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Teenager und Sex: "Jugendliche müssen sich ausprobieren"

Im Interview mit stern.de erklärt Prof. Dr. Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg und selbst Vater, warum ein offenes Gespräch mit den Eltern und Vertrauen für Jugendliche auf Reisen mehr helfen als Drohungen.

Herr Struck, wie kann ich als Mutter oder Vater erkennen, ob mein Teenie einen Urlaubsflirt hat?

Überhaupt nicht. Anders als im Fall Marco W. fahren Jugendliche nach dem 14. Geburtstag nur noch selten mit den Eltern in den Urlaub. Und selbst, wenn die nebenan ein Zimmer haben, ist eine Kontrolle unmöglich. Heranwachsenden kann man in diesem Alter auch keine Grenzen mehr setzen oder Vorschriften machen. Besser ist es, sie zu beraten und zu begleiten. Dafür muss aber die Vertrauensbasis stimmen, und die wächst nur langsam und über Jahre von Geburt an.

Es ist also kontraproduktiv, Jugendlichen vor einem Allein-Urlaub mit Drohszenarien in Sachen Sex zu kommen?

Ja, das würde dazu führen, dass das Kind das erst recht macht. Das Problem ist, dass Sex für Erwachsene als etwas Schlimmes begriffen wird. Für Teenies ist es etwas zutiefst Spannendes. Und das müssen sie unbeobachtet von den Erwachsenen selbst ausprobieren. Niemand geht in die Disco, um sich dort zu unterhalten, dafür ist es viel zu laut. Es geht ums Sich-Ausprobieren. Es ist wichtig, dass Teenies den Umgang mit potenziellen Partnern unbeobachtet erlernen können.

Welches ist aus Ihrer Sicht ein besserer Umgang mit der Sexualität der Jugendlichen?

Egal ob im Urlaub oder zu Hause, Sex sollte für Jugendliche mit emotionaler Bindung und Verantwortung zu tun haben. Darüber sollte man ganz offen sprechen, zum Beispiel über Kondome, die ja nicht nur für die Verhütung, sondern auch für den Schutz vor Krankheiten wichtig sind. Aber auch dafür muss das Vertrauen stimmen.

Hätte Marco W. erkennen müssen, dass die junge Engländerin erst 13 ist?

Dazu müsste ich ein Foto von ihr sehen, und das ist bisher nirgends veröffentlicht. Es gibt ja auch in der Schule keinen Unterricht, in dem die Rechtssprechung gelehrt wird und nach dem ein 17-Jähriger genau wüsste, dass er nicht mit einer 13-Jährigen schlafen darf. Das würde auch gar nichts nützen, weil kein Jugendlicher sich erst den Ausweis des anderen zeigen lassen würde. Das anzunehmen wäre realitätsfremd.

Welche Rolle spielt die Mutter der 13-jährigen Engländerin, die Marco W. missbraucht haben soll?

Die entscheidende Rolle. Sie hat den Stein ins Rollen gebracht. Die türkischen Behörden führen jetzt nur aus. Im Übrigen wäre Geschlechtsverkehr zwischen einem 17- und einer 13-Jährigen in Deutschland genauso strafbar, nur dass eine Inhaftierung nicht anzunehmen wäre. Entscheidend ist die Anzeige der Mutter. Unabhängig von diesen Rechtsfragen glaube ich übrigens kaum, dass die Prinzen Harry und William als Teenies Unschuldslämmer gewesen sind. Die haben sich sicher keine Ausweise zeigen lassen, auch wenn englische Eltern in bestimmten Gesellschaftsschichten ähnlich prüde sind wie amerikanische. Die Kinder sind es aber nicht.

Das, was zwischen Marco W. und seiner Urlaubsbekanntschaft passiert ist, ist also völlig normal?

Wir waren nicht dabei. Aber sicher ist: Wenn es ein Urlaubsflirt mit Küssen, Petting oder auch Geschlechtsverkehr war, mit dem beide einverstanden waren, ist es absolut normal.

Interview: Christoph M. Schwarzer / print
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