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Psychiater Michael Osterheider: "Serienmörder sind emotionale Analphabeten, kalt bis ins Herz"

Der Professor für Forensische Psychiatrie Michael Osterheider ist einer von Deutschlands prominentesten Gerichtsgutachtern. stern Crime sprach mit ihm über Serienmörder und ihre Kunst, unerkannt unter uns zu leben.

Von Anette Lache und Holger Witzel

Michael Osterheider

ZUR PERSON: Michael Osterheider, 61, leitet die Forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Regensburg und ist derzeit Gutachter im Prozess zum Fall "Höxter". Zu seinem Fachgebiet kam er 1998 aufgrund eines Verbrechens: Nachdem ein Sexualmörder während eines Freigangs aus der Forensischen Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn ein Mädchen umgebracht hatte, wurde Osterheider, bis dahin nur in der Allgemeinpsychiatrie tätig, die Leitung der Einrichtung übertragen.

Herr Osterheider, sicher werden Sie erst mal das Bild von Serienmördern aus Thrillern korrigieren wollen, oder?

Ja. Denn die Realität ist eigentlich noch unheimlicher. Viele haben ja die merkwürdige Vorstellung, dass Serienmörder, ich übertreibe ein wenig, den ganzen Tag mit einer Kettensäge rumlaufen oder schon an den irren Augen zu erkennen sind. Dass die meisten ganz normal wirken, erschreckend normal, mit Anzug und Krawatte – eben wie etwa in "Das Schweigen der Lämmer" – überrascht auch meine Studenten, wenn ich ihnen einen vorstelle.

Sie bringen Serienmörder in die Vorlesung mit?

Ja, aber selten. Wir haben eine forensische Abteilung hier vor Ort, und natürlich geht das nur auf freiwilliger Basis der Patienten und unter Begleitung von Sicherheitspersonal. In der Regel verrate ich nicht gleich, was der jeweilige Gast gemacht hat. Es geht um seine Kindheit, Sozialisation. Aber wenn er dann irgendwann sagt, ich habe so und so viele Frauen umgebracht, stößt das meist auf ziemliche Ratlosigkeit. Das sind ja Medizinstudenten, die sich nicht alle tief in die Forensik einlesen und das jeweilige Problem sofort realisieren.

Ein Serienmörder, mit dem Sie sich intensiv befasst haben, ist der "Rhein-Ruhr-Ripper" Frank G. War er Ihr Patient, oder haben Sie ihn nur begutachtet?

Weder noch. Er war – das kann man ruhig so sagen – ein Forschungsobjekt. Das habe ich ihm auch so vermittelt. Und das Projekt hat sich bewährt, weil er bereit war, sehr viel und sehr lange über sich zu erzählen. Das Thema war Sadismus, Serienmord, Sex. Wir wollten die Entwicklung eines Serienmörders über 20, 30 Jahre nachvollziehen und sehen, ob man die Erkenntnisse auf andere Fälle übertragen kann.

Und – kann man?

Die Entwicklung von G. ist sozusagen idealtypisch, seine Schritte und deren Folgen – von über das Interesse an Leichen bis hin zur Umsetzung seiner sadistischen Fantasien an Frauen – ähneln denen anderer Täter in erstaunlicher Art und Weise.

Bei Frank G. fing es mit einem Meerschweinchen an, das er als Kind mit einer Steinplatte zerquetschte.

Dabei platzte der Körper des Meerschweinchens auf, und er griff in die warme Bauchhöhle. Das hat ihn fasziniert. Der Mehrfachmörder Rolf D., den ich im Rahmen einer Prognosebegutachtung gesprochen habe, rührte als kleiner Junge in den Gedärmen überfahrener Katzen herum. Wir wissen ja schon lange, dass Sexualstraftäter ihre sadistischen Neigungen im Kindesalter fast immer durch extreme Tierquälereien ausgelebt haben.

Aber nicht jeder wird zum Serienmörder ...

Nein, es ist jedoch ein Warnzeichen – neben anderen frühen Verhaltensauffälligkeiten. Rolf D. etwa schnüffelte an Fahrradsätteln seiner Mitschüler. Er steckte außerdem Mädchen Kotstücke in den Anorak, und das war kein Schülerstreich, sondern eine sadistische Handlung. Auch bei Frank G. gab es ähnliche Vorfälle in Kindergarten und Schule, mit Bettnässen, kleinen Diebstählen und so weiter, zum Teil auch bereits im kriminellen Kontext. Er begründete das mir gegenüber damit, dass er von seiner Mutter nicht ausreichend gewürdigt worden sei. Nach ihrer Scheidung sei er emotional verwahrlost. Zudem habe sie seinen älteren Bruder vorgezogen. Der war übrigens komplett unauffällig.


Was sagte seine Mutter dazu?

Sie hat sich tatsächlich scheiden lassen im normalen Kontext, aber ansonsten war sie entsetzt über seine Vorwürfe. Meiner Meinung nach hat sich G. eine Legende gestrickt: Wenn das Leben nicht so schlecht zu ihm gewesen wäre, hätte er auch keine Frauen umbringen müssen.

Oft ist von einer schlechten Kindheit der Täter zu lesen. Halten Sie das immer für eine Ausrede?

Nein. Es gibt tatsächlich Risikofaktoren. Dazu zählen traumatische Erlebnisse, Gewalt, sexueller Missbrauch, Alkoholismus der Eltern, Drogenkonsum. Bei Serientätern finden sie häufig dissoziale Ausgangsstrukturen. Oft auch eine Broken-Home-Situation. Aber man darf das auch nicht überinterpretieren: Nicht jeder, der eine auffällige Kindheit hat, wird später kriminell. Auch wer statistisch gesehen ein höheres Risiko trägt, muss nicht zwangsläufig ein Serienmörder werden.

Hat sich Frank G. nur als Opfer seiner Lebensumstände gesehen?

Mal so, mal so. Manchmal sagte er auch, er sei das Schlimmste, eine Drecksau. Gleichzeitig bestritt er, dass er mit den Taten irgendwelche Fantasien umsetzen wollte. Das nahm ich ihm aber nie ab. Es gibt immer Dinge, die ganz besonders bedeutsam sein können für Serientäter. Bei ihm waren das zum Beispiel Eingeweide. G. betastete sie, mochte ihre Wärme und träumte davon, ganz in einen Körper zu kriechen.

Bis zu seinem Prozess im Jahr 2000 hatte Frank G. drei Frauen gequält, ermordet, verstümmelt – zudem womöglich auch noch eine Tante seiner Frau, weil die wohl zu viel wusste. Wie kam es zur Eskalation?

Schon mit 12, 13 Jahren ging seine Fantasie in die Richtung, eine Frau zu töten. Sein sehnlichster Wunsch war, einer Sterbenden an ihr pochendes Herz zu fassen. Er hat das vorher an den Tieren nur geübt, erst hat er die Leiber kleiner Meerschweinchen aufgetrennt, später die von Pferden. Deshalb auch das Etikett "Pferde-Ripper".

Und der Schritt zu Menschen?

Der begann auch schon relativ früh. Die erste massive Auffälligkeit, wo er sexuell-sadistisch agierte, war in einem Krankenhaus, als er seine Mutter besuchte. Mit 11 oder 12 Jahren ist er dort herumgegeistert und hat – eigenen Angaben zufolge, die auch glaubwürdig sind – im Keller aufgebahrte Leichen entdeckt, was ihn erregte. Später stieg er immer wieder in Leichenschauhäuser ein und entnahm Leichenteile, um sich an ihnen zu vergehen. Aber irgendwann – das hat er so auch geäußert – war ihm das alles "zu wenig", "denn die waren ja kalt". Am meisten bedauerte er, dass seine Maximalfantasie mit dem pochenden Herzen nie funktionierte, weil die Opfer schon vorher kollabiert und gestorben waren.

Wie "Jack the Ripper" hatte es auch der "Rhein-Ruhr-Ripper" auf Prostituierte abgesehen. Warum werden solche Frauen so oft Opfer?

Da steckt kein besonderer Nimbus dahinter. Es hat rein praktische Gründe. Sie sind eben leichte Beute. Da kann der Täter ohne großes Risiko seine Fantasien umsetzen. Macht und Kontrolle. Viel mehr interessiert sexuelle Sadisten kaum.

Wozu ist diese Serienmörderforschung gut? Unterstützt sie nur die Ermittlungen, oder dient sie sogar zur Vorbeugung?

Gerade dieser Tage ist ein Kollege aus der Allgemeinpsychiatrie zu mir gekommen, ein sehr erfahrener Psychiater, der aber mit Serienmördern im Prinzip nichts zu tun hat. Er hat mir von einem 20-Jährigen mit Intelligenzminderung berichtet, der schon in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen untergebracht war und plötzlich durch Gewalt auffiel. Seine Verdachtsdiagnose war eigentlich Autismus, das Asperger-Syndrom. Der Kollege wollte wissen, wie der Patient weiter zu behandeln sei. Nachdem ich den jungen Mann kennengelernt habe, bin ich auf eine Spur gekommen, die ich ohne die Erkenntnisse durch G. nicht gesehen hätte.

Welche genau?

Er sagte mir nach langem Hin und Her: Ja, ich möchte anderen etwas antun. Ich fragte: "Wem?" Er antwortete nur: "Anderen eben." Er konnte mir das nicht konkreter benennen, er war etwa auf dem geistigen Niveau eines Zwölfjährigen. Also versuchte ich herauszufinden, wie stark seine Fantasien gereift waren, und damit, wie hoch das Risiko war, dass er sie umsetzt. Er erinnerte mich irgendwie an Frank G. Ich habe ihn dann nach seinem ursprünglichen Zuhause gefragt. Es war ein bäuerlicher Hof. Bei meiner anschließenden Frage nach streunenden Katzen blühte er regelrecht auf. Vielleicht war das nur ein Glückstreffer, aber es kam heraus, dass er schon mehrere Katzen getötet und vergraben hatte, dass er auch versucht hatte, in Friedhöfe einzubrechen und Gräber zu öffnen. Er schnupperte – ebenso wie Rolf D. – an Fahrradsätteln anderer Kinder. Und er stahl ihre Geldbörsen. Nicht etwa, weil er Geld brauchte, sondern weil er Spaß daran hatte, ihre Reaktionen zu beobachten und sie auf diese infantile Weise zu quälen. Also die typische Chronologie.

Ist es wirklich so einfach? Tierquälerei, Schnüffeleien – künftiger Serienmörder?

Moment. Er hat dann noch eine halbe Stunde erzählt, was er alles gern machen würde, dass er immer ein Messer dabeihat. Und er war erstaunlicherweise auch bereit, freiwillig mal für einige Zeit hierher zur Beobachtung in die Klinik zu kommen. Der junge Mann befindet sich bis heute in psychiatrischer Behandlung.

Wie vielen Serienmördern sind Sie bislang begegnet?

Etwa 20. Einigen davon auch im Ausland, etwa im Rahmen von Fortbildungen mit dem FBI.

Eine offizielle Statistik zu Serienmördern in gibt es nicht. Können Sie schätzen, wie viele es sind?

Das wäre unseriös. Es hat für Deutschland mal eine publizierte Zahl gegeben. Die kam, glaube ich, aus der Kriminologie, und wurde mit 15 bis 20 beziffert. Nur wie zählt man die: Nimmt man nur die, die im Gefängnis sitzen? Wie viele laufen unerkannt frei herum? Also: schwer. Es sind sicherlich weniger, als die Leute vermuten, die Krimiserien schauen – oder, als die Bevölkerung fürchtet.

Haben Sie Angst vor Ihren Gesprächspartnern? Sind Sie schon mal bedroht worden?

Nein, aber der sogenannte Heidemörder Thomas H. erklärte mir mal, wie gefährlich es sei, mit ihm zu sprechen. Das war, nachdem er aus dem Maßregelvollzug geflohen war und sich gestellt hatte. Ich sollte eine Nachbegutachtung machen. Er forderte zwei bewaffnete Beamte vor der Tür. Ich würde mich überschätzen, wenn ich mit ihm allein reden wolle, sagte er. Drohgebärden gehörten bei ihm dazu. Aber seine Begutachtung war aus einem anderen Grund für mich sehr belastend.

Weshalb?

Im Gespräch stellte sich heraus, dass er eine Zeit lang in Düsseldorf gelebt hat. Ich habe nach dem Stadtteil gefragt. Das Ende der Geschichte: Er hat mit seinen Eltern drei Jahre lang circa 50 Meter von mir entfernt gewohnt. Die Vorstellung war nicht angenehm, das fühlte sich übel an. Man möchte diesen persönlichen Bezug nicht haben. Das hat mich noch eine ganze Weile beschäftigt.

Thomas H. hatte drei Frauen umgebracht. Trotzdem verhalf ihm eine Therapeutin zur Flucht und heiratete ihn später sogar. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Sie hatte Geld, das wusste H. Er hat sie klassisch manipulativ "eingewickelt". Psychopathen können das, sie können sehr charmant sein. Frank G. übrigens bekam massenhaft Post, zu 70 bis 80 Prozent von Frauen, aus allen sozialen Verhältnissen. Lieber Frank, schreiben die, ich würde dir gern helfen …

Sind das Groupies oder auch nur Gruselfans?

Jedenfalls wollen sie denen irgendwie nahekommen, einen gewissen Kick erleben, das Gruseln kurz einatmen, immer mit der sicheren Gewissheit, der ist ja hinter Gittern. Aber es gibt auch welche, die ein Helfersyndrom haben und sagen: Das ist doch eigentlich ein lieber armer Kerl, der hatte es nur nicht so gut als Kind. Wir hatten in der Klinik Eickelborn zwei Krankenschwestern, die sich in Untergebrachte verliebt hatten. Der eine war ein Serientäter mit drei Tötungsdelikten, der andere ein Frauenmörder. Die beiden Frauen wurden natürlich versetzt, haben die Männer aber weiterhin besucht. Die eine Beziehung ging ziemlich schnell zu Ende. Das andere Paar hat geheiratet. Ich habe damals noch Gespräche mit dieser Frau geführt: Sie müsse aufpassen und mit diesem und jenem rechnen. Irgendwann wollte sie raus aus der Beziehung – er aber nicht.

Und? Lebt sie noch?

Ja. Aber nicht gut. Sie hat überlebt, sagen wir es mal so. Ich kann dazu nicht mehr sagen.

Warum werden manche Serienmörder in psychiatrischen Kliniken verwahrt, andere wiederum im Knast? Sind die im Grunde nicht alle krank – so nach unserem "gesunden Menschenverstand"?

Auch wenn ihre Taten monströs sind: Der Großteil der Serientäter ist schuldfähig. Das würden die im stillen Kämmerlein auch für sich beanspruchen. Sie finden bei den meisten einen hohen Planungsgrad. Sie wussten, dass sie Verwerfliches tun, taten es aber trotzdem und nahmen sich Zeit, ihre Tat vorab in Gedanken durchzuspielen. Mehrfach. Folglich können sie auch dafür zur Verantwortung gezogen werden. Die wenigsten sind geisteskrank oder handeln aus einer schizophrenen Psychose heraus.

Das bedeutet aber nicht, dass sie keine Persönlichkeitsstörungen haben?

Einen Serienmörder ohne psychopathische Anteile kann man sich eigentlich nicht vorstellen. Sie sind emotionale Analphabeten, kalt bis ins Herz. Sie haben keine Vorstellung davon, was der andere fühlt. Das engt zwar Handlungsspielräume ein oder disponiert in eine bestimmte Richtung, aber nimmt einem trotzdem nicht die Möglichkeit, anders zu handeln.

Hätte Frank G. anders handeln können?

Ja. G. hatte nicht rund um die Uhr nur den einen Gedanken. Er ist weiter seiner Arbeit nachgegangen und hat sich um seine Familie gekümmert. Er war durchaus in der Lage, lange Phasen auszusetzen, keine Verbrechen zu begehen, wenn es ihm zu heikel wurde. Er konnte das steuern. So jemand ist schuldfähig. Er wurde zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Was erregt den sexuellen Serientäter am meisten? Das Quälen, die Tötungshandlung selbst, das Verstümmeln, das Ausnehmen?

Je nach Präferenz.

Neurobiologen behaupten, solche Täter hätten ein Problem mit der Amygdala, die als Teil des limbischen Systems im Gehirn Emotionen und Erinnerungen beeinflusst.

Das ist aber gerade in Mode. Die Amygdala, zu Deutsch Mandelkern, taucht inzwischen in fast jeder Publikation auf. Tatsächlich läuft dort die menschliche Emotionsregulierung ab, doch man weiß noch viel zu wenig, um seriöse Aussagen treffen zu können, was für Folgen Störungen im Mandelkern haben.

Einige Neurowissenschaftler wollen Verbrecher künftig an Hirnscans erkennen.

Auch in einigen Jahren wird es noch kein bildgebendes Verfahren geben, das zeigt, ob jemand ein Psychopath ist oder nicht. Das ist Quatsch! Was man sagen kann, ist, dass Beeinträchtigungen bei der Hirnreifung während der Schwangerschaft – etwa durch eine Erkrankung der Mutter – dazu führen können, dass die Emotionsverarbeitung anders ist oder die Emotionsregulierung nicht so "funktioniert" wie bei anderen. Aber auch so jemand kann später natürlich sozialadäquat leben, der wird nicht automatisch zum Verbrecher.

Viele Serienmörder haben wie Frank G. Ehefrau und Kinder. Ist das der Versuch, doch noch so etwas wie Normalität herzustellen? Oder nur Tarnung?

Letzteres. Frank G. und auch andere gaben nach außen den Biedermann und achteten sehr darauf, dass sie auch innerhalb der Familie unauffällig blieben. Seine Ehefrau wollte mal das fast eingeschlafene Liebesleben der beiden mit Sexspielzeug aufpeppen, mit Handschellen. Darauf sagte er – und zu diesem Zeitpunkt hatte er schon zwei Frauen getötet und aufgeschlitzt –, dass er das widerlich und eklig, geradezu pervers finde. Der "Heidemörder" lebte nicht nur unauffällig, sondern war auch ehrenamtlich engagiert: als Tierschützer und in einem christlichen Verein. Alles, was gut ankam – alles nur Mimikry. Manche dieser Täter erregt die bürgerliche Idylle zusätzlich. Zu wissen: Ich kann Dinge, die andere nicht machen, von denen keiner weiß. Während ich hier am Stammtisch sitze, liegt in meinem Keller eine Frauenleiche, und gleich gehe ich dorthin. Ich habe lange dafür gebraucht, um zu begreifen, dass dieses exklusive Wissen noch eine eigene Dynamik hat.

Aber nicht alle ergötzen sich im Stillen ...

Manche versuchen auch, die Umwelt einzubeziehen, Opfer noch Karten schreiben zu lassen, sie seien jetzt da und dort. Dabei liegen die längst in einem Säurefass. Die Angehörigen mit Ungewissheit zu quälen – als ob es nicht reicht, die Frauen umzubringen. Frank G. etwa hatte Spaß daran, die Leichen an Autobahnauffahrten abzulegen, Duisburger Kreuz oder so. Er hätte sie auch woanders entsorgen können. Aber ihm war klar, dass die Leichen dort zu einer bestimmten Zeit im Scheinwerferlicht auftauchen. Er hat während der Exploration durch mich gesagt: "Ich habe mir einen Ast gelacht bei der Vorstellung, wie das jemand entdeckt."

Dagegen scheint das Motiv von Raubmördern beinahe nachvollziehbar: Geldgier. Der "Würger von Regensburg" zum Beispiel ...

... ist ein charmanter älterer Herr, der Ihnen die Stadt zeigen würde, wenn er rausdürfte – und Sie wären begeistert. Er ist ja untergebracht und war vor einer Begegnung mit meinen Studenten noch extra beim Anstaltsfriseur. Und er hatte sich einen neuen Anzug kommen lassen. Den hätten sie, was das Auftreten anbelangt, als Vorstandsvorsitzenden bei jeder Firma nehmen können. Aber auch ihm ging es nicht in jedem Fall um Geld, sondern anfangs auch um Sex.

Bekannt ist, dass er sieben Frauen ausgeraubt und erdrosselt hat. Er hat das so geschickt gemacht, dass Ärzte und Polizei lange von natürlichen Todesfällen ausgingen. Ist er so schlau?

Im Gegenteil. Wir haben es bei ihm mit einem eher schlichten Menschen zu tun. Er war als Hilfs- und Gelegenheitsarbeiter ohne vernünftige Berufsausbildung rund um Regensburg und erst in München unterwegs. Zuerst hat er eine Prostituierte in einem Cabaret umgebracht. Das war ein klassisches Sexualdelikt. Sie wollte offensichtlich nicht alles mitmachen. Da hat er sie erwürgt – und gemerkt, wie einfach das ist. Er hat auch noch ein paar Mark mitgenommen und das dann bei jeder neuen Gelegenheit – man muss schon sagen – vervollkommnet. Er muss sich Wissen angelesen haben, wie man das ohne Würgemale hinbekommt, ist aber Fragen dazu stets ausgewichen.

Ist der zweite Mord schwieriger als der erste?

Nein. Im Rückblick – und wenn sie überhaupt reden – sagen manche Serientäter, sie hätten sich beim ersten Mal noch überwinden müssen. Aber spätestens beim dritten Mal – so erzählen sie das immer wieder – hat man eine gewisse Routine, so übel das klingt.

Gibt es dann gar keine Hemmschwelle, Scham oder Reue?

Am Anfang habe ich mir das auch immer gewünscht, irgendeine Erklärung, einen Punkt, an dem Lebensläufe aus dem Ruder laufen, von dem die Leute hinterher sagen: Da habe ich Scheiße gebaut. Gibt es aber eher selten. Jedenfalls bei Serientätern. Bei denen fällt mir keiner ein, der von einem hohen Maß an Mitleid für seine Opfer geprägt gewesen wäre.

Eine deutsche Serienmörderin war Gesche Gottfried. Sie hat zugegeben, über 30 Menschen mit Arsen und "Mäusebutter" vergiftet zu haben, wovon 15 starben. Das war im 19. Jahrhundert. Warum gibt es so selten Serienmörderinnen?

Männer sind die aggressiveren in unserer biologischen Ordnung. Das muss man einfach mal so sagen. Frauen, die Gewalt- oder auch Tötungsdelikte begehen, sind eher älter. Die Rate steigt gewissermaßen "postklimakterisch". Eine amerikanische Studie belegt den Anstieg ab dem 45. Lebensjahr und wurde in Europa mit ähnlichen Ergebnissen nachgestellt. Es lässt sich unter anderem mit der Balance von Östrogenen und Testosteron erklären.

Gelegentlich bringen Krankenpfleger oder -pflegerinnen schwerkranke Patienten mit einer Überdosis an Medikamenten um, wie vor einigen Jahren der "Todesengel" in der Charité in Berlin. Angeblich aus Barmherzigkeit, um die Patienten zu erlösen.

Ja – angeblich. Diese verschleiernde Ausrede ist leider auch so in die Literatur eingegangen. Ich glaube, dass dabei andere Fantasien, Fantasien von Macht und Kontrolle, eine viel größere Rolle spielen. Die Gnadengabe ist nur vorgeschoben. Es gibt Kollegen, die halten dieses vorgebliche Motiv für nachvollziehbar, auch weil sich die Täter selbst oft vom Leben ungerecht behandelt fühlen und behaupten, das anderen ersparen zu wollen. Aber das nehme ich den Tätern nicht ab. Ich glaube, sie finden – insbesondere bei Serientaten – auch Gefallen am Töten, weil sie sich damit erhöhen. Das hat psychopathische Züge. Früher dachte man, so etwas gibt es bei Frauen nicht. Das war ein Irrtum.

Gibt es auch Serienmörder, die nur aus purer Mordlust töten, also ohne sexuelle Vorstellungen?

In alten kriminologischen Beschreibungen gibt es den sogenannten Lustmord noch. So wie man sich das auch in "American Psycho" vorstellt. Dort wird es ja so dargestellt, dass es kein anderes erkennbares Motiv gibt. Aber selbst wenn jemand nur aus dem eigentlichen Tötungsvorgang Befriedigung zieht, kann das ja verschiedene Motive haben. Das können sadistische sein oder die Vorstellung, einfach mal etwas ausprobieren zu wollen, zum Beispiel.

Sind Typen wie der "Rhein-Ruhr-Ripper" oder der "Heidemörder" therapierbar?

Nein, da muss man wirklich deutlich sagen: Diese Täter bedürfen der Langzeitunterbringung. Es gibt Grenzen der Machbarkeit. Sexualmörder, die aus sadistischen Gründen töten, sind therapeutisch kaum oder gar nicht erreichbar. Frank G. hat das übrigens selbst so gesehen. Er hat seiner Mutter geschrieben, dass er wie jeder Sexualmörder bei sich bietender Gelegenheit wieder zuschlagen würde.


Interview: Anette Lache und Holger Witzel

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