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Verschwundene 13-Jährige: Suche nach Maria endet im Familienstreit

Seit Mai ist Maria Henselmann verschwunden. Ihre Schwester behauptet: Die 13-Jährige sei vor ihrer Mutter geflohen. Erstmals meldet sich der Vater: Er fürchtet, dass die Suche in Vergessenheit gerät.

Von Lisa Rokahr und Ingrid Eißele

Seit Mai ist Maria mit Bernhard Haase verschwunden. Mit diesem Bild sucht die Mutter nach ihrer Tochter.

Seit Mai ist Maria mit Bernhard Haase verschwunden. Mit diesem Bild sucht die Mutter nach ihrer Tochter.

Von der vermissten Maria Henselmann aus Freiburg gibt es noch immer keine neue Spur. Dafür entbrennt eine öffentliche Fehde zwischen den Familienmitgliedern. Eine erwachsene Halbschwester von Maria wirft der Mutter vor, Maria geschlagen zu haben. Sie gibt ihr die Schuld dafür, dass Maria seit neun Monaten mit einem 53-jährigen Mann auf der Flucht ist.

Die Schwester Rebecca schreibt auf Facebook: "Mein Leben lang musste ich zuschauen, wie sie (Monika Beisler, Anmerkung der Redaktion) mich und meine Geschwister misshandelt hat. Und mal ganz ehrlich, wäre uns damals ein Haase begegnet ... wir wären alle weg."

Die Mutter sagt: "Dieser Vorwurf ist an den Haaren herbeigezogen." Die Polizei äußert lediglich: "Innerfamiliäre Streitigkeiten sind nicht Teil der aktuellen Ermittlung."

Extreme Situation für alle Beteiligten

Die Familie steckt in einer Extremsituation: die Tochter, beziehungsweise die Schwester wird seit Monaten vermisst. Im vergangenen Mai verschwand Maria mit Bernhard Haase, den sie in einem Chat kennenlernte. Und während niemand weiß, wo die 13-Jährige steckt und ob sie noch freiwillig mit dem deutlich älteren Mann zusammen ist, kämpfen die Familienmitglieder gegeneinander. Erschwerend kommt hinzu: Marias Angehörige wurden in diesen Monaten zu einer öffentlichen Familie. Sie machte sich selbst öffentlich, als die Mutter Monika Beisler im Internet eine Suchkampagne startete. Tausendfach schallte der Suchaufruf nach Maria durch das Netz. Jetzt knallt der Familie ebenso lautstark das Echo um die Ohren. Denn inzwischen befeuern unzählige Internetnutzer die Schlammschlacht mit ihren Kommentaren. Hintergründe, Fakten – oder die Familie selbst – kennt aber kaum einer von ihnen.

Die Community, die Beisler sorgsam aufbaute, hat sich verselbstständigt. Und unter unzähligen Postings kämpfen die Familienmitglieder jetzt um die Deutungshoheit. Zwei Fronten gibt es. Die eine steht hinter der Mutter. Monika Beisler wacht strikt über den Suchapparat, blockt Kritiker, löscht Kommentare, "aber nur dann, wenn sie beleidigend oder spekulativ sind", erklärt sie. Sie hat nicht bemerkt, dass das Internet so nicht funktioniert. Denn wer bei ihr keine Plattform findet, der sucht sie woanders.

Ein Taxifahrer kämpft für den Gesuchten

Die andere Front sammelt sich bei Jochen Lembke, einem selbsternannten Autor, Blogger, Taxifahrer. Auf seiner Homepage nennt er sich "Männerrechtler" und wirbt um Verständnis für Bernhard Haase, obwohl dieser von Interpol gesucht wird. Enttäuschten Helfern, die sich der Kontrolle von Monika Beisler entziehen wollen, will er eine Plattform bieten. "Für den Austausch", sagt er, "für die, die rausgemobbt wurden." Inwiefern das zur Suche beiträgt? "Die Mutter stellt ihre Tochter bloß, veröffentlicht private Fotos von ihr. Das ist keine ernstgemeinte Suche, das ist ein Racheakt, weil das Mädchen abgehauen ist. Solange die Mutter öffentlich sucht, wird Maria verschwunden bleiben", behauptet er. Dabei ist die Polizei nicht einmal sicher, ob Maria überhaupt Zugang zum Internet hat.

Rebecca rudert zurück

Marias Mutter hat den Blogger inzwischen wegen übler Nachrede angezeigt. Sie nimmt ihre Tochter Rebecca in Schutz, die sich Lembke anvertraut hatte: "Ihr tut das furchtbar leid, sie kann sich nicht mehr helfen, das überrollt sie." Denn Rebecca rudert inzwischen zurück, schreibt auf Facebook: "Nie habe ich einen solchen Brief geschrieben. Das war ein vertrauliches Gespräch. Ich schäme mich entsetzlich." Ob das Dementi vom Druck der Mutter oder der unterschätzten Tragweite der Vorwürfe rührt, ist unklar. Doch auch die Schwester muss inzwischen begriffen haben, dass das Internet ein tückischer Freund ist: Im einen Moment findet man online tausendfache Anteilnahme, beim nächsten Klick schlägt einem vielleicht schon Verachtung entgegen. Rebecca schreibt, viele hätten sie seit dem Verschwinden ihrer Schwester kontaktiert. "Es tat so gut, dass so viele Menschen Verständnis für mich hatten." Einer von ihnen war Lembke. Der veröffentlichte wenig später jedoch den Brief über vermeintliche Misshandlungen, unterschrieben mit ihrem Namen. Der Text: von ihm zusammengepuzzelt aus Chatnachrichten, die Rebecca ihm schickte. Die revidiert nun, sie habe zu spät begriffen, dass sie gegen ihre eigene Mutter aufgehetzt werde.

Marias Schwester: "Es war nicht immer einfach zu Hause"

Es sei dadurch ein "Riesenkrieg in der Familie ausgebrochen", sagt ihre Schwester Sarah, 29, zu stern.de, der allerdings keinem nütze. Zu den Vorwürfen der Schwester wolle sie sich nicht äußern. Nur so viel: "Es war nicht immer einfach zu Hause, aber ich habe keine Schläge bekommen."

Sarah, die Zweitälteste der fünf Kinder von Monika Beisler, zog mit 16 Jahren zu Hause aus. Der Druck der Mutter, die alleinerziehend war, sei ihr zu viel geworden. Sie habe sich als Teenie überfordert gefühlt mit der Fürsorge für Maria und ihren Bruder, die beide noch klein waren. Sie wandte sich ans Jugendamt und zog in ein Heim, machte den Schulabschluss und eine Ausbildung.

Am Abend, als Maria mit Haase verschwand, habe die Mutter sie alarmiert, Sarah recherchierte daraufhin nach ihrer Schwester. Einige Zeit zuvor hatte die Mutter sie darum gebeten, mit der kleinen Schwester über deren neue Bekanntschaft zu sprechen, weil Maria ihr dazu nur Halbwahrheiten berichte. Sarah sprach mit Maria über Haase. "Sie sagte mir, er hört zu. Und dass sie ihm vertraut." Von einer sexuellen Beziehung sei nicht die Rede gewesen. "Ich dachte, dass sie einfach jemand zum Reden braucht. Aber mir war auch klar, dass sie nicht alles erzählt." Maria habe vieles mit sich selbst ausgemacht.

Vater will ein Lebenszeichen

Lembke schrieb auch Marias Vater Markus Henselmann an, der aber witterte bei dem Blogger eher den Wunsch nach Selbstdarstellung als ernstgemeintes Engagement. Die öffentliche Diskussion habe einen Lauf genommen, die der Suche nicht zuträglich ist, sagt Henselmann. "Das einzige, was zählt, ist doch, dass wir endlich etwas von Maria hören." Ob sie nach Hause kommen wolle, sei für ihn zweitrangig. "Alles was ich will, ist ein Lebenszeichen." Er sei für Maria keine Vaterfigur, auch kein Freund, kein Vertrauter, Maria wuchs ohne ihn auf. "Aber trotzdem ist sie doch nicht irgendein Kind für mich", sagt er. "Sie ist mein Kind."

Seit sechs Jahren hat er seine Tochter nicht mehr gesehen, vor eineinhalb Jahren habe Maria ihn zuletzt angerufen. Dass Maria deshalb von der Mutter "verprügelt worden" sei, wie es in Rebeccas ursprünglicher Darstellung hieß, kann sich der Vater nicht vorstellen. Als er mit Monika Beisler zusammenlebte, habe es nie körperliche Übergriffe gegeben. "Selbst wenn die Situation zu Hause angespannt war, selbst wenn Maria großen Krach mit ihrer Mutter hatte - dann würde sie sich trotzdem irgendwann melden." Maria habe ihr komplettes soziales Umfeld in Freiburg, ihre Freundinnen, den Bruder. "Diese Funkstille passt nicht zu ihr."

Von:

Ingrid Eißele und Lisa Rokahr