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Tatort U-Bahn: Nahverkehr, Gefahrverkehr?

Nach neuen Überfällen in Berliner U-Bahnen ist die Diskussion über die Sicherheit in Bussen und Bahnen wieder voll entbrannt. Leben die Bürger dort gefährlich? Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Von Malte Arnsperger

Es sind immer dieselben Szenen, die die Menschen erschüttern: Meist unscharfe Bilder von Überwachungskameras zeigen meist mehrere junge Männer, wie sie ein meist wehrloses Opfer in einer U-Bahn-Station schwer verletzen oder gar töten. So war es 2007 in München, so ist es im vergangenen Mai in Hamburg passiert, so geschah es vor einigen Tagen in Berlin. Nach den Gewaltausbrüchen, die durch die Kamerabilder noch bedrohlicher wirken, stellen sich die Fragen aufs Neue: Können die Deutschen in ihren Großstädten noch angstfrei Bus und Bahn fahren, und tun die lokalen Verkehrsunternehmen genug für die Sicherheit?

Fast neun Milliarden Passagiere sind im vergangenen Jahr in Deutschland mit Bussen, U- und Straßenbahnen gefahren, knapp elf Milliarden sind es, wenn man auch die Fahrgäste von S-Bahnen und Fernzüge einbezieht. Bei diesen Mengen bleiben Straftaten nicht aus: Die Bundespolizei zählte 2008 1034 Gewaltdelikte, 2009 einige weniger, nämlich 1032. Es ist also statistisch minimal sicherer geworden, sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewegen.

"Früher Schubsereien, heute Totschlag"

Das mag schon sein, meint die deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG). Es sei aber nur die halbe Wahrheit. "Die Qualität, die Dimension der Gewalt steigt an", sagt Gewerkschaftschef Rainer Wendt im Gespräch mit stern.de. "Früher gab es Schubsereien auf dem Bahnsteig, heute werden die Leute totgeschlagen." Außerdem helfe die positive statistische Entwicklung dem jeweiligen Opfer nichts. Das meint auch die Opferorganisation Weißer Ring: "Die Statistiken erzählen immer nur die halbe Wahrheit", sagt ein Sprecher. "Denn registriert werden nur die Anzeigen. Die Dunkelziffer ist aber viel höher."

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht derzeit Berlin. Dort wurde kürzlich ein 30-Jähriger in einem U-Bahnhof halbtot geprügelt und liegt immer noch mit lebensgefährlichen Verletzungen im Koma. Nachdem am vergangenen Wochenende wieder ein Mann zum Opfer gewalttätiger Jugendlicher geworden ist, schreibt die Berliner Boulevardzeitung "BZ" von einer "Gewalt-Welle".

Diesen Eindruck hat auch Gewerkschafter Rainer Wendt, der selber in der Stadt lebt. "In Berlin gewöhnt man sich mittlerweile fast daran. Man hat einfach das Gefühl, in der U-Bahn nicht sicher zu sein." Wendt kritisiert die vielen "schmuddeligen, dunklen Bahnhöfe", in denen oft zu wenig Wachen umherliefen. "In München hat man immer den Eindruck, es könnte gleich Sicherheitspersonal um die Ecke kommen." Seine grundsätzliche Kritik gilt jedoch für alle Städte: "Der Staat hat sich aus diesem Bereich viel zu sehr zurückgezogen. Denn für die privatisierten Nahverkehrsunternehmen stellt sich die Frage, auf wie viel Profit sie für die Sicherheit verzichten wollen."

Verkehrsbetriebe sehen sich auf richtigem Weg

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) weisen die Kritik zurück und lassen Zahlen sprechen. Demnach habe man 2008 von 182 Gewalttaten erfahren, 2009 seien es dann 138 gewesen. 2010 sei die Zahl zwar wieder auf 177 gestiegen. "Man kann aber nicht behaupten, dass die Gewalt drastisch zugenommen hat", sagt eine BVG-Sprecherin. "Wir befördern im Jahr 922 Millionen Fahrgäste. Die Gewalttaten liegen also im Promillebereich. Es ist viel sicherer in dem System als draußen auf der Straße."

Die Zahlen der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) sprechen eine ähnliche Sprache, auch dort ist die Zahl der Gewalttaten rückläufig. In München hatte der Angriff auf einen Rentner im Jahr 2007 und der Mord an Dominik Brunner auf einer S-Bahn-Station für Entsetzen und Diskussionen gesorgt. Eine Umfrage habe ergeben, so eine Sprecherin, dass 95 Prozent der Fahrgäste, die Wert auf Sicherheit legen, mit der Situation zufrieden oder sehr zufrieden seien. Zudem sei die Zahl der Einsatzstunden der U-Bahnwache in den vergangenen Jahren um rund 30 Prozent erhöht worden.

Probleme in kleinen Städten

In Hamburg, wo im Mai 2010 ein 19-Jähriger in einem S-Bahnhof erstochen wurde, sieht man sich auch auf dem richtigen Weg. "Die Zahlen bei der Gewaltkriminalität sind rückläufig, unser Konzept greift", sagt eine Hochbahn-Sprecherin. So ganz stimmt das jedoch nicht. Auf eine Anfrage von Abgeordneten hatte der Hamburger Senat im Februar 2010 mitgeteilt, dass die Zahl der Gewaltdelikte in Busse und Bahnen zwischen 2007 und 2009 gestiegen war.

Dennoch bekommt die Hamburger Hochbahn Lob von Wissenschaftlern. "In großen Städten wird in punkto Sicherheit hochgradig professionell gearbeitet. In Hamburg haben sie eine eigene Abteilung dafür, empfehlen den Kunden mit guten Materialen Verhaltensweisen und haben eine gute Personaldecke", urteilt Jens Leven. Der Verkehrsexperte der Uni Wuppertal hat kürzlich die Sicherheit im deutschen Nahverkehr bei Großveranstaltungen untersucht. "In den großen Städten ist man sich des Problems bewusst und hat gute Konzepte. Anders in kleineren Städten. Da fehlen diese Konzepte, da fehlt es an der nötigen Ausstattung."

Kameras schrecken nicht ab

An Ausstattung scheint es in den großen Städten wirklich nicht zu mangeln. Mittlerweile sind in den vielen Bahnen, Bussen und den Stationen Kameras angebracht. Unbeobachtet bleibt da wenig. So sind Münchens 94 U-Bahnhöfe nach Angaben der MVG "flächendeckend mit Videokameras ausrüstet, die Straftäter abschrecken beziehungsweise bei der Aufklärung helfen". Doch die meisten Experten, selbst die Vertreter der Verkehrsunternehmen, sind sich einig: Die Kameras dienen nur der Strafverfolgung, die Abschreckungswirkung ist äußerst gering. Dafür hat der Hamburger Kriminologe Nils Zurawski eine ziemlich einfache Erklärung: "Es sind fast immer Affekttaten, die nicht vorher geplant sind. In diesen Fällen scheren sich die Täter nicht um die Kameras." Das Zurawski mit seiner Einschätzung richtig liegt, zeigt, dass sich weder die Täter in Berlin, noch die in München oder Hamburg durch die Überwachung von ihren Vorhaben abbringen ließen.

Die Kameras haben nach Einschätzung des Kriminologen sogar negative Auswirkungen, zumindest auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Fahrgäste. Denn die Bilder, die im Fernsehen, in Zeitungen, im Internet, immer wieder gezeigt werden, brennen sich im Gedächtnis der Menschen ein. "Tagelang wird in den Medien immer wieder über einen Fall berichtet. Die Leute bekommen das Gefühl, es passiert jeden Tag erneut so eine schreckliche Tat. Dabei würde ich insgesamt sagen: Von einem gefährlichen öffentlichen U-Bahnnetz, auch in Städten wie Berlin oder Hamburg, zu sprechen, ist Unsinn."