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Take-That-Karten von Viagogo: Gutes Geschäft mit schlechten Onlinetickets

Betrügereien mit ungültigen oder gefälschten Tickets für Konzerte und Sportevents nehmen immer mehr zu. Jüngst wurden Take-That-Fans Opfer fragwürdiger Techniken auf Online-Verkaufsbörsen.

Von Sophie Albers

Du stehst in der Schlange, zeigst dein Ticket und deinen Personalausweis. Dein Ticket wird unter den Scanner gehalten, und dann gibt es ein Geräusch wie in der Gameshow bei einer falschen Antwort: 'Nööööt'." Marc P. (Name geändert) ist stinksauer. Er wollte seiner Frau eine Freude machen, kaufte beim Online-Ticketanbieter Viagogo zwei Karten fürs offiziell ausverkaufte Take-That-Konzert in München für 230 Euro plus einer Vermittlungsgebühr von 47,35 Euro anstatt des regulären Preises von 150 Euro - und kam trotzdem nicht hinein. "Man schickte uns zum 'trouble counter', und da drückte man uns einen Vordruck in die Hand, warum sie uns nicht reinlassen."

Marc P. und seine Frau waren nicht allein an diesem Abend. Laut dem Konzertveranstalter MTC gebe es zwar keine genauen Zahlen, wie viele Fans abgewiesen wurden, aber die Schlange am "Schalter für Härtefälle" sei lang gewesen, so der Geprellte. Zudem sah es in Hamburg und Düsseldorf in der Woche vorher ganz ähnlich aus. Der Vordruck hat übrigens einen Namen: "Einlassverweigerungsbestätigung", so das schöne deutsche Wort der MTC-Sprecherin.

Was genau ist da passiert?

"Die Wiederverkäufer haben gegen die allgemeinen Geschäftsbedingungen verstoßen. Die Fans sind die Leidtragenden", sagte die MTC-Sprecherin zu stern.de. Das heißt: Der Verkauf des gesamten Kartenkontingents für die deutschen Take-That-Konzerte lag exklusiv bei Tickets.de. Um Betrugsfällen entgegenzuwirken, werden Karten mittlerweile personalisiert, das heißt, sie sind an den Käufer gebunden. Deshalb die Personalausweispflicht am Einlass. Gewisse Leute hätten nun größere Mengen Karten gekauft, um diese dann auf Plattformen wie Viagogo, Seatwave oder Ventic zu überhöhten Preisen anzubieten. Dabei ist in den AGBs (Punkt 9) von Tickets.de vermerkt, dass solch ein gewerblicher Weiterverkauf untersagt ist. Und die Personalisierung sei von Viagogo auch nicht vermerkt worden.

"Als wir davon erfahren haben, haben wir die entsprechenden Tickets gesperrt", so die Konzertagentursprecherin. Das Geld sei über Viagogo zurücküberwiesen worden. Zudem erwirkte MTC im März eine einstweilige Verfügung gegen Viagogo, die es der Ticketbörse untersagt, den gewerblichen Weiterverkauf von Take-That-Tickets zu ermöglichen. Der Ticketverkauf ging weiter - wie unter anderem Marc P. zu spüren bekam. Der Nachweis, dass er gewerblich ist, ist schwierig.

Auf Anfrage von stern.de ließ Viagogo-Geschäftsführer Edward Parkinson ausrichten: "Viagogo hat niemals gegen irgendeine gerichtliche Anordnung gehandelt, indem wir Fans erlauben, ihre Tickets weiterzuverkaufen."

Wer oder was ist Viagogo?

"Viagogo ist die Online-Ticketbörse, auf der Sie sicher und mit Garantie Tickets für Live-Events kaufen und verkaufen können", steht auf der Website zu lesen. Das international agierende Unternehmen sitzt in Großbritannien, ist laut Impressum allerdings in den USA eingetragen. Einziger Kontakt sind eine Emailadresse und eine Telefonnummer für Presseanfragen - in England. Man preist sich als "Marktplatz" für Tickets jeder Art - vom Konzert bis zum Fussballspiel.

"Unser Service ermöglicht Fans, die ihr hart verdientes Geld in ein Saisonticket gesteckt haben, etwas von den Kosten wiederzubekommen, wenn sie ein Spiel ausfallen lassen müssen", so Viagogo-Chef Parkinson weiter. Das sei "absolut legal." Der Hamburger SV warnt seine Fans vor Plattformen wie diesen, weil hier zu heftigen Preisen sogar Karten für Spiele angeboten werden, die noch gar nicht im Verkauf sind. Gegen die Onlinebörse Seatwave wurde bereits erfolgreich prozessiert.

Für weitere Verwirrung beim Kaufwilligen sorgt, dass diesem "Marktplatz", auf dem angeblich nur Fans ihre Karten loswerden wollen (bei deren Verkauf Viagogo von Käufer wie Verkäufer eine Vermittlungsgebühr kassiert) eine "offizielle" Verkaufsstelle gegenübersteht. Zu deren Zweck hat Viagogo Partnerschaften geschlossen. Unter anderem mit dem FC Kaiserslautern. Dessen Pressesprecher sieht es gelassen: "Wir sind Partner von Viagogo wie viele andere Vereine auch." Der FC Kaiserslautern stelle im Rahmen dieser Partnerschaft ein bestimmtes Kartenkontingent für bestimmte Spiele zur Verfügung. Um dem Schwarzhandel entgegenzuwirken, gebe es eine Preis-Höchstgrenze. "Die Karte darf maximal das Doppelte kosten. Wir checken regelmäßig, ob das eingehalten wird." Auch Bayern München ist Viagogo-Partner. Auf seiner Website verweist das Unternehmen zudem darauf, dass Viagogo-Investoren seien.

Wie kann ich mich schützen?

"Es gibt keinen 100-prozentigen Schutz", sagt eine Sprecherin des Landeskriminalamts Nordrheinwestfalen, wo das "Cybercrime"-Kompetenzzentrum ansässig ist. "Bei allem, was man im Internet erwerben kann, muss man sehr, sehr vorsichtig sein." Man sollte sich grundsätzlich beim Ursprungsanbieter schlau machen. Und man müsse ein gewisses Misstrauen an den Tag legen. "Bleibt zu hoffen, dass die Leute sich nach diesen Erfahrungen besser informieren", sagt auch die Sprecherin des Konzertveranstalters MTC. "Nicht alles, was zuerst auf Google erscheint, ist die richtige Adresse."

Das weiß jetzt auch Marc P. Dem hat Viagogo versprochen, dass er sein Geld zurückbekommt. Anzeige erstattet hat er trotzdem.

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