VG-Wort Pixel

Terrorgefahr auch in Deutschland? Deutscher Dschihad


Bislang blieb Deutschland vom Terror weitgehend verschont. Aber die Zahl gewaltbereiter Islamisten wächst schnell. Ihr religiöser Fanatismus beunruhigt auch unsere Staatsschützer zutiefst.
Von Jan Rosenkranz

Der Dschihadist kam von McDonald’s, ausgerechnet. In seinem silbergrauen Polo fuhr er durch die trostlose Krengelstraße, Shell-Tankstelle, Gewerbegebiet, am Rande einer Arbeitersiedlung. Plötzlich quietschen Autoreifen, springen maskierte, schwer bewaffnete SEK-Beamte aus ihren Wagen. Dinslaken, vergangenen Samstag, kurz nach 21 Uhr. Nils D., ein 24-jähriger Syrien-Rückkehrer, wird verhaftet. Wochenlang hatten die Sicherheitsbehörden ihn "unter Wind", wie ein Insider sagt. Sie hatten ihn als "unauffällig" eingestuft, keine konkrete Bedrohung. Aber was heißt schon unauffällig? Drei Tage nach den Anschlägen von Paris zogen sie den Islamisten aus dem Verkehr.

Nils D. war Anfang Oktober 2013 plötzlich verschwunden, Richtung Syrien, um für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu kämpfen. Er war seinem Cousin Philip B. gefolgt, so wie er seinem großen Vorbild immer gefolgt war. Philip konvertierte zum Islam, Nils auch. Philip wurde radikal, Nils auch. Und als Philip in den Dschihad zog, reiste Nils ihm nur einige Monate später nach. Niemals hätten sie ihm das zugetraut, sagt ein türkischer Freund. "Er war immer ein netter, braver Kerl, viel ruhiger und zurückhaltender als Philip." Sie nannten ihn "Dickerchen", weil er immer aß, am liebsten Hähnchen-Schawarma, ein arabisches Gericht.

Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden soll Nils D. als "Feldjäger" und Bewacher in einem IS-Gefangenenlager eingesetzt worden sein. Er wurde an Waffen ausgebildet, habe aber anders als sein Cousin selbst nie gekämpft. Philip B., der sich den Kampfnamen Abu Usama al-Almani gab, sprengte sich im August 2014 als Selbstmordattentäter im Norden Iraks in die Luft. Er galt als Kopf der "Lohberger Brigade", einer Gruppe radikaler Islamisten, benannt nach einem Viertel der Arbeiterstadt Dinslaken am Rande des Ruhrgebiets. Mindestens 13 junge Männer sollen von dort aus Richtung Syrien gereist sein. Die sieben, die mit der ersten Welle gegangen waren, seien bis auf einen alle tot, sagt ein Freund aus Dinslaken, der bis zuletzt mit ihnen in Kontakt stand. Er holt ein Handy hervor und zeigt ein Foto, auf dem vier Leichen zu sehen sind. Blutverschmiert und bärtig, aufgebahrt inmitten von Schutt. "Das sind sie", sagt er: Die Brüder Hassan und Hüssein D., ihr Freund Yunus E., und ganz rechts, das sei wohl der Konvertit Marcel L., gestorben kurz vor Weihnachten bei einem Bombenangriff in der umkämpften syrischen Stadt Kobani. Auch Mustafa K., ein weiterer Lohberger, berüchtigt für seine Fotos, auf denen er mit abgeschlagenen Köpfen posiert, sei bei diesem Angriff ums Leben gekommen.

Nils D. kehrte lebendig aus Syrien zurück, so wie vier andere Lohberger, die in einer zweiten Welle aufgebrochen waren. Ende Oktober wurde er von bulgarischen Grenzbeamten in einem Bus entdeckt, der auf der sogenannten Zigeunerroute zwischen Istanbul und Dortmund verkehrt. Sein Name stand auf der Fahndungsliste. Von da an haben die deutschen Kollegen übernommen. Die Kundschaft der deutschen Sicherheitskräfte wächst ständig an.

Das Potenzial an Gefährdern

Seit Paris fragen sie sich bei jedem Einzelnen erneut: Ist er wirklich "unauffällig"? Oder verhält er sich nur so? Haben wir etwas übersehen? Nach Angaben des Verfassungsschutzes sind in den letzten zwei Jahren 550 Islamisten aus Deutschland nach Syrien und in den Irak ausgereist, 180 seien inzwischen zurückgekehrt, davon mindestens 30 mit Kampferfahrung. Insgesamt zählen die Sicherheitsbehörden etwa 1000 Radikale zum "islamistisch-terroristischen Personenpotenzial", 260 davon stufen sie als "Gefährder" ein, weil sie bei ihnen konkrete Anhaltspunkte für größere politisch motivierte Straftaten ermittelt haben.

Auch wenn die Deutschen bislang von Terroranschlägen Pariser Ausmaße verschont geblieben sind, auch wenn der Dschihad auf deutschem Boden bislang vor Gericht und nicht im von Islamisten erträumten al-Dschanna, dem Paradies, endete: Der "Heilige Krieg" ist längst in Deutschland angekommen.

Es liegt vier Jahre zurück, dass der damals 21-jährige Arid Uka, ein gebürtiger Kosovo-Albaner, mit einer Schnellfeuerpistole an den Frankfurter Flughafen fuhr. Er rief "Allahu akbar", Gott ist größer. Dann drückte er ab. Zwei US-Soldaten starben. Bis heute der einzige islamistische Terroranschlag bei uns. Von mindestens sechs weiteren blieb Deutschland verschont - auch dank der Erkenntnisse von US-Geheimdiensten wie im Falle der Sauerland-Gruppe, die bis 2007 an einer Bombe gebastelt hatte. Oder dank eines Zufalls, wie 2012, als die Kofferbombe auf dem Bonner Hauptbahnhof nicht zündete.

Komplettüberwachung nicht durchführbar

Vielleicht hatte Deutschland bislang einfach nur Glück. Denn grundsätzlich teilen viele Staatsschützer die Gewissheit der einstigen Chefin des britischen Geheimdienstes MI5: "Es ist nicht mehr die Frage,ob ein Anschlag geschieht, sondern nur noch, wann er geschieht."

In einem aktuellen Lagebericht des Bundeskriminalamts heißt es, der Pariser Anschlag könne "als Initial für auch in Deutschland aufhältige und tatgeneigte Personen wirken". Das BKA setzte darum schon am selben Tag den Alarmplan für "Sofortmaßnahmen bei terroristischen Ereignissen im Ausland" in Gang. Aus "taktischen Gründen" sollen Einzelheiten nicht bekannt werden, doch dazu zählt das Naheliegende: ermitteln, wo sich islamistische Gefährder aufhalten, verdeckte Kontrollen über V-Leute, Telefon- und E-Mail-Überwachung und natürlich Observationen.

Vor allem die Beschattung bindet Unmengen Personal. Für die lückenlose Komplettüberwachung eines einzigen Islamisten seien bis zu 25 Beamte nötig, heißt es in Sicherheitskreisen. Der Bund der Kriminalbeamten schätzt, dass allein zur vollständigen Überwachung der 180 Syrien Rückkehrer 3600 Beamte nötig wären. Das Innenministerium gibt zu, eine solche "Betreuungsquote" sei illusorisch. Der Sicherheitsapparat stößt an seine Grenzen. Es sind einfach zu viele Verdächtige.

"Ich möchte mich für meine Taten aufrichtig entschuldigen. Ich möchte mich ändern", hatte Fatih K. in seinem Schlusswort gesagt, bevor ihn der Richter zu einem Jahr und zehn Monaten Haft verurteilte. Das war vor vier Jahren. Der Kreuzberger Türke hatte die "Deutschen Taliban Mudschaheddin" in Waziristan mit Geldspenden unterstützt. Seit vergangenem Donnerstag steht der sechsfache Familienvater in Berlin erneut vor Gericht. Diesmal geht es um mehr: Die Bundesanwaltschaft wirft dem 36-Jährigen die Mitgliedschaft in der ausländischen Terrorvereinigung "Dschunud al-Scham" (Soldaten Syriens) und die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat vor.

Entgegen all seinen Beteuerungen soll Fatih K. schon kurz nach der Haftentlassung im Juni 2013 nach Syrien gereist sein, eine paramilitärische Ausbildung absolviert und mit der Kalaschnikow in der Hand an Kämpfen teilgenommen haben. Nur drei Monate später war er zurück. Er müsse "etwas erledigen", habe ein anderer Berliner Dschihadist in einem Telefongespräch gesagt, das die Behörden abgehört hatten.

Bis heute scheint unklar, was genau damit gemeint gewesen ist. Die Werbung neuer Kämpfer? Gar ein Anschlag? Sicher ist nur: Es gibt viele Fatih Ks. So viele, dass es unmöglich wäre, sie alle lückenlos zu überwachen. Denn nicht nur die Rückkehrer gelten als potenziell gefährlich. Was ist mit jenen, deren Ausreise man verhindern konnte? Was mit jenen, die sich still und leise radikalisierten? Die man bislang gar nicht auf dem Radar hat, weil sie sich manchmal binnen weniger Monate vom unauffälligen jungen Mann zum Gotteskrieger wandeln.

Von Dippoldiswalde in den heiligen Krieg

So wie Max P., 19, und Samuel W., 21, zwei frisch Konvertierte aus dem sächsischen Dippoldiswalde, die im vergangenen September plötzlich verschwanden, vermutlich nach Syrien. Natürlich hielten auch sie in den Monaten zuvor engen Kontakt in eine Szene, die unter besonderer Beobachtung der Sicherheitsbehörden steht: Salafisten, radikale Islamisten, die alles Westliche ablehnen und streng nach den Regeln des Koran und den Gebräuchen der Gefährten Mohammeds leben. Nicht jeder Salafist wird automatisch Terrorist, aber praktisch jeder Islamist, der in den vergangenen Jahren aus Deutschland in den Dschihad zog, der Anschläge plante oder gar als Selbstmordattentäter endete, stand in Verbindung zu dieser radikalen Szene. 7000 werden ihr inzwischen allein in Deutschland zugerechnet. Und es werden stetig mehr. Weil Salafisten stetig "Da'wa machen" - missionieren, neue Anhänger werben, bei kostenlosen Koranverteilungen in Fußgängerzonen, im Umfeld radikaler Moscheen, sogar vor Schulen.

"Kontaktaufnahme mit anschließender Freundeskreisverengung", beschreibt ein Verfassungsschützer das Vorgehen der Salafisten. Beziehungen zur Außenwelt sollen langsam veröden, so lange, bis die islamistische Gruppe der einzig verbleibende Bezug zur Welt ist. Hier findet man Halt und klare Regeln, hier bekommt ein bislang oft verkorkstes Leben plötzlich einen Sinn – im schlimmsten Fall den, für die Ehre des Propheten zu sterben wie die Brüder Kouachi in Paris. Der Wahn der Dschihadisten.

Der Bürgerkrieg in Syrien und im Irak hat unter Muslimen auch in Deutschland eine beispiellose Radikalisierung entfacht. Seit der Ausrufung des sogenannten Islamischen Staates wächst die Zahl der potenziellen Gotteskrieger. "Die sind angebrütet und kriegen jetzt mithilfe der IS-Propaganda den letzten Schliff", klagte ein hoher Sicherheitsbeamter im Herbst gegenüber dem stern.

Videos vom heldenhaften Kampf

Die Propaganda wirkt – vor allem die weltweit verbreitete Propaganda via Facebook, Twitter und Youtube. Als "Social Jihad" bejubelte ein Medienexperte des al-Qaidanahen "Sham-Center" die neuen Möglichkeiten des Internets: "Wo auch immer du auf der Welt dich befindest, kannst du hautnah dabei sein." Und so flimmern ihre Videos zu Tausenden auch in die Jugendzimmer von Dinslaken oder Kempten.

Martialische, theatralische und brutale Videos, die unter radikalen jungen Männern Kultstatus genießen. Videos, in denen deutsche Dschihadisten vom heldenhaften Kampf berichten. Videos, in denen Denis Cuspert - früher Berliner Gangster-Rapper namens "Deso Dogg", heute IS-Kämpfer namens Abu Talha al-Almani - seine Kampflieder vorträgt. Mit leiernder Stimme singt er: "Ich zünd die Bombe inmitten der Menge, drück auf den Knopf, al-Dschanna, al-Dschanna."

Perfide Pläne für maximale Wirkung

Dabei, das haben die Anschläge von Paris leidvoll bewiesen, braucht es nicht einmal Bomben, um Europa in Angst und Schrecken zu versetzen: Zwei Sturmgewehre reichen. Das Vorgehen der Brüder Kouachi entspreche dem von "terroristischen Organisationen propagierten Trend in der Anschlagsausübung in westlichen Staaten", heißt es in einem aktuellen BKA-Bericht. Dieser Trend ist der Albtraum der Sicherheitsbehörden: Es geht längst nicht mehr um komplizierte Terrorplots à la 9/11, sondern um vergleichsweise einfach durchzuführende Überfälle. Wenig Logistik, wenig Kommunikation, wenig Gefahr aufzufallen - und maximale Wirkung.

"Wir haben uns auf eine neue Art von Terrortaten einzustellen, auf Einzeltäter, Kleinstgruppen, die ohne große Planung Schrecklichstes vielleicht auch spontan tun", warnte kürzlich der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes Torsten Voß. Vor allem "Lone Offender" lassen sich kaum stoppen. Die "Süddeutsche Zeitung" zitierte dieser Tage einen hochrangigen deutschen Sicherheitsbeamten: "Wenn bei uns etwas passieren sollte, wird es vermutlich ein Einzeltäter sein, der durchgeknallt ist - und wir werden ihn kennen."

Der Apparat läuft auf Hochtouren. Seit dem Pariser Anschlag prüfen Fahnder erneut jedes Detail ihrer Ermittlungen, suchen nach Querverbindungen, nach Hinweisen, die man womöglich übersehen hat, observieren Verdächtige. Und so ist die Verhaftung des Dinslakener Dschihadisten Nils D. zum jetzigen Zeitpunkt vor allem eines: ein Zeichen der Macht des deutschen Staats. Ein Zeichen der Macht in Zeiten der Ohnmacht.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker