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Missbrauch auf Campingplatz: Die Kinder sollten sich wohlfühlen. Dann vergingen sich die Männer an ihnen

Der Fall ist belastend, selbst für hartgesottene Polizisten. Mehr als 1000 Fälle von Kindesmissbrauch werden drei Verdächtigen zur Last gelegt. Es seien perfide Einzelheiten zu Tage getreten.

Stadt Lügde in NRW: Missbrauch auf Campingplatz: Polizei geht von mehr als 1000 Einzeltaten aus

Die jungen Opfer sollten sich zuerst wohlfühlen. Es ging ins Freibad oder in den Freizeitpark. Für den Freundeskreis seiner Pflegetochter machte ein 56-Jähriger den Ermittlern zufolge vieles möglich. Seit 2008 folgten mehr als 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch auf einem Campingplatz an der Grenze von Nordrhein-Westfalen zu Niedersachsen.

Mindestens 23 Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren fielen den Tätern zum Opfer, darunter zwei Jungen. Sie wurden missbraucht und dabei gefilmt. "Es wurden Lebensräume geschaffen, in denen die Kinder sich wohlfühlten, um dann die Straftaten zu machen", sagt Achim Tietz, Leiter des zuständigen Kriminalkommissariats bei der Detmolder Polizei.

Drei Verdächtige in Untersuchungshaft

Drei Deutsche sind in Untersuchungshaft. Nach der Festnahme des Hauptverdächtigen aus Lügde im Kreis Lippe am 6. Dezember ging es aber erst einmal um die Opfer. "Nicht das Ermitteln stand im Vordergrund, sondern wir mussten uns zuerst um die Opfer und die Vielzahl der Angehörigen kümmern", erklärt Tietz in Detmold. Er spricht von keinem alltäglichen Fall. 

Seine Leute um den Leiter der Ermittlungskommission "Camping", Gunnar Weiß, habe das extra motiviert, den Fall aufzuklären, sagt Tietz. "Die Arbeitszeit wurde verdoppelt und besonders für die Frauen war das nicht leicht, denn darunter sind auch Mütter." Nach der Festnahme und der Durchsuchung mehrerer Wohnungen stellten die Ermittler zehn Computer, neun Handys und mehr als 40 Festplatten mit Beweismaterial mit einem Datenvolumen von 14 Terabyte sicher.

Die Auswertung ist noch längst nicht abgeschlossen. Den Ermittlern stellt sich der Fall wie folgt dar: Der Hauptverdächtige habe zusammen mit einem 33-jährigen Verdächtigen aus Steinheim die Kinder wechselweise missbraucht und dabei gefilmt. Kennengelernt hatten sich die beiden in einschlägigen Chats im Internet. Laut Ermittler verabredeten sie sich für den Missbrauch auf dem Campingplatz. Ein dritter Verdächtiger, ein 48-Jähriger aus Stade, war zwar nicht dabei, soll aber den Missbrauch in Auftrag gegeben haben. Im Gegensatz zu den anderen beiden hat er ein Teilgeständnis abgelegt.  

Der Leiter der Ermittlungen, Weiß, zeigte sich tief erschüttert: "Bei der Auswertung der sichergestellten Beweismittel und bei der Anhörung der Kinder kamen perfide Einzelheiten zu Tage, die mich und die anderen Kolleginnen und Kollegen noch lange nach Dienstende beschäftigen."

Nordrhein-Westfalen: Kindesmissbrauch und Kinderpornografie - Festnahme von drei Verdächtigen

Ein Missbrauchsopfer lebte auf dem Campingplatz

Ins Rollen gebracht hatte die Ermittlungen eine Zeugin. Sie hatte im November 2018 Hinweise auf den sexuellen Missbrauch einer Sechsjährigen gegeben. Das Mädchen ist die Freundin eines Pflegekindes, das der Hauptbeschuldigte seit 2016 betreut. Das über zehn Jahre anhaltende Schweigen der Opfer begründen die Ermittler mit deren Angst. Seitdem die Tatverdächtigen in Untersuchungshaft sitzen, hätten sich schnell viele Betroffene gemeldet.

Fragezeichen gibt es noch rund um die Betreuung. Auf die Frage, warum ein Kind in die Obhut eines Mannes mit heruntergekommener Unterkunft auf einem Campingplatz gegeben wird, reagierten Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit Stirnrunzeln – und verwiesen auf das zuständige Jugendamt. Das Jugendamt des Kreises Lippe erfuhr nach eigenen Angaben Ende 2018 von einer Strafanzeige wegen Kindesmissbrauchs. Das Mädchen sei "noch am selben Tag in Obhut genommen" worden, hieß es.

Bereits Ende 2016 sei bei dem Jugendamt eine Kindeswohlgefährdung angezeigt worden. "Diese Anzeige bezog sich auf den Verdacht der Verwahrlosung eines Kindes – nicht eines möglichen Missbrauchs." Das Jugendamt habe "umgehend" die Situation vor Ort geprüft. "Die Einschätzung der Mitarbeiter ergab: Das Kind lebte in keinem verwahrlosten Umfeld, sodass das Jugendamt das Kind nicht in Obhut nahm." Oberstaatsanwalt Ralf Vetter kündigte Ermittlungen an. 

Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass es Mitwisser auf dem Campingplatz gibt. Der 56-jährige arbeitslose Hauptverdächtige lebte dort bereits seit rund 20 Jahren. Und bereits mit seinen Eltern war er ständig dort Gast. Auch gebe es bislang keinen Hinweis auf einen Kinderpornoring, erklärten die Ermittler. Allerdings sei es eher unwahrscheinlich, dass der Mann aus Stade der einzige Empfänger des Materials gewesen sei. "Bei den Ermittlungen sind wir erst am Anfang", sagt Weiß.

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Carsten Linnhoff / DPA / wue