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Junge Straftäter: Debatte nach Gruppenvergewaltigung: Sollten Kinder schon ab 12 strafmündig sein?

Die Tatverdächtigen der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung in Mülheim an der Ruhr sind zum Teil erst 12 Jahre alt - und damit nicht strafmündig. Nun diskutieren Polizei, Richter und Politiker, ob das so bleiben soll.

Ein Spielplatz mit verlassenen Schaukeln.

Nach der schweren Sexualstraftat in Mülheim an der Ruhr ist eine Debatte um die Strafmündigkeit entbrannt. "Wir fordern seit Jahren, dass das Alter für die Strafmündigkeit in Deutschland herabgesetzt wird", sagt der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Ein Vorteil wäre, dass Jugendämter mit den 12- und 13-Jährigen nicht mehr alleingelassen würden und den Kindern über die Jugendgerichtshilfe frühzeitig geholfen werden könne.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) hat diese Forderung dagegen zurückgewiesen. Lambrecht sagte der "Augsburger Allgemeinen", sie habe "mit großem Entsetzen die Berichte über eine Gruppenvergewaltigung in Mülheim gelesen, an der auch Kinder beteiligt gewesen sein sollen". Empörung allein sei aber "kein guter Ratgeber".

"Entwicklungsstand bei 14-Jährigen nicht gegeben"

"Strafrechtliche Verantwortung setzt einen bestimmten Entwicklungsstand voraus, der bei Kindern unter 14 Jahren regelmäßig nicht gegeben ist", sagte die Justizministerin. Außerdem hätten Jugendämter und Familiengerichte bereits die Möglichkeit, der Gewalt von Kindern in entsprechenden Fällen zu begegnen.

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"Der Staat hat die Mittel in der Hand, um auch auf Straftaten von Kindern konsequent und angemessen reagieren zu können", sagte die Ministerin. "Als äußerste Mittel sind dabei auch die Entziehung des Sorgerechts oder die Unterbringung in einem Heim oder in einer Pflegefamilie möglich." Ziel müsse sein, dass sich die Kinder in die Gesellschaft integrieren und keine Straftaten mehr begehen, betonte Lambrecht.

"Jugendstrafrecht hat sich bewährt"

Auch der Deutsche Richterbund hat sich gegen eine Absenkung des Alters für Strafmündigkeit ausgesprochen. "Die Gleichung 'Mehr Strafrecht gleich weniger Kriminalität' geht bei den Jugendlichen nicht auf", erklärte der Verbandsvorsitzende Jens Gnisa auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Das Jugendstrafrecht habe sich im Grundsatz bewährt. "Es hat durch den darin niedergelegten Erziehungsauftrag zu einem deutlichen Rückgang der Jugendkriminalität geführt", meinte Gnisa. Man sehe daher auch keine Notwendigkeit, das Alter für Strafmündigkeit von 14 auf 12 Jahre herabzusetzen.

"Das Jugendamt ist gefordert"

Der Deutsche Kinderschutzbund sprach sich auf DPA-Anfrage ebenfalls klar gegen einen solchen Schritt aus. Vielmehr sei das Jugendamt gefordert zu reagieren und sich die Ursachen für das Verhalten eines Kindes im Einzelfall anzuschauen, sagte die stellvertretende Geschäftsführerin Martina Huxoll-von Ahn. Auch Richterbund-Chef Gnisa bekräftigte, der Staat habe in solchen Fällen heute schon über die Jugendämter und die Familiengerichte die Möglichkeit einzuschreiten.

 Die Familien der beiden zwölfjährigen Tatverdächtigen von Mülheim haben Hilfsangebote jedoch nicht angenommen. Dies teilte ein Stadtsprecher am Dienstag mit. Der Kontakt mit den Familien sei am Montag über die jeweilige Gegensprechanlage an den Haustüren erfolgt. Mitarbeiter des Jugendamts hätten den Familien dabei Hilfestellungen angeboten. Diese hätten sie jedoch abgelehnt. "Es obliegt der Verantwortung der Eltern, das anzunehmen", sagte der Sprecher. Über die Besuche der Mitarbeiter bei den Familien der Tatverdächtigen hatte zuvor die "Bild"-Zeitung berichtet.

Drei 14-Jährige und zwei 12-Jährige stehen im Verdacht, eine junge Frau am Freitagabend in einem Waldstück in Mülheim/Ruhr vergewaltigt zu haben. Nachdem zunächst alle fünf wieder auf freien Fuß gekommen waren, sitzt seit Montag einer der drei 14-Jährigen wegen Wiederholungsgefahr in Untersuchungshaft. Er soll bereits früher - in strafunmündigem Alter - wegen zweier sexueller Belästigungen aufgefallen sein, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Quellen: DPA, AFP, Augsburger Allgemeine, Bild (Bezahlinhalt).

tkr / DPA / AFP