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stern Crime: Du Opfer!

"Opfer" ist zu einem Schimpfwort geworden. Auch deshalb brauchen von Verbrechen Betroffene viel mehr Hilfe und Mitgefühl. Vom Staat – und von uns.

Ein Essay von Frauke Hunfeld

"Du Opfer!" - Ein Schimpfwort, an das wir uns viel zu schnell gewöhnt haben, findet stern-Autorin Frauke Hunfeld

"Du Opfer!" - Ein Schimpfwort, an das wir uns viel zu schnell gewöhnt haben, findet stern-Autorin Frauke Hunfeld

Sie hat die Ausbildung abgebrochen nach dem Prozess gegen ihren Vergewaltiger, sie hat ihre Wohnung verlassen, ihren Freund und ihr Heimatdorf. Sie jobbt jetzt in einer Reinigung, in einer Stadt, in der niemand sie kennt. Nur einmal im Jahr, an Weihnachten, fährt sie zu ihren Eltern, aber das Haus verlässt sie dann nicht, und sie reist erst ab, wenn es dunkel ist und niemand sie sieht. "Ich spreche nicht darüber", sagt sie, "ich schäme mich so."

"Warum sind Sie weggegangen?", frage ich. "Sie haben doch nichts getan. Sie müssen sich nicht verstecken. Sie sind das ." – "Ich will nicht erkannt werden", sagt sie. "Ich will vergessen. Aber weil ich nicht vergessen kann und weil ich nichts erklären kann, habe ich keine Freunde mehr."

"Wenn sie es ins Netz stellen, bringe ich mich um"

"Sie waren zu viert, ich hatte keine Chance", sagt er, aber zum Gericht kommt er trotzdem allein. "Wenn andere mich fragen, woher die Narben sind, dann lüge ich. Verkehrsunfall, Operation, Hundebiss – irgendwas. Keiner darf erfahren, dass ich mich schlagen und quälen ließ. Wenn sie es gefilmt haben und ins Netz stellen, bringe ich mich um."

"Wie konnte ich nur so dumm sein", sagt sie. "So leichtgläubig, so blind." Eine Internet-Bekanntschaft hat ihr vorgegaukelt und sie ausgenommen, bis nichts mehr da war. "Wenn jemand sich wundert, warum ich kein Haus mehr habe", sagt sie, "wo mein Geld ist, dann erfinde ich was. Wenn die Leute mich fragen, wovor ich eigentlich Angst habe, dann erzähle ich es nicht. Wenn die Leute finden, dass ich misstrauisch bin und irgendwie verspannt, dann lächele ich bloß."

"Vom Gericht wird er seine Strafe bekommen", tröste ich.

"Ich habe ihn jetzt doch nicht angezeigt", sagt sie. "Ich habe es mir noch mal überlegt. Ich will kein Opfer sein."

"Du Opfer" als Schimpfwort - Wie konnten wir uns so schnell daran gewöhnen?

Wann genau hat das eigentlich angefangen?

Dass Opfer nicht die sind, denen Unrecht geschieht, sondern die, die nicht stark genug sind, sich zu wehren. Dass man mit Opfern kein Mitgefühl mehr hat. Dass Opfer sein peinlich ist, schlimmer als Täter sein. Dass böse sein besser ist als schwach. Wann genau wurde "Du Opfer" zum Schimpfwort, auf Schulhöfen, im Internet, in Talkshows? Und warum haben wir uns so schnell daran gewöhnt?

Das Opfer darf seine Interessen nicht selbst in die Hand nehmen. Nicht seine Freunde zusammentrommeln, sein Auto oder sein Handy wiederholen, zurückschlagen, sich rächen. Es muss zur Polizei gehen, es muss auspacken. Erzählen, dass es gedemütigt wurde, betrogen, misshandelt, erpresst. Es muss Misstrauen über sich ergehen lassen, kritische Fragen, es muss wieder und wieder berichten, was war und wie es war und was sonst noch war und wer dabei war. Das Opfer darf sich nicht schonen, dabei möchte es vielleicht nur vergessen, verdrängen, die Wunden heilen lassen. Dabei möchte es vielleicht nur, dass jemand ihm beisteht, ihm zuhört, ihm hilft. Das Opfer muss sich fragen lassen, ob es mitgemacht hat, zu leichtsinnig war, nicht aufgepasst hat – ob es vielleicht selbst schuld war, zumindest ein kleines bisschen.

Der Täter hat viele Rechte, das Opfer viele Pflichten

Dann kommt vielleicht, irgendwann, manchmal sehr spät, ein Prozess. Viele Opfer oder Hinterbliebene, mit denen ich gesprochen habe, haben Angst vor dem Tag, an dem sie dem Täter im Gericht gegenüberstehen. Angst, die sie besiegen, weil sie viele Fragen haben und hohe Erwartungen. Und die werden oft enttäuscht.

Weil sie erst im Gericht feststellen: Es geht gar nicht um mich, das Opfer. Es geht um den Täter. Er ist die Hauptperson. Er hat viele Rechte. Das Opfer hat viele Pflichten.

Der Täter darf schweigen, der Täter darf lügen, der Täter darf lachen, Brause trinken, wenn das Opfer weint, oder böse oder blöde Fragen stellen. Das Opfer darf fast nichts. Es darf wegsehen, aber es muss antworten, es muss die Wahrheit sagen, es darf nichts verheimlichen, es darf nichts fragen.

Der Täter hat einen Anwalt. Das Opfer kann eine Person seines Vertrauens mitbringen oder einen Zeugenbeistand. Aber nicht, damit es sich besser fühlt. Weil es der Wahrheitsfindung dient, wenn das Opfer ohne Angst oder Befangenheit aussagt. Das Opfer im Strafprozess ist vor allem eins: Beweismittel. Auch bei Straftaten, nach denen es Nebenkläger sein darf, ist es ein Kläger zweiter Klasse. Eine Nebenfigur. Seine Gefühle haben mit dem Strafprozess wenig zu tun.

Und: Das ist gut so.

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht das Gleiche

Es ist nicht gewollt, dass das Opfer entscheidet, was passiert. Strafe soll nicht Vergeltung sein. Es ist kein Sozialkitsch, die Frage nach der Schuldfähigkeit des Täters zu stellen, nach mildernden Umständen, nach seinen Nöten, Prägungen, nach Gründen, nach Umständen der Tat. Eine Frau, die ihren Mann umbringt, weil er sie misshandelt hat, wird anders bestraft als eine Frau, die ihren Mann tötet, weil sie an sein Geld will. Auch wenn beide Opfer tot sind. Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht das Gleiche.

Es gibt andere Rechtssysteme, die Blutrache zum Beispiel oder die Scharia, da können sich Opfer- und Täterfamilie zusammensetzen und über Kompensation entscheiden. Das wollen wir nicht. Der Staat hat das Gewaltmonopol, der Staat hat das Strafmonopol, und damit sind wir ganz gut gefahren.

Trotzdem muss Opfern mehr geholfen werden. Mit mehr Anteilnahme, mit mehr Aufklärung, schon bei der ersten Vernehmung, mit mehr psychologischer Unterstützung, mit mehr Entschädigung.

Das Opfer lässt der Staat meist allein

Dass der Staat mit seinen Institutionen Geldstrafen festsetzt und dem Gemeinwohl zuführt, ist gut. Kinderhilfe, Krebsstationen, Bildungseinrichtungen profitieren davon. Aber das Opfer lässt der Staat meist allein. Allein mit dem Risiko einer Klage und mit der Durchsetzung seiner Ansprüche. Manchmal ist am Ende nichts mehr da, was das Opfer entschädigen könnte. Der Staat war zuerst dran.

Mancher Täter zahlt seine Strafe, geht nach Hause, lebt sein Leben, ist wieder frei. Manche Opfer leiden ein Leben lang. Viele Opfer bleiben allein, mit ihrem Schmerz, mit ihren Fragen, mit ihrem Schaden, mit ihrer Scham.

Zum Opfer wird man nicht geboren. Zum Täter auch nicht. Überraschend viele Täter waren zuerst Opfer. Tut man etwas für die Opfer, tut man etwas für alle.



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