HOME

Terrorist aus Venezuela: "Carlos der Schakal" muss erneut vor Gericht

Vor 30 Jahren soll der Terrorist "Carlos" elf Menschen bei Anschlägen in Frankreich getötet haben. 2011 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, nun wird der Fall noch einmal untersucht.

Rund 30 Jahre nach einer Anschlagsserie mit elf Toten wird in Frankreich der Prozess gegen den Terroristen "Carlos" neu aufgerollt. Ein Berufungsgericht in Paris wird ab Montag die lebenslange Haftstrafe prüfen, die gegen den heute 63-jährigen Venezolaner im Dezember 2011 verhängt worden war. Auch der Freispruch für die Deutsche Christa Fröhlich, die nach Ansicht der Staatsanwaltschaft als Komplizin bei einem der Attentate dabei war, wird noch einmal unter die Lupe genommen.

In dem Verfahren geht es um vier Anschläge in den Jahren 1982 und 1983, mit denen "Carlos der Schakal", der mit richtigem Namen Ilich Ramírez Sánchez heißt, seine damalige deutsche Ehefrau Magdalena Kopp und einen Komplizen aus französischer Haft freipressen wollte. Die erste Bombe, die fünf Menschen tötete, explodierte im Zug "Le Capitole" zwischen Paris-Toulouse. Es folgten Anschläge auf das Büro der arabischen Zeitung "Al Watan", den Bahnhof von Marseille und einen TGV-Schnellzug.

Symbolfigur des internationalen Terrorismus

"Ich bin Berufsrevolutionär", hatte der für seine exzentrischen Äußerungen berühmt-berüchtigte Venezolaner im November 2011 zum Prozessauftakt in Paris verkündet. Sein Image als einstige Symbolfigur des internationalen Terrorismus machten frühere Weggefährten vor dem Gericht aber zunichte: Als skrupellosen Söldner, der für Geld jeden Auftrag angenommen habe, beschrieb ihn der deutsche Ex-Terrorist Hans-Joachim Klein. Klein war 1975 am Überfall auf die OPEC in Wien mit drei Toten beteiligt gewesen, später sagte er sich vom Terrorismus los.

In dem Verfahren im Jahr 2011 hatte sich "Carlos" erstmals wegen des Vorwurfs des Terrorismus vor einem Pariser Sondergericht verantworten müssen. Zuvor war er bereits 1997 wegen der Ermordung von zwei Geheimdienstagenten und eines V-Manns zu lebenslanger Haft in Frankreich verurteilt worden. Seit 1994 sitzt er dort im Gefängnis. Sein einstiger Stellvertreter, der Deutsche Johannes Weinrich, der in Berlin wegen des Anschlags auf das französische Maison de France inhaftiert ist, wurde in erster Instanz in Abwesenheit ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt. Das gleiche gilt für den Palästinenser Ali Kamal al Issawi, der untergetaucht ist.

Christa "Heidi" Fröhlich wurde freigesprochen

Als einzige der vier Angeklagten wurde die Deutsche Christa Fröhlich in erster Instanz freigesprochen. Die auch unter dem Decknamen "Heidi" bekannte Frau lebt in Deutschland und blieb dem Prozess fern. Die Staatsanwaltschaft ging gegen den Freispruch in Berufung, weil sie der Ansicht ist, dass die heute über 70-Jährige an dem Anschlag auf die Zeitung "Al Watan" beteiligt war. Voraussichtlich wird Fröhlich auch dieses Mal nicht am Prozess teilnehmen.

"Carlos" wiederum hatte seine Verurteilung zu erneuter lebenslanger Haft angefochten. Er sprach von einem "schludrigen Prozess", in dem "Propaganda" gegen ihn und "die palästinensische Sache" gemacht worden sei. In einem rund fünfstündigen Monolog kurz vor der Urteilsverkündung verlas er unter anderem ein Dokument, das er als "Testament" des inzwischen getöteten libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi präsentierte. "Es lebe die Revolution!", rief er mit erhobener Faust aus und "Allah Akbar!". Es gebe aber "nichts", was ihn mit den vier Anschlägen in Frankreich in Verbindung bringe.

Zum Prozessauftakt hatte sich "Carlos" in einem Interview noch gebrüstet, er sei für insgesamt rund hundert Anschläge mit "zwischen 1500 und 2000 Toten" verantwortlich. Als Terrorist sah sich der Venezolaner allerdings nie - vielmehr als Freiheitskämpfer: "Wie Lenin. Wie Stalin. Wie Trotzki. Das sind professionelle Revolutionäre", sagte er einst dem stern. Seine Anwältin Isabelle Coutant-Peyre, die auch seine dritte Ehefrau ist, hatte für ihn daher nicht nur Beschwerde gegen das "Skandal"-Urteil eingelegt. Sie kündigte auch einen Antrag auf Rückführung von "Carlos" in seine Heimat Venezuela an.

juho/Christine Pöhlmann, AFP / AFP