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Streit ums Waffenrecht flammt auf: Memmingen war eine Warnung

Muss das Waffengesetz verschärft werden oder brauchen Sportschützen Freiheiten, um etwa bei olympischen Spielen anzutreten? Der Amokalarm von Memmingen hat die Diskussion ums Waffenrecht neu entfacht.

Von Malte Arnsperger

Erfurt, Winnenden oder Emsdetten: Deutschland hat in den vergangenen Jahren bittere Erfahrungen mit blutigen Amokläufen an Schulen machen müssen. Nun rastete vor einigen Tagen schon wieder ein Schüler aus, besorgte sich Waffen und schoss um sich. Der Amoklauf des 14-jährigen Andreas (Name geändert) in Memmingen verlief zwar unblutig. Doch die Umstände der Tat offenbaren eine bisher nicht gekannte Dimension und heizen damit die Diskussionen um das Waffenrecht neu an.

Denn Andreas hat offenbar einen verantwortungsbewussten Vater. Der Mann, Sportschütze, lagerte seine Waffen zu Hause in einem Tresor. Sicher und vorschriftsgemäß, sagt die Polizei. Sein Sohn musste also erst den Waffenschrank knacken, um an die drei Pistolen zu kommen. Damit hatte er es wesentlich schwerer als Tim, der Amokläufer von Winnenden. Der nämlich kam ziemlich leicht an die großkalibrige Beretta, die sein Vater sorglos in einem Kleiderschrank im Schlafzimmer aufbewahrt hatte.

In Memmingen hat also selbst eine korrekte Aufbewahrung der Waffen die Tat, die zum Glück nicht blutig verlief, nicht verhindert. "Wir haben sehr viel Glück gehabt, es hätte locker ein Blutbad wie in Winnenden werden können", sagt Gisela Mayer, die beim Amoklauf von Winnenden ihre Tochter verloren hat. Für sie ist klar: "Diese Tat ist als Warnung zu sehen. Es ist der deutliche Beweis dafür, dass die Bestimmungen nicht ausreichen." Mayer fordert als Konsequenz, dass Sportschützen Waffen und Munition nicht mehr zu Hause aufbewahren dürfen, sondern sie zentral und gut bewacht gelagert werden müssen, etwa in den Schützenheimen. Grünen-Chefin Claudia Roth hatte für ähnliche Maßnahmen plädiert.

Zentrale Lagerung von Waffen angeblich zu teuer

So reflexartig diese Forderungen nach solchen Taten erhoben werden, so reflexartig werden sie abgeschmettert. Die deutschen Sportschützen kontern mit ihren Standardargumenten. Eines davon ist: Die zentrale Deponierung in den Schützenheimen ist zu teuer. "Mit unseren Mitgliedern repräsentieren wir einen Querschnitt der deutschen Bevölkerung", sagt der Vizepräsident des deutschen Schützenbundes, Jürgen Kohlheim. "Und die meisten Mitglieder könnten es nicht bezahlen, wenn wir etwa einen professionellen Rund-um-die-Uhr-Schutz an den Schützenheimen engagieren müssten."

Diese Begründungen will Gisela Mayer auf keinen Fall akzeptieren. Für sie ist der Besitz von Waffen ein Privileg, für das man auch finanzielle Opfer bringen müsse. "Die Sportschützen machen ihren Sport doch freiwillig, dann müssen sie auch die Verantwortung für ihren Sport ergreifen."

Es gibt aber aus Sicht der Sportschützen noch ein weiteres Argument, das gegen eine zentrale Lagerung von Munition und Waffen spricht. Diese Maßnahme bringe nämlich keine zusätzliche Sicherheit, vielmehr würde alles noch viel schlimmer werden. Zwei Szenarien spielt Jürgen Kohlheim durch: Ein potenzieller Amokläufer, Mitglied in einem Schützenverein, geht zu seinem Clubheim, in dem alle Waffen aufbewahrt werden, erzählt von einem angeblich bevorstehenden Turnier, bekommt seine Pistole ausgehändigt, und beginnt - vielleicht sogar gleich vor Ort - mit seiner Tat. Zweites Szenario: Einbrecher dringen in das Clubheim ein und versorgen sich dort mit den umfangreich vorhandenen Waffen - so geschehen beim Vierfachmord von Eislingen.

Anonyme Morddrohungen von Waffenfans

Roman Grafe kennt die gut geölte Argumentationsmaschinerie der Waffenlobby genau so gut wie die Forderungen von Betroffenen wie Gisela Mayer. Der Journalist beschäftigt sich seit dem Amoklauf von Winnenden intensiv mit dem Thema und hat eine Initiative gegründet. Der Name "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!" ist Programm. Grafe kämpft mit seinen Verbündeten, Prominenten und Angehörigen von Amoklaufopfern, für ein radikales Verbot von Gewehren und Pistolen in den Händen der Sportschützen.

Und nicht erst seit er anonyme Morddrohungen erhalten hat, weiß Grafe, wie mächtig die Waffenfans in Deutschland sind. "Die Argumente der Sportschützen gegen die zentrale Aufbewahrung von Waffen sind durchaus logisch. Sie werden auch in der Bevölkerung und von vielen Politikern als plausibel anerkannt und stoßen dort auf großes Verständnis", sagt Grafe. Als Beweis führt er die jüngste Sitzung des Innenausschusses des deutschen Bundestages an: Einen Tag vor der Tat in Memmingen hat das Gremium einen Antrag der Grünen abgelehnt, der es Sportschützen verboten hätte, Kugeln und Waffen gemeinsam in der Wohnung zu lagern.

Ausweichen auf Druckluft- oder Laserwaffen

Grafe will deshalb gar nicht erst versuchen, die Aufbewahrungsgesetze zu verschärfen. Er sieht darin milliardenschwere Experimente, die sinnlos Geld und Zeit verschwenden würden. "Wir drehen uns damit im Kreis." Der Autor will das Übel gleich an der Wurzel packen. "In den vergangenen zehn Jahren haben Sportschützen mehr Menschen erschossen, als bei den Schulmassakern in Erfurt und Winnenden zusammen. Die waren legal im Besitz der Waffen. Deshalb wollen wir, dass diese tödlichen Waffen für den Schießsport verboten werden".

Den rund zwei Millionen Schützen in Deutschland will Grafe ihren Sport dennoch nicht wegnehmen - es gebe ja schließlich auch Druckluft- oder Laserwaffen. Sportschützenchef Kohlheim kennt natürlich auch diese Argumente und kontert: "Mit Lichtpistolen würde alles wegfallen, was den Schießsport interessant macht. Und zudem könnten wir die Teilnahme an internationalen Wettbewerben, wie den olympischen Spielen, vergessen."

Lieber Medaillen bei Olympia gewinnen oder den Schutz der Bevölkerung verbessern? "Polemisch", nennt das Kohlheim. Gisela Mayer dagegen fragt: "Wie viele Warnungen brauchen wir denn noch?"