ich fing an zu schreien. Aber dann merkte ich, dass er nicht allein war. Da waren noch zwei Männer: Los Angeles Police. Und ich sah, wie sie ihn überwältigten, auf dem Gipfel des Hügels. Ich sah Gerechtigkeit. Der Kerl wurde wegen eines anderen Verbrechens festgenommen. Aber vielleicht war es ein Wunder Gottes, dass ich in dem Moment dort vorbeigefahren bin. Ich denke das manchmal, denn ich habe andere Wunder erfahren. Unendlich viel wichtiger aber ist: Ich habe in dem Moment verstanden, wie erlösend es ist, Gerechtigkeit zu sehen. Ich wollte so unbedingt Gerechtigkeit, dass es mich fast umgebracht hat. Und dann sah ich Gerechtigkeit. Deshalb mache ich diese Arbeit. Weil ich weiß: Es hilft den Menschen, wenn der Täter gefasst wird. So einfach."


Zusammenarbeit mit der Polizei

Lois Gibson macht eine Pause, ihre letzten Worte bleiben in der Stille hängen. Nach der Vergewaltigung verließ sie Los Angeles und das Leben, das sie dort gelebt hatte. Sie war 21. Sie zog nach River Walk, San Antonio, Texas, ein malerisches Viertel am Fluss mit vielen Urlaubern, Cafés an beiden Ufern. Lois Gibson zeichnete auf der Straße Porträts von Touristen - zweieinhalb Jahre lang verdiente sie so ihr Geld, 3000 Bilder hat sie in der Zeit gemalt. Es war ihr Training für das, was kommen sollte.

"Ich hörte von einem Verbrechen, das mich wieder an die Vergewaltigung erinnerte. Und ich wusste: Ich will für die Polizei arbeiten. Mit einer Freundin habe ich geübt und nach ihren Beschreibungen das Porträt eines Tankstellenmitarbeiters gezeichnet, den ich nie zuvor gesehen hatte. Danach wusste ich, was ich ab sofort tun würde."

War es schwierig, die Polizisten von der Zusammenarbeit zu überzeugen?

"Was sind Sie? Eine Komikerin?! Es war schrecklich. Der Chef vom Präsidium wollte zwar, dass wir es ausprobieren, aber die Beamten haben mich voller Wut abgelehnt. Sie wollten nicht, dass jemand ihnen reinquatscht. Erst recht nicht, dass eine Frau, ein Mädchen, eine Zivilistin, ankommt und mit Zeugen von Kapitalverbrechen Kontakt hat. Sie wissen, was für eine Einstellung Männer haben können, nicht wahr?"

Porträt und Bild nach Angaben eines Zeugen, der ihn nur im Vorbeifahren gesehen hatte

Die Angaben für diese Phantomzeichnung stammen von einem Zeugen, der den gesuchten Mann nur für einen kurzen Moment aus zehn Meter Entfernung gesehen hatte - und zwar, als dieser mit einer Geschwindigkeit von etwa 60 km/h an ihm vorbeifuhr.

Jede dritte Zeichnung führte zur Lösung des Falles

Wie haben Sie es denn dann geschafft? "Indem ich einfach gut war. Jede dritte Zeichnung von mir führte zur Lösung des Falles. Sie haben mich immer eingesetzt, wenn der öffentliche Druck besonders groß war. Dann haben sie mich angerufen, und ich bin sofort zum Revier gefahren. Durch die Hintertür rein, damit es bloß keiner mitbekam. Ich setzte mich zu dem Zeugen, baute meine Sachen auf, malte mein Bild und packte meine Sachen wieder in den Kofferraum. Sieben Jahre habe ich so gearbeitet."

In der Zeit hat Lois Gibson zwei Kinder bekommen, die sie bei jedem dieser spontanen Einsätze wegorganisieren musste. Sie erzählt, dass sie sich damals wie eine "Sonntagsschullehrerin" gekleidet habe und stets bemüht war, Hausmütterchen und vorbildliche Gattin zu spielen, damit die Polizisten auf dem Revier nichts fanden, was sie gegen sie hätten verwenden können. "Ich gab jahrelang die brave graue Maus", sagt sie, und ihre Stimme wird noch dunkler und eindringlicher. Sie spricht abgehackt, betont jedes Wort, als sie sagt:

"Und der Grund, weshalb ich das alles mitgemacht habe, ist, dass der Kerl versucht hat, mich umzubringen. Ich war sehr, sehr böse deswegen. Viel wütender als die Männer bei der Polizei. Die wollten nur, dass ich verschwinde. Aber ich hätte niemals aufgegeben. Wissen Sie, Macht hat mir nie etwas bedeutet. Und dennoch habe ich Macht. Manchmal schaue ich meine Hand an, meine rechte Hand. Meine Hand tut all das. Ich liebe es zu zeichnen. Und mit dem, was ich liebe, kann ich Menschen Gutes tun und den Tätern in den Arsch treten. Was Besseres kann einem doch gar nicht passieren. Ich erinnere mich zum Beispiel an diesen Jungen in Kansas. Seine Eltern wurden vor seinen Augen erschlagen. Tot. Er war gerade erst vier geworden, und er sprach nur Spanisch. Meine Zeichnung war schnell fertig. Als er das Bild sah, schrie er mich an: 'Warum hast du diesen Mann gezeichnet?' Da wussten wir: Das Bild passt. Die Polizisten brauchten nur über die Straße zu gehen und hatten den Kerl. Ich habe diesem kleinen Jungen, der so süß war, zu Gerechtigkeit verholfen. Es ist auch überhaupt nicht schwer, mit Kindern zu arbeiten. Man muss nur dafür sorgen, dass sie verstehen, dass sie den Täter beschreiben sollen. In dem Fall habe ich also gesagt: 'Ich will den Mann zeichnen, der deiner Mami und deinem Papi wehgetan hat.'"

Zeichnung und Foto einer farbigen Frau mit kurzen Haaren

Eine Mutter beschrieb diese junge Frau, die ihr erst Stunden zuvor geborenes Baby aus dem Krankenhauszimmer entführt hatte. Innerhalb kurzer Zeit konnte die Kidnapperin identifiziert und der Säugling gefunden werden.


Staffelei und gräuliches Papier

Wie alle Phantombildzeichner verwendet Lois Gibson Vorlagen als Ausgangspunkt - den "Samantha Steinberg Catalog" zur Gesichter-Identifizierung. Ein Buch, in dem die Zeugen Nasen oder Augen auswählen können, die Gibson dann in den richtigen Proportionen zusammenfügt. "Ich benutze eine Staffelei", sagt Lois Gibson. "Das ist ganz wichtig. Andere zeichnen auf dem Tisch - falsch. Andere benutzen weißes Papier und Pinsel. Falsch. Ich nehme gräuliches Papier von Canson aus Frankreich und Pastellkreide. Kein kaltes blaustichiges Grau, sondern ein warmes gelbliches. Das erzeugt einen weichen Schimmer. Die Augen kommen besser raus, das Gesicht ist lebendiger."

Die Staffelei, erklärt sie dann, sei auch aus psychologischen Gründen wichtig. Sie stellt sie immer zwischen sich und das Opfer, wie einen Sichtschutz, einen Schutzschirm.

"Wir sind dann allein, die Tür ist zu", sagt Lois Gibson. "Wer Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist, fühlt sich oft schuldig, schämt sich. Ich erzähle dann, dass ich auch einmal fast umgebracht worden wäre. Das hilft. Und ich nenne die Leute nie 'Opfer'. Sie sind Überlebende.

Zeichnung und Portrait eines rothaarigen, hellhäutigen Mannes

Nachdem diese Zeichnung in den Lokalnachrichten gesendet worden war, meldeten sich gleich mehrere Familienmitglieder des Verdächtigen bei der Polizei. Die Täterbeschreibung lieferte der Mitbewohner eines Mordopfers.


Jeder Zeuge sagt zu Anfang, dass er das Gesicht nicht richtig gesehen hat. Dass er sich nicht erinnern kann. Man muss nämlich wissen: Die wollen das oft gar nicht. Deswegen werden manche auch aggressiv. Sie kämpfen. Ich bin dann einfach nur sehr, sehr nett und einfühlsam. Wenn sie schreien wollen, weinen, schimpfen - können sie machen.

Ich zeichne anders als alle anderen. Ich zeichne wie ein Drucker, von oben nach unten. Ich zeichne auch den Hals und die Schultern. Männer jenseits der 20 tendieren dazu, einem Kleidungsstil treu zu bleiben. Darum zeichne ich auch das Shirt. Der Täter wird später mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas Ähnliches tragen. Oft werden die Typen in demselben Shirt verhaftet, das sie bei der Tat anhatten.

Die Zeugen können nicht sehen, was ich zeichne. Erst wenn ich fast fertig bin, sage ich: 'Achtung. Ich drehe das jetzt um.' Das ist der wichtigste Moment. Und ich sagen ihnen: 'Ich kann alles so verändern, wie Sie es wollen.' Das geht dann sehr schnell. Sobald das Bild veröffentlicht ist, geschehen die merkwürdigsten Dinge. Manche Täter stellen sich selbst. Andere verraten sich, weil sie sich in irgendeiner Weise dazu verhalten. Dann werden sie auffällig."

Phantombild und Foto eines jungen schwarzen Mannes mit kurzen lockigen Haaren und sehr großer Brille

Beim Verlassen seiner Dienststelle sah ein Polizist diese Zeichnung an einer Wandtafel - und verhaftete gleich den Verdächtigen, der gerade am Revier vorbeiging. So konnten mehrere Vergewaltigungen aufgeklärt werden.


Gesichtserkennungssoftware mitentwickelt

Manchmal denke sie, es sei ihr vorherbestimmt, diesen Job zu machen, sagt Lois Gibson. Eine Gabe von oben oder so. Und wenn dann der Anruf kommt - "Wir haben ihn geschnappt, Lois" -, spürt sie immer noch diese tiefe Genugtuung. Wieder ein Täter, der nicht davongekommen ist. Zu Hause in Texas und an der FBI Academy bildet sie darum Zeichner für die Polizeiarbeit aus. Am liebsten wäre es ihr, wenn jedes Revier einen Zeichner im Team hätte. Jemanden wie sie. Für das FBI hat sie an der Entwicklung einer Software zur Gesichtserkennung mitgearbeitet. "Meine Porträts wurden von dem Computer zu 100 Prozent erkannt und richtig zugeordnet", sagt Lois Gibson. In Zukunft werden also nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen anhand ihrer Zeichnungen Täter und Verdächtige identifizieren können. Damit ist sie sehr zufrieden. 

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