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Kriminalstatistik: Zahl der Straftaten geht um fast zehn Prozent zurück - aber in einigen Bereichen steigt sie deutlich

Die gute Nachricht: Die erfassten Straftaten sind einem Medienbericht zufolge 2017 so stark zurückgegangen, wie seit fast 25 Jahren nicht. Doch die Kriminalstatistik enthält auch schlechte Nachrichten.

Einbruch mit Brecheisen

Einbruch mit Brecheisen: Die Zahl der in Deutschland registrierten Straftaten ist so stark gesunken wie seit fast 25 Jahren nicht mehr

DPA

Die Polizei hat 2017 in Deutschland offenbar fast zehn Prozent weniger Straftaten erfasst als im Vorjahr. So stark seien die Straftaten seit fast 25 Jahren nicht mehr zurückgegangen, berichtete die "Welt am Sonntag" unter Berufung auf die noch unveröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Demnach weist die Statistik für 2017 insgesamt 5,76 Millionen Straftaten aus - 9,6 Prozent oder rund 611.000 Taten weniger als 2016.

Weniger Diebstähle, mehr Morde und Drogendelikte

Wie in den Vorjahren entfällt laut dem Bericht mit 2,09 Millionen Taten etwa ein Drittel auf Diebstähle - ein Minus von 11,8 Prozent. Bei der gemeldeten Gewaltkriminalität sei ein Rückgang um 2,4 Prozent auf rund 189.000 Fälle verzeichnet worden, hieß es. 137.058 davon waren demnach Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzung - ein Minus von 2,1 Prozent. Dagegen wurden mehr Morde registriert - hier gab es einen Anstieg um 3,2 Prozent, insgesamt handelte es sich um 785 Fälle.

Die Gewaltkriminalität unterliegt Schwankungen. In den Jahren 2003 bis 2007 stieg sie, war von 2008 bis 2014 rückläufig und wuchs ab 2015 wieder an. Die Gewalt richtet sich den Angaben zufolge zunehmend auch gegen Sicherheitskräfte: Der Widerstand gegen Polizisten nahm um 5,4 Prozent zu, wie der Zeitung zufolge aus der PKS hervorgeht.

Stark stieg die Zahl der Drogendelikte um 9,2 Prozent auf 330.580 Fälle an. Einen Anstieg gab es bei Cannabis (204.000 Fälle, plus zwölf Prozent), Kokain und Crack (19.644 Fälle, plus 18,7 Prozent) und Heroin (11.972 Fälle, plus 2,6 Prozent). Auch die Verbreitung von Pornografie (10.066 Fälle, plus 12,9 Prozent) und Kinderpornografie (6512 Fälle, plus 14,5 Prozent) nahm zu.

Polizeigewerkschaft relativiert die Zahlen

Bei der Gesamtkriminalität stieg die Aufklärungsquote bundesweit leicht auf 57,1 Prozent. Die Zahl der Tatverdächtigen sank laut der Statistik um 10,5 Prozent auf 2,11 Millionen. Davon waren 736.265 Menschen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen - ein Minus von 22,8 Prozent. Insgesamt 300.680 Zuwanderer befanden sich darunter. Ihre Zahl ging um 40,7 Prozent zurück. Als Zuwanderer gelten in der PKS Asylbewerber, Kontingentflüchtlinge, Geduldete, Menschen mit sogenanntem unerlaubtem Aufenthalt sowie Schutz- und Asylberechtigte.

Die Übersicht will Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Innenministerkonferenz am 8. Mai vorstellen. Eine Ministeriumssprecherin bestätigte am Sonntag auf Anfrage die Tendenz, betonte aber, der Bericht liege nur in einer Entwurfsfassung vor, die noch mit den Ländern abgestimmt werden müsse.

"Die Zahlen gehen in die richtige Richtung", sagte Vize-Unionsfraktionschef Stephan Harbarth. "Dass wir die Innere Sicherheit zu einem Investitionsschwerpunkt im Bundeshaushalt gemacht haben, zahlt sich aus. Doch es ist noch zu früh, um von einem stabilen Trend sprechen zu können."

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Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow sieht keinen Grund zur Entwarnung. Ein Gutteil der Entwicklung hänge damit zusammen, dass weniger Asylsuchende nach Deutschland gekommen seien. So falle mehr als die Hälfte des Straftatenrückgangs auf Verstöße gegen Aufenthaltsbestimmungen. Dennoch sei die Statistik "ein Beleg dafür, dass sich trotz des bekannten Personalmangels ein hoher Ermittlungsdruck der Polizei im bestimmten Kriminalitätsbereichen auszahlt".

Der Kriminologe Christian Pfeiffer verwies zudem auf die gesunkene Zahl von Gewalttaten in Flüchtlingsheimen, wo zuvor oft Feinde aus diversen Ländern aufeinandergetroffen seien. Inzwischen wirke es sich aus, dass viele Flüchtlinge Hoffnung schöpfen könnten.

Kriminalität an Schulen nimmt wieder zu

Frankfurt am Main liegt bei den erfassten Straftaten deutschlandweit wieder auf Platz eins. Dort wurden 2017 rund 14.900 Straftaten pro 100.000 Einwohner erfasst. Es folgen Hannover (14.600 Straftaten) und Berlin (14.600). Im Vorjahr hatte Berlin noch auf dem ersten Platz gelegen, davor jahrelang Frankfurt. Alle 39 Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern wurden ausgewertet. München ist demnach am sichersten.

Die Zustände an deutschen Schulen haben sich nach jahrelangem Rückgang der Kriminalität wieder verschlechtert. Etliche Bundesländer registrierten für 2017 einen teils spürbaren Anstieg von Kriminalität und Gewalt, wie aus den Statistiken der Landeskriminalämter hervorgeht. Zu den Gründen gibt es noch keine Erklärung. Bundesweite Zahlen will das Bundeskriminalamt in einigen Wochen vorlegen. Unverändert sind die allermeisten Täter männlich und deutsch.

Der Anstieg der Schulstraftaten geht nach Angaben des Landeskriminalamtes Niedersachsen auch einher mit einem Anstieg der gesamten Jugendkriminalität im Jahr 2017. Nach zehnjährigem Rückgang nahm die Zahl minderjähriger Tatverdächtiger in dem Flächenland um vier Prozent zu, die Zahl tatverdächtiger Kinder stieg um 21 Prozent. Die Gründe will das LKA untersuchen.

Experte: "Gefühlte Kriminalitätstemperatur" angestiegen

Wie der Kriminologe Pfeiffer der Deutschen Presse-Agentur sagte, könnte der Anstieg an einem geänderten Anzeigeverhalten liegen. In Zeiten großer medialer Aufregung über Gewalttaten würden Straftaten häufiger angezeigt. Auch wenn Ausländer als Täter vermutet würden, sei die Anzeigebereitschaft statistisch erwiesenermaßen höher. Mit einer nach dem Flüchtlingszuzug gestiegenen Zahl ausländischer Schüler könne dies möglicherweise den Anstieg erklären.

Die "gefühlte Kriminalitätstemperatur" der Bevölkerung sei trotz der rückläufigen Zahlen angestiegen, sagte Pfeiffer. "Die Verunsicherung der Menschen ist gewachsen durch den Zustrom der Menschen aus fremden Kulturen." Das beruhige sich zwar mit der Zeit wieder, "wenn wir uns gewöhnen an die neue Lage". Zunächst einmal nehme die Bereitschaft zur Anzeige aber zu. "Da dürfte sich eine Diskrepanz entwickelt haben zwischen der objektiven Lage und dem, was die Menschen fühlen."

mad / DPA / AFP