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Oscar Pistorius: Heuchler oder gebrochener Mann?

Im Prozess gegen Südafrikas einstiges Sportidol Oscar Pistorius wird hart um das Strafmaß gekämpft. Wird er für viele Jahre ins Gefängnis wandern oder kommt er sogar mit Hausarrest davon?

Oscar Pistorius hält den Kopf gesenkt. Das einstige Sportidol Südafrikas will niemanden sehen. Und nicht gesehen werden. Mit versteinerter Miene verfolgt der Mann, der in der Nacht zum Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp erschoss, wie seine Psychotherapeutin öffentlich ausbreitet, was wohl kein Mensch über sich selbst in der Öffentlichkeit hören wollte.

"Er hat immer wieder geweint, ich musste ihn oft halten", "er wird von Ängsten verfolgt", "er konnte kaum etwas essen, er fand keinen Schlaf" - all das und noch mehr Anrührendes berichtet Lore Hartzenberg, die Psychotherapeutin von Pistorius, am Montag vor Gericht in Pretoria. Gelegentlich schaut sie zu Richterin Thokozile Masipa, die in den nächsten Tagen entscheiden wird, ob Oscar Pistorius ins Gefängnis muss - und wenn ja, für wie lange.

15 Jahre Gefängnis sind möglich

Zunächst haben Verteidigung und Staatsanwaltschaft Gelegenheit, in Anhörungen ihre Argumente für eine möglichst milde oder harte Strafe vorzubringen. 15 Jahre beträgt in Südafrika die Höchststrafe für fahrlässige Tötung. Doch möglich wäre auch eine Bewährungsstrafe oder sogar nur Hausarrest in Kombination mit gemeinnütziger Arbeit.

Und mal ehrlich, so die Botschaft von Verteidiger Barry Roux, muss man wirklich einen Mann ins Gefängnis schicken, der genug gestraft, der gebrochen ist und nie wieder ein angehimmelter Sportstar sein wird? Dafür hat der Verteidiger Lore Hartzenberg aufgeboten. Sie habe überzeugt werden müssen, vor Gericht auszusagen, sagt Roux. Denn eigentlich habe sie nichts "mit der juristischen Seite" dieses Dramas zu tun haben wollen.

18 Monate lang hat Hartzenberg dem Patienten Pistorius bei dem Versuch geholfen, sein Trauma nach der Bluttat in seinem Haus zu überwinden. Gelungen sei dies bislang nicht. Ihre Aussage erscheint herzzerreißend. Doch "My Lady", wie die erfahrene Richterin Masipa angesprochen werden muss, lässt sich keine Reaktion anmerken.

"Haben es mit einem gebrochenen Mann zu tun"

"Oscar Pistorius hat immer noch nicht die Phase der Heilung seiner seelischen Wunden erreicht", konstatiert die Therapeutin. Immer wieder hätten Tiefschläge dies verhindert: dass er nicht zur Beerdigung und Trauerfeier seiner geliebten Reeva kommen durfte, dass er in den Medien von einem großartigen Mann, der trotz amputierter Beine eine strahlende Sportkarriere als Sprinter auf Prothesen schaffte, zu einem verhassten Täter gemacht wurde. Und vieles mehr.

Mit Reeva habe Pistorius sein Leben teilen wollen und große Pläne gehabt. Mit ihrem Tod habe er seine Zukunft verloren. "Wir haben es mit einem gebrochenen Mann zu tun", fasst Hartzenberg zusammen. "Ein Mann, der alles verloren hat - seine Liebe, seine Karriere und seine finanzielle Sicherheit."

Mit letzterem spielt sie darauf an, dass der einstige Multimillionär Pistorius inzwischen sein Haus und andere Vermögenswerte verkaufen musste, um die Prozesskosten aufbringen zu können. Es sei absehbar, so konnte man in südafrikanischen Medien lesen, dass Pistorius irgendwann pleite sein würde, wenn er noch sehr lange Anwaltshonorare von umgerechnet rund 6000 Euro pro Tag zahlen müsse.

Steenkamps Vater erlitt Schlaganfall

Das steht im Raum, auch wenn niemand es direkt anspricht. Jeder versteht, dass Staatsanwalt Gerrie Nel darauf abstellt, als er die Therapeutin ins Kreuzverhör nimmt und immer wieder wissen will, was denn nun die Zukunftspläne von Pistorius seien. Denn eines sei doch klar: "Er mag ja ein gebrochener Mann sein, aber er kann sein Leben fortsetzen."

Im Gegensatz zu Reeva Steenkamp, versteht sich. Und anders als deren gebrochene Eltern. "Ist Ihnen bewusst, dass ihr Vater wegen des Todes seiner Tochter einen Schlaganfall erlitten hat?", herrscht er die Therapeutin an - und meint dabei wohl die Richterin, die Pistorius wegen fahrlässiger Tötung und nicht wegen Mordes verurteilt hat.

Ob der Paralympics-Star denn nicht in wenigstens einer der vielen Therapiesitzungen über die Wiederaufnahme seines Sprinter-Trainings gesprochen habe, will Nel wissen. So viel ist klar: Nur wenn Pistorius neue sportliche Erfolge erreichen kann, dürfte er in der Lage sein, auch wieder richtig viel Geld zu machen.

Pistorius will mit Kindern in Mosambik arbeiten

Nein, sagt die Therapeutin, über die Zukunft habe man noch gar nicht gesprochen. Das sei noch viel zu früh für Pistorius. Wirklich nicht? Nel findet das kaum glaubhaft. Dann fällt der Zeugin doch noch etwas ein: Ja, einmal, da habe Pistorius erwähnt, was er künftig mit seinem Leben anfangen möchte. Hochspannung im Saal. Sein Onkel unterstütze in Mosambik ein Schulprojekt. "Nichts würde ihn glücklicher machen, hat er gesagt, als wenn er mit Kindern in Mosambik arbeiten könnte."

Das war wohl ein Punkt für die Verteidigung. Aber der Staatsanwalt wird nicht nachlassen. Seine Zeugen sind am Dienstag, vielleicht auch noch am Mittwoch an der Reihe. Sie werden aller Voraussicht nach die Botschaft vermitteln, dass Pistorius nicht zu trauen ist, dass er ein Heuchler sei, der die Welt täuscht - und dass er für seine Tat so lange im Gefängnis büßen muss, wie es das Gesetz erlaubt.

Thomas Burmeister/DPA / DPA