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Tamerlan und Dschochar Zarnajew: Das Familienleben der Boston-Attentäter

Jahrelang besuchte eine Studentin regelmäßig die Mutter der beiden Bombenleger und lernte die Familie Zarnajew kennen. Sie berichtet von zunehmener Religiösität und Verschwörungstheorien um 9/11.

Von Sabine Schaper

Nach dem Anschlag auf den Bostoner Marathon vergangene Woche hat sich eine amerikanische Studentin zu Wort gemeldet, die regelmäßig bei der Familie der beiden mutmaßlichen Attentäter zu Gast gewesen sein will. Die 23-jährige Alyssa Lindley Kilzer berichtet in ihrem Blog, sie sei jahrelang bei Subeidat Zarnajew, der Mutter der beiden Verdächtigten Tamerlan und Dschochar Zarnajew, in kosmetischer Behandlung gewesen. Diese fand bei der Familie zu Hause statt. In dieser Zeit habe sie viel über das Leben der Familie erfahren und will eine zunehmende Religiösität bei Subeidat Zarnajew beobachtet haben. Ihre Besuche habe sie beendet, nachdem Subeidat Zarnajew ihre Vorstellung geäußert habe, bei den Anschlägen vom 11. September handele es sich um eine anti-muslimische Verschwörung.

Tamerlan und Dschochar Zarnajew wurden in Folge des Bombenanschlags in Boston über Videoaufnahmen als Hauptverdächtige identifiziert. Im Zuge der Fahndung wurde der ältere der beiden Brüder, Tamerlan, tödlich verletzt. Dschochar wurde später schwer verletzt festgenommen. Er wurde bereits im Krankenhaus schriftlich zu der Tat vernommen, inzwischen wurde er in ein Gefängnis verlegt. Im Falle einer Verurteilung droht ihm die die Todesstrafe.

Verschwörungstheorien um 9/11

Subeidat Zarnajew bezweifelt die Tat ihrer Söhne. Bei einer Pressekonferenz in ihrer Heimat Dagestan sagte sie: "Nein, ich glaube das nicht. Ich werde das nie glauben, niemals." Die scharfe Vorgehensweise gegen ihre Söhne führte sie auf deren Religionszugehörigkeit zurück. "Sie wurden getötet, weil sie Muslime sind," sagte sie in einem Interview. Der Bloggerin zufolge hält Subeidat Zarnajew auch die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001 für eine amerikanische Verschwörung, die den Hass auf Muslime schüren sollte. "Es ist wahr," zitiert Kilzer Zarnajew, "mein Sohn weiß alles darüber. Du kannst es im Internet nachlesen." Dieser politischen Ansichten wegen brach Kilzer ihre Besuche im Januar 2012 ab.

Kilzer beschreibt auch, dass Zarnajew erst in den letzen Jahren ihrer Besuche begonnen habe, einen Schleier zu tragen. Sie habe zu dieser Zeit vermehrt über Allah und den Koran gesprochen. Die Kinder der Familie Zarnajew seien konservativ und traditionell erzogen wurden. Laut Kilzer wurden Zarnajews Töchter mit 18 oder 19 Jahren zwangsverheiratet. Als Tamerlan unverheiratet ausziehen wollte, habe Subeidat Zarnajew "tagelang geweint", weil dies nicht den Traditionen ihrer Kultur entspreche.

"Ganz normale Jugendliche"

Kilzer schreibt, die beiden Töchter und den jüngeren Dschochar habe sie öfter getroffen als Tamerlan. Die drei seien stets nett zu ihr gewesen, Dschochar habe sie sogar ihr Auto anvertraut. Es seien "ganz normale Jugendliche" gewesen. Tamerlan habe sie nur zweimal getroffen, wobei er ihr gegenüber unfreundlich gewesen sei. Sie erinnert sich an zahlreiche Streitigkeiten zwischen ihm und seiner Mutter. Seine Mutter, die sie als fürsorgend und hart arbeitend empfunden habe, habe sich oft um ihn gesorgt.

Als Motivation für ihren Blogeintrag gibt Kilzer an, sie wolle helfen, die vielen Unwahrheiten zu beseitigen, die in den Tagen nach dem Anschlag über die Familie zu lesen gewesen seien. Sie hoffe, mit ihren Einsichten in das Familienleben bei den Ermittlungen behilflich sein, ohne weiteren Schaden anzurichten.