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Tatort Treppe: Auf der Jagd nach Taschendieben

Sommerzeit, Zeit der Langfinger. Immer öfter greifen sie in fremde Taschen. Sondereinheiten sind den Kriminellen auf der Spur. Die Ermittler brauchen Ausdauer und Menschenkenntnis.

Ferienzeit: Unzählige Touristen sind derzeit in Deutschland unterwegs. Mit ihnen reisen die Taschendiebe. Überall, wo Besucher vor Sehenswürdigkeiten stehen, Cafébesucher sich ins Gespräch vertiefen oder Auswärtige in Bahnhöfen nach einer Verbindung suchen, haben die Täter leichtes Spiel. "Manche Menschen laufen so arglos durch die Stadt, dass ihr Verhalten schon fast als Einladung zu verstehen ist", sagt Ingo Przeradzki. Der drahtige 54-Jährige führt eine Sondereinheit des Berliner Landeskriminalamt - kurz LKA 711. Jeden Tag jagen die 19 Zivilfahnder in der Hauptstadt Langfinger.

"Man braucht einen guten Blick für Leute", sagt Przeradzki. Seit die Berliner Ermittlungsgruppe 2005 wegen der hohen Zahl von Taschendiebstählen gegründet wurde - damals als "EG Tasche", haben er und seine Kollegen Hunderte Ganoven festgenommen. Mittlerweile kenne man den einen oder anderen. "Manchmal reicht ein Nicken und die wissen, dass wir sie im Auge haben." Menschenkenntnis und eine gesunde Portion Misstrauen seien für den Job nötig.

Viele der Täter stammten aus dem Ausland. In Berlin kommen mehr als drei Viertel der Tatverdächtigen etwa aus Rumänien, Polen und Bulgarien, Nordafrika oder Südamerika. Bundesweit hatten 2011 knapp zwei Drittel keinen deutschen Pass. Multikulti-Delikt sagen manche Ermittler darum zu Taschendiebstahl. "Das beeinflusst natürlich, und dagegen muss man ankämpfen", sagt Przeradzki.

"Das hat dann mit Kunst wenig zu tun"

Der Fahnder steht am Bahnhof Zoo und beobachtet. Tausende strömen hier zu Zügen oder Bussen. "Das Gedränge, die fragenden Gesichter: Der Ort hat magnetische Wirkung auf Taschendiebe." Beliebter "Arbeitsplatz" der Kriminellen seien Treppen. Dort präsentierten Reisende ihre Rucksäcke dem Dieb unbewusst auf Augenhöhe. "Rucksäcke sind Fremdkörper. Keiner merkt irgendetwas. Und wenn dann Geld und Handy noch im Außenfach verstaut sind ...", sagt der Ermittler.

Die Zeiten, da sich Taschendiebe kunstfertig aus einer Innentasche ihres Opfers bedienen, sind vorbei. "Heute wird oft sehr körperlich gearbeitet", sagt Birgit Spier, Leiterin des LKA 711. Manche Gauner schlitzten mit Messern Jackentaschen auf, andere nähmen ihre Opfer regelrecht in die Mangel. "Das hat dann mit Kunst wenig zu tun."

Im Büro kümmern sich weitere 20 Beamte um die Auswertung der Delikte. Wie sind die neuesten Tricks der Diebe, wo schlagen sie verstärkt zu? Sind Muster erkennbar, reagieren die Zivilfahnder sofort. Inzwischen gibt es auch in anderen Bundesländern solche Sondereinheiten.

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Hinterher ist man immer schlauer

"Zwischen 8 und 85 Jahren haben wir schon alles dabei gehabt", sagt Przeradzki zum Alter der Diebe. Vor einigen Jahren hätten die "Klau-Kinder" Probleme gemacht: Roma, die von den Eltern Schläge bekamen, wenn sie zu wenig erbeuteten. Und dann war da noch in Berlin-Neukölln eine rüstige 85-Jährige. Als "liebe Oma" sprach sie junge Mütter an und ließ dabei die Geldbörsen der Frauen aus dem Kinderwagen mitgehen. Eine andere Masche hat ein russisch-israelisches Rentner-Duo. "Einer der Herren fragt ein Opfer im Supermarkt nach dem Preis und der andere bedient sich an dessen Tasche."

Besonders geschickt seien Algerier in Restaurants: Das Opfer hänge seine Jacke über den Stuhl, der Täter setze sich mit dem Rücken dahinter und hänge seine Jacke ebenfalls über die Lehne. Dann greife er durch. "Echte Profis holen nur die Scheine aus dem Portemonnaie und stecken es wieder zurück", weiß Przeradzki.

Ob man sich schützen könne? "Na klar", sagt der Cheffahnder. "Taschen schließen, Rucksack im Gedrängel vor der Brust tragen und Augen aufhalten. Hinterher denkt man immer: Irgendwie war die Situation doch komisch..."

Julian Mieth, DPA / DPA