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Terroristen in Europa: Sie sind unter uns

Attentate in Paris, Ausnahmezustand in Brüssel, Terroralarm in Hannover - Europa in Angst. Die Glaubenskrieger des "Islamischen Staats" haben Deutschland längst ins Visier genommen.

Von Jan Rosenkranz

Die Terroristen, die für die Anschläge in Paris verantwortlich waren und sind, kamen einst aus der Mitte der Gesellschaft

Die Terroristen, die für die Anschläge in Paris verantwortlich waren und sind, kamen einst aus der Mitte der Gesellschaft

Sie stehen in Splitterschutzwesten vor den Ruinen des antiken Palmyra, ein pummeliger Österreicher mit wehendem Haar und ein Deutscher mit schwarzer Wollmütze. "Greift die Kuffar an, in ihren eigenen Häusern! Tötet sie dort, wo ihr sie findet!", spricht der deutsche Dschihadist in die Kamera. Die Behörden identifizieren ihn wenig später als Yamin A.-Z., ein 28-jähriger Islamist aus dem beschaulichen Königswinter bei Bonn. Der Dicke, ein altbekannter IS-Propagandist namens Mohamed Mahmoud, droht mit "Rache" für die deutschen Waffenlieferungen an kurdische Peschmerga. "Ein großes Messer genügt."

Dann heben beide ihre Sturmgewehre und zielen auf zwei syrische Regierungssoldaten, die vor ihnen auf dem Boden knien. Die Islamisten lachen - und schießen. Ein Österreicher. Ein Deutscher.

Zu Hause ein Opfer des IS geworden

Der Dschihad kennt keine Grenzen mehr. Westeuropäer morden mit im Nahen Osten. Und werden daheim zu Opfern des "Islamischen Staats". Während Paris noch um 130 Menschenleben trauert, gestorben im Kugelhagel, getötet durch Selbstmordattentäter, erstarrt Brüssel in höchster Terrorgefahr. Tagelang steht das Leben still.

 Gepanzerte Fahrzeuge auf der Grand-Place, alle U-Bahnhöfe und Schulen geschlossen, ganze Straßenzüge abgeriegelt - keine zwei Autostunden von der deutschen Grenze entfernt sucht die Polizei nach Salah Abdeslam, dem wohl letzten lebenden Attentäter von Paris. Hält er sich in Brüssel versteckt? Oder ist er längst ins Ausland geflohen? Abdeslam habe Verbindungen nach Aachen, heißt es, im September soll er im Auto bis nach Österreich gefahren sein, quer durch Deutschland. Auch der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, soll in den vergangenen Jahren mehrfach in Deutschland gewesen sein.

Irak warnte Deutschland

Die Islamistenszene ist europaweit vernetzt. So scheint längst nicht mehr die Frage zu sein, ob auch in Deutschland ein islamistischer Anschlag bevorsteht, sondern: wann? Und: wo?

Wenn die Beamten im "Gemeinsamen Internetzentrum" (GIZ) von BKA und den drei deutschen Geheimdiensten in Berlin-Treptow das Netz durchforsten, finden sie nicht nur Filme, in denen enthauptet, gesteinigt oder sonst wie gemordet wird. Immer öfter stoßen sie auf Videos, die eindeutige Drohungen enthalten. Sie spüren, wie die Signale immer deutlicher werden, immer konkreter. Signale, die nicht anders zu verstehen sind, als dass der Heilige Krieg und das kranke Morden nach Deutschland getragen werden sollen.

Selten waren die Hinweise so konkret wie vor dem Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Holland, das am 17. November in Hannover stattfinden sollte. Bis kurz vor dem Anpfiff hatten sie sich zur konkreten Terrorgefahr verdichtet. Bereits unmittelbar nach den Pariser Anschlägen hätte ein deutscher Geheimdienst erste Warnungen aus dem Irak erhalten, sagt ein Insider dem stern. Die Quelle sprach von einem Anschlag nach dem gleichen Muster wie in Paris, aber sie blieb unkonkret.

 Als sich am Montag und am Dienstag ein israelischer Geheimdienst mit detaillierten Informationen meldete, waren die Deutschen elektrisiert: fünf Angreifer, fünf Sprengsätze, drei davon im Stadion, einer an einer Bushaltestelle, einer am Bahnhof. Sogar Namen der mutmaßlichen Attentäter hatten die Deutschen laut Medienberichten erfahren. Angeblich war ihnen kein einziger bekannt. Fünf unbeschriebene Blätter, die fünf Mal den massenhaften Tod nach Hannover bringen wollten. Man fahndet noch immer nach der Gruppe.

"Kreuzfahrer-Nation"

Dass auch Deutschland im Fadenkreuz der Terroristen des "Islamischen Staats" liegt, davor warnen die Behörden seit Monaten. Für den IS ist auch die Bundesrepublik eine "Kreuzfahrer-Nation", wie es im Bekennerschreiben zu den Anschlägen von Paris heißt. Der Angriff vom 13. November hat die Sicherheitsbehörden in Alarmstimmung versetzt. Allen Vorahnungen zum Trotz stellen die Anschläge auch für die deutsche Terrorabwehr eine Zäsur dar. Holger Münch, Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), spricht von einer "neuen Qualität des islamistischen Terrorismus in Europa". Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen bereitet vor allem das Vorgehen der Angreifer Sorgen, weil "wir es in Paris mit einem Parallelangriff zu tun hatten, einer sogenannten Mumbai-Style-Attacke, und mit Selbstmordattentätern".

Der Ablauf der Pariser Anschläge passt nicht ins Gefahrenbild, das sich die deutschen Experten bisher gemacht hatten. Hierzulande rechnete man vor allem mit Attacken "einsamer Wölfe". Mit Tätern wie Arid Uka, der 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschossen hat. Oder wie Mehdi Nemmouche, der Syrien-Rückkehrer, der 2014 im jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen hingerichtet hat. Maaßen hatte dieses Muster im stern-Interview kürzlich noch so erklärt: "Immer öfter werden Schusswaffen eingesetzt, weniger Sprengsätze. Es sind immer wieder einzelne Täter." Nach Paris warnt er nun vor "Terrororganisationen", die sich "mitten in unseren Städten" bilden. Die einsamen Wölfe haben Rudel gebildet.

Im August ging auch das Bundesinnenministerium noch davon aus, "dass der IS im Bundesgebiet derzeit über keine operativ handlungsfähigen, hierarchisch organisierten Strukturen verfügt", wie es in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag heißt. "Demzufolge wird den Drohungen des IS gegen die Bundesrepublik aktuell noch eine eher geringere gefährdungsrelevante Bedeutung beigemessen." Heute würde die Antwort sicher anders ausfallen.

Kaum Gewissheiten im Kampf gegen den Terror

Es gab nie viele Gewissheiten im Kampf gegen den Terror. Der Nebel lichtet sich immer nur kurz, und das leider meist erst nach Anschlägen. Die Behörden gehen davon aus, dass in Deutschland 43.000 Personen zur islamistischen Szene gehören, knapp 8000 von ihnen zur radikalen Strömung der Salafisten. Das BKA zählt 427 sogenannte Gefährder, denen man jederzeit schwere, politisch motivierte Straftaten zutraut. In Frankreich sind es 4000 - zehnmal mehr. Bisher sind 750 Personen aus Deutschland in den Dschihad des IS nach Syrien und in den Irak ausgezogen - aus Frankreich doppelt so viele; aus Belgien, gemessen an der Einwohnerzahl, sogar europaweit die meisten. Aber Statistik schützt nicht vor Terror. Und Paris hat gezeigt: Für einen verheerenden Angriff reicht eine Handvoll Radikaler, die bereit sind, im Kampf zu sterben.

Es hilft wenig, darauf zu vertrauen, dass es kein deutsches Molenbeek gibt - kein so berüchtigtes Terrornest wie diesen Brüsseler Stadtteil, aus dem auch drei der Pariser Attentäter stammten. Nein, in Deutschland gibt es kein Molenbeek. Es gibt viele kleine Molenbeeks. Man findet sie in Solingen, Wolfsburg, Bonn-Tannenbusch, Berlin-Neukölln - oder Dinslaken. Genauer: Dinslaken-Lohberg.

Es ist ein unscheinbarer Ortsteil dieser kleinen Stadt am Rande des Ruhrgebietes. Zechensiedlung, Kumpelmilieu, von den 6000 Einwohnern viele mit alten Wurzeln in anderen Ländern. Aus dieser kleinen urbanen Ödnis haben sich im Laufe der vergangenen Jahre 13 junge Männer dem IS angeschlossen. Dreizehn. Der Kern der Lohberger Islamisten-Zelle soll 25 Mann umfasst haben. "Es waren unsere Brüder, coole Jungs", sagt Dursun, ein junger Mann, der aus Langeweile jeden Tag auf dem Marktplatz sitzt. Er kannte sie alle, bevor sie traurige Berühmtheit erlangten: Mustafa K., der feixend mit zwei abgehackten Köpfen vor der Kamera posiert, als wären sie Trophäen. Philip B., der in Kampfmontur vom Krieg gegen die ungläubigen "Kuffar" schwärmt, bevor er sich im Nordirak als Selbstmordattentäter in die Luft sprengt. Sieben der coolen Lohberger Jungs sind inzwischen tot. Trotzdem musste die Polizei erst vor einigen Wochen einem Jugendlichen den Pass abnehmen. Seine Eltern hatten sich an die Behörden gewandt und um Hilfe gebeten. Ihr Sohn wollte nach Syrien.

Viele kehren mit Kampferfahrung aus Syrien nach Deutschland zurück

Manchmal, gibt Dursun zu, habe er selbst mit dem Gedanken gespielt, runterzugehen. Ihn hält wenig in Deutschland. Genauer: Ihn hält nichts. "Keinen Job, keine Freunde mehr, Stress mit der Familie. Was soll ich noch hier?" Doch dann habe er sich immer wieder anders entschieden. Weil er irgendwie nicht mehr durchblickte, wer in Syrien eigentlich gegen wen kämpft. Weil inzwischen sechs der Ausreiser zurückgekehrt sind - enttäuscht und desillusioniert, zumindest vier von ihnen. Sie werden eng betreut, haben einen Job, zwei sollen sogar geheiratet haben. Einer sitzt noch in Karlsruhe in Haft, er will aussagen. Nur der sechste sei "nicht kooperationswillig", wie es heißt.

Jeder dritte Syrien-Reisende sei inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt, mindestens 70 von ihnen mit Kampferfahrung, einige womöglich sogar mit einem Kampfauftrag, vermutet der Verfassungsschutz. Die Hälfte dieser Rückkehrer sei weiterhin im islamistischen Milieu aktiv. Dort werden sie zum Teil wie Helden verehrt. Niemand kann sicher sagen, welche Gefahr von ihnen ausgeht. Gegen viele ermittelt der Generalbundesanwalt, sie haben Meldeauflagen, ihr Pass wurde eingezogen. Und weil man sie nicht einfach so wegsperren kann, werden sie nun stärker als sonst „unter Wind“ genommen, wie es im Jargon der Geheimdienste heißt. Das gilt auch für bekannte Rechtsextremisten, von denen man befürchtet, sie könnten ihrerseits zu "Resonanzstraftaten" schreiten - als direkte Reaktion auf islamistischen Terror. "Wir wollen die Gefährderszene verunsichern, damit klar ist, dass wir als Sicherheitsbehörden wachsam sind", sagt Innenminister Thomas de Maizière.

Viele Islamisten haben dieser Tage Besuch erhalten zwecks "Gefährderansprache" , manchmal sogar in Begleitung eines Sondereinsatzkommandos, wie vergangenen Dienstag eine Salafisten-Gruppe in Hildesheim. Doch für eine Rundum-die-Uhr-Beschattung eines einzigen Islamisten sind bis zu 30 verdeckte Ermittler nötig. Das ist für die Behörden längst nicht mehr zu leisten. Allein bei der Bundespolizei seien in diesem Jahr schon 900.000 Überstunden angefallen.

Wie und wer soll überwacht werden?

"Die große Frage ist immer, ob wir die richtigen Leute zur richtigen Zeit mit der richtigen Intensität überwachen", sagt ein hochrangiger Sicherheitsbeamter. Man könne auch nie ausschließen, dass man Leute noch gar nicht auf dem Radar habe, weil sie konspirativ agieren, wie mutmaßlich jene unbekannte Zelle von Hannover. Oder weil sie sich völlig unauffällig radikalisieren.

Das zeigt das Beispiel des 28-jährigen Walid D. aus Kassel. Im September vorigen Jahres durchsuchte die Polizei seine Wohnung, es ging um Drogen. Doch neben einer größeren Menge Amphetamin fand die Polizei eine Pistole, Typ Ceska 27, eine Kalaschnikow samt Munition, eine schusssichere Weste und eine Fahne des IS. Die Beamten waren schockiert. Bis zu diesem Tag hatte niemand geahnt, dass Walid D. weniger Dealer ist als vielmehr Dschihadist. Dass er im Herbst 2013 in den Kampf nach Syrien gezogen und später wieder zurückgekehrt war.

Es sind Jungs wie Walid D., Jungs wie Ahmet C., unauffällige Jungs aus der unauffälligen Provinz, die die Behörden in Atem halten. Ahmet C. stammte aus Ennepetal, einem kleinen Ort bei Wuppertal. Ein normaler 21-Jähriger, der Fußball spielte, auf Partys ging, Schlag bei den Mädchen hatte. Und plötzlich: ein Salafist im langen Gewand, der keinen Alkohol mehr trank und immer radikaler wurde, bis er im Sommer 2014 verschwand. Nur wenige Wochen später jagte er sich im Auftrag des IS an einem Checkpoint am Rande von Bagdad in die Luft. 

 

"Religiöse Analphabeten"

"Es kann der Sohn eines Polizisten sein oder die Tochter eines Lehrers", sagt der Pädagoge Thomas Mücke vom "Violence Prevention Network". Angesprochen würden all die "religiösen Analphabeten". Mücke berichtet von einem 17-Jährigen auf religiöser Sinnsuche. In der Moschee habe man seine Fragen nicht beantworten können, aber die jungen Männer, die davor lungerten, luden ihn ein in private Räume, zu Koranlesungen. Salafisten. Er fasste Vertrauen, fühlte sich wohl, ernstgenommen und auserwählt. Von ihnen hörte er: Ein wahrer Muslim dürfe nicht in einem säkularen Staat leben. Muslime würden dort diskriminiert.

Dann zeigten sie ihm Fotos und Videos von Kriegsgräuel, Tod und Vergewaltigungen – begangen von Feinden der "Umma", der weltumspannenden Gemeinschaft aller Muslime. Sie sagten immer wieder: Du schläfst hier unter deiner warmen Decke, während deine Brüder und Schwestern leiden. Sie forderten, er solle Freunde und Familie missionieren oder den Kontakt abbrechen. Wenn er Fragen stellte, sagten sie nur: "Mach, was man dir sagt." Es dauerte ein Jahr, dann reiste er in den Irak.

"Kontaktaufnahme mit anschließender Freundeskreisverengung", nennt ein Verfassungsschützer dieses Vorgehen. In den kleinen Gruppen finde eine regelrechte Gehirnwäsche statt. Nicht alle enden als Dschihadisten, aber auffallend viele Gotteskrieger entstammen diesen Zirkeln. Auffallend viele haben, bevor sie in ihren "heiligen Krieg" gezogen sind, in Fußgängerzonen kostenlos den Koran verteilt. "Lies!" heißt das Projekt, geleitet vom Prediger Ibrahim Abou-Nagie, dem Verbindungen zu den "Kofferbombern" nachgesagt werden. In einem Propagandavideo des IS, das Kämpfer im nordirakischen Kobane zeigt, sind Rücksäcke mit „Lies!“-Logo zu sehen. Die Kampagne gilt als wichtigstes Rekrutierungsinstrument der Salafisten. Reihenweise konvertieren junge Menschen an ihren Ständen zum Islam. "Da'wa" nennen sie ihre Mission, was übersetzt "Aufruf" heißt.

Es wird viel gemeinsam gebetet. Aber nur selten in offiziellen Moscheen. Die meisten Salafisten haben dort seit Jahren Hausverbot. Also trifft man sich in Hinterhöfen, in Wohnzimmern oder Kampfschulen, auf Grillfesten oder in Imbissläden. Das "Medina" in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs ist so ein Treffpunkt der bärtigen Männer. Bekannte Salafisten-Prediger wie Pierre Vogel gehen ein und aus. Auch Syrien-Reisende, wie die Lohberger Philip B. und Mustafa K., kamen früher oft auf einen Döner vorbei. Dursun hatte sie einmal begleitet. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie Mustafa die Da’wa-Anhänger als Weicheier beschimpfte, wie sie gemeinsam darüber lachten und dann in den Keller stiegen, wo der Gebetsraum liegt.

Paris war nur der Anfang

Es sind diese Hinterzimmer, in denen die Glaubensbrüder Kontakte knüpfen, wo man Nummern und Adressen tauscht, wo man sich einlädt in andere Hinterzimmer, in denen sich exklusivere Kreise treffen. Allein in Nordrhein-Westfalen soll es etwa 40 salafistische Verbindungen geben. Es ist ein Netz, das sich quer durch Europa zieht, seine Fäden verbinden Solingen mit Brüssel oder London, sie reichen bis nach Raqqa und Mossul, ins Herz des IS.

Die deutschen Kämpfer des IS dürfen jederzeit über Skype Kontakt mit ihrer alten Heimat aufnehmen, sagt Mathias R. Seit zwei Jahren recherchiert der junge Mann für ein Buch über die deutschen Rekruten, bis zur Veröffentlichung will er unerkannt bleiben. Er war selbst für einige Wochen in Lagern des IS, kennt viele der Kämpfer persönlich, mit einigen steht er in Kontakt, sofern das Internet es zulässt. Seit den Luftangriffen ruckelt das Bild, manchmal bricht die Verbindung ab. Doch es reicht, um miteinander zu sprechen. Ihre "Wut auf die westliche Welt" sei gewaltig, sagt Mathias R., ihr "Hass auf diese Gesellschaft, in der sie nicht mithalten konnten". Er ist sicher, dass sich einige von ihnen auf den Rückweg machen werden. "Es gibt dort unten genug Leute, die bereit sind, Anschläge in Deutschland zu verüben."

Vielleicht waren Paris und Brüssel erst der Anfang einer neuen, lang anhaltenden Terrorserie. Vielleicht steht Europa wirklich "am Beginn einer neuen Welle des Terrorismus, die uns noch eine Generation lang beschäftigen wird", wie der Terrorforscher Peter R. Neumann prophezeit. Man muss in jedem Falle davon ausgehen, dass weitere Zellen längst weitere Taten planen. Die Pariser Attentäter haben bewiesen, dass sie es schaffen können, unentdeckt zu bleiben bis zum Moment der Tat. Nicht nur die gut ausgerüsteten französischen Dienste, sogar die allwissende NSA hat die Planungen nicht bemerkt.

IS kommuniziert im Geheimen

Der Grund dafür findet sich vielleicht in einem 34-seitigen IS-Handbuch, das kürzlich im Netz aufgetaucht ist. Es enthält eine Liste mit mehr als 100 Smartphone-Apps, mit deren Hilfe Dschihadisten anonym und verschlüsselt kommunizieren sollen, um dem Radar der Geheimdienste zu entgehen. Statt Whatsapp sollen die IS-Kämpfer FireChat benutzen, statt Twitter besser Telegram. Und: Finger weg von Facebook.

Auch den deutschen Behörden ist dieser Trend bereits aufgefallen. Seit einem Jahr falle es immer schwerer, das "Grundrauschen" einzufangen, sagt ein hoher Sicherheitsbeamter. Grundrauschen - was so harmlos nach Strand und Meer klingt, ist das Grummeln in der Szene. Es sind abgefangene Nachrichten, belauschte Telefonate, Hinweise eigener Quellen oder ausländischer Partner, die wie Treibgut im Netz der Dienste landen.

Was relevant erscheint, landet auf dem langen Konferenztisch im "Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum" (GTAZ) in Berlin, wo täglich Vertreter aller Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern das gemeinsame Vorgehen beraten. Meist handelt es sich nur um vage Andeutungen oder Gerüchte. Sie brauchen Fakten. Darum sind Ermittler im ganzen Land unterwegs. Sie verfolgen Spuren und suchen nach Verbindungen. Sie überprüfen auch jene Meldungen, die nach Paris in völlig neuem Licht erscheinen.

Für wen waren die Waffen bestimmt, die der Kurier aus Montenegro in seinem Wagen transportierte, als er wenige Tage vor dem Attentat zufällig bayerischen Schleierfahndern ins Netz ging? Wer fuhr die Autos mit belgischen Kennzeichen, die regelmäßig vor Moscheen in Aachen, Oberhausen oder Herford parkten? Die Ermittler müssen auch der Frage nachgehen, ob der Algerier Abdelhamid B. mehr als nur ein Spinner ist.

Der 39-Jährige hatte in der Woche vor den Anschlägen in einer Flüchtlingsunterkunft im sauerländischen Arnsberg gegenüber einigen Syrern damit gedroht, dass "am Freitagabend in Paris etwas Schlimmes" passieren werde. In einem braunen Lederetui, das der Heimleiter später auf dessen Spind entdeckte, fand sich in arabischer Schrift eine kryptische Notiz: "Ali Baba 4, 13.11. Paris". Inzwischen sitzt der Mann in Haft, der Generalbundesanwalt hat den Fall übernommen.

Bloß keine Hinweise ignorieren

Sicher ist sicher. Niemand will sich nachsagen lassen, er habe Hinweise ignoriert. Das ist das Dilemma, in dem sich die Verantwortlichen befinden. Sie sollen die Öffentlichkeit beschützen, ohne sie zu verunsichern. Die Bürger sollen wachsam bleiben, aber nicht in Panik verfallen.

16 Mal mussten die Bombenspezialisten der Berliner Polizei allein in der vergangenen Woche aus rücken: "Verdacht USBV" - unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung. Ein Koffer am Gendarmenmarkt, eine Fahrradtasche am Finanzministerium – überall entdecken besorgte Bürger verdächtige Gegenstände.

Sie sind verunsichert. Sie fragen sich, ob sie noch gefahrlos den Weihnachtsmarkt besuchen oder ins Stadion gehen können. Als Antwort hören sie von den Behörden: Wir tun, was wir können. Aber ist das genug?

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius sagt, es gebe zwei Möglichkeiten, mit der schwelenden Terrorgefahr umzugehen: "Entweder man lässt das öffentliche Leben zum Erliegen kommen oder man fängt an, mit einer gewissen Bedrohung zu leben." Engländer und Franzosen müssten das seit Jahren. "Wir fangen erst an, das für uns zu realisieren."

Dieser Artikel ist bereits im stern-Magazin Nummer 49 erschienen.