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Terror: Erpresser-Gruppe hält Frankreich in Atem

Die französische Erpresser-Gruppe AZF hat ihre Bombendrohung gegen die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF vorerst zurückgezogen, schließt aber Anschläge in der Zukunft nicht aus.

Die rätselhafte Erpresser-Gruppe "AZF" sorgt in Frankreich mit einem Wechselbad von Drohungen und Beruhigungen für zunehmende Verwirrung. Ihre Ankündigung, vorerst auf weitere Bombendrohungen gegen Bahnreisende zu verzichten, war für Bahnchef Louis Gallois zunächst "eine gute Nachricht". Doch die gleichzeitige Warnung, sich organisatorisch zu stärken und dann gegebenenfalls fürchterlich loszuschlagen, sorgt zwei Wochen nach den Anschlägen von Madrid für umso größere Sorge.

"AZF verspricht, wieder von sich hören zu lassen, wenn das Geld nicht gezahlt wird", hieß es in einem Brief an das französische Innenministerium. Dann werde in Frankreich "der traurige spanische Rekord noch gebrochen werden". "Wir bleiben wachsam", versprach Gallois am Donnerstag sogleich und setzte seine Angestellten in Marsch, um das gesamte Streckennetz zum zweiten Mal innerhalb eines Monats zu kontrollieren.

Neuer Sprengsatz gefunden

Nach dem erneuten Fund eines Sprengsatzes an der Bahnstrecke Paris - Basel am Vortag sind die Ermittler ratlos. Sie wissen nicht, ob "AZF" auch für diese Drohung verantwortlich ist. In Zeiten des Terrors haben Bombenerpresser und auch Trittbrettfahrer leichtes Spiel - die Regierung in Paris steht wenige Tage vor der entscheidenden Runde der Regionalwahlen unter starkem Druck, Fahndungserfolge zu präsentieren.

Wie lange lag dieser Sprengsatz bereits halb vergraben im Bahndamm auf der Strecke Paris - Basel? Wer hat sie dort deponiert? Terroristen, Sektenmitglieder oder Provokateure, die von der Regierung eine Millionensumme verlangen? Diese Fragen sind bislang ohne Antworten geblieben. Auf jeden Fall haben die Behörden rasch reagiert.

Kaum war der Sprengsatz am Mittwoch gefunden, wurde der Fundort nicht weit vom Bahnhof der 400-Seelen-Gemeinde Montiéramey hermetisch abgeriegelt. Ein Großaufgebot von Polizeibeamten und Gendarmen übernahm das Kommando mit Blaulicht-Wagen und Hubschraubern. Bombenexperten machten den Sprengsatz, der glücklicherweise nicht scharf war, unschädlich. "Die Polizisten haben die Bahnstrecke immer wieder abgesucht. Natürlich haben wir Angst. Hier fahren jeden Tag etwa 30 Züge vorbei", sagte ein Anwohner.

Balanceakt zwischen Kommunikation und Geheimhaltung

Im Umgang mit den Erpressern schwankt die Regierung zwischen offener Kommunikation und Geheimhaltung. Premierminister Jean-Pierre Raffarin will sich nicht wie sein spanischer Kollege José María Aznar nach den Anschlägen in Madrid dem Vorwurf der Lüge aussetzen. Er will außerdem den Eindruck vermitteln, die Lage im Griff zu haben. Raffarin, der zufällig in Troyes Wahlkampf machte, mahnte sogleich zur Ruhe und warnte vor voreiligen Schlüssen. "Wir müssen die Ergebnisse der Untersuchungen des Sprengsatzes abwarten", sagte er.

Auch der energische Innenminister Nicolas Sarkozy sagte vorsichtig, dass bislang keine Spuren zu "AZF" führten. "Oberste Priorität hat die Sicherheit der Bevölkerung." Die Mehrheit glaubt dies dem Innenminister. Er hat sich mit harten Durchgreifen im Kampf gegen die Kriminalität beliebt gemacht hat.