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The World's Most Wanted: Der weiße Schopf des Grauens

19 Menschen soll er auf dem Gewissen haben, seine Widersacher schaltete er ebenso aus wie gefährliche Verbündete. James "Whitey" Bulger beherrschte die Unterwelt von Boston - auch dank der Hilfe des FBI. Seit 1994 ist er auf der Flucht.

Von Tim Farin

Howie Carr erinnert sich noch gut daran, wie der Großkriminelle sich feiern ließ, wie er seinen Freunden und Bekannten zuwinkte. Draußen vor seinem Spirituosen-Geschäft an einem der belebtesten Kreisverkehre Bostons, stand James "Whitey" Bulger, ein athletischer Mann mit Sonnenbrille und der Haltung, wie sie ein Lokalpolitiker nach Urnenschluss am Wahltag einnimmt. Das bleibt als Erinnerung an den Großmeister der Unterwelt, so hat es sich dem preisgekrönten Journalisten Carr eingebrannt: "Ich und alle anderen, die vorbeifuhren, wussten, dass dieser Kerl ein Serienkiller war, ein Kokain-Dealer und ein mächtiger Gangster, und dass niemand daran auch nur das Geringste ändern konnte", sagt er zu stern.de.

Die letzte sichere Spur im Jahr 2002

Seit dem Tag vor Heiligabend 1994 ist James Bulger flüchtig. Seine letzte gesicherte Spur hinterließ er 2002 in der Nähe des Piccadilly Circus in London. "Whitey", wie er wegen seines weißblonden Haars genannt wird, bleibt einer der meistgesuchten Kriminellen der Welt, sein Gesicht prangt auf der Liste der "Top Ten Fugitives" der amerikanischen Bundesbehörde FBI. Bulger machte eine angsteinflößende Karriere in den Gangs seiner Heimatstadt Boston, stieg auf zum Herrn über schwarze Märkte und lieferte Widersacher ans eigene Messer oder die Justiz. Zur Last gelegt werden ihm 19 Mordfälle, illegale Geschäftemacherei, Drogenhandel und Geldwäsche. Eine Million US-Dollar zahlt das FBI in Washington für sachdienliche Hinweise. Im vergangenen Jahr schien man Bulger tatsächlich gemeinsam mit seiner Freundin auf Sizilien erblickt zu haben, es gab Privataufnahmen von einem greisen Paar beim Urlaubsspaziergang. Das FBI hatte keinen Zweifel und schickte die Bilder in alle Welt. Auch die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY…ungelöst" strahlte sie im Frühjahr aus. Und es meldete sich jemand - allerdings nur ein Familienangehöriger eines irritierten deutschen Paars, das auf dem Bild zu sehen war. Diese Spur hatte sich als peinlicher Irrläufer herausgestellt.

Auch die Vorgeschichte der Fahndung ist peinlich für die staatlichen Kriminalitäts-Bekämpfer in den USA, wie der Journalist und Buchautor Howie Carr zusammenfasst: "Die Lehre lautet: Wenn man jemandem 20 Jahre Zeit gibt, um sich auf seine Flucht vorzubereiten, und wenn man ihm erlaubt, Millionen in Bargeld in aller Welt zu verstecken, ihm dann auch noch 18 Monate Vorsprung gibt, während man nicht richtig nach ihm sucht, dann ist es ziemlich wahrscheinlich, dass er dem Fangnetz entkommt." Seinen Aufstieg zum König der Kriminellen in Boston hat Bulger ebenso wie seine bislang erfolgreiche Flucht auch der Hilfe der Cops zu verdanken.

Sein Leben der Kriminalität gewidmet

Bulger, 78, hat sein Leben der Kriminalität gewidmet. Der irischstämmige Sohn eines Hafenarbeiters und einer Hausfrau aus dem nordöstlichen US-Bundesstaat Massachusetts riss schon als Zehnjähriger von zu Hause aus. Zuvor soll er als Schuljunge sexuell missbraucht worden sein, so berichtet Howie Carr in seinem Buch "The Brothers Bulger". Seine erste Festnahme erlebte er als 14-Jähriger wegen eines Diebstahls, von 1943 bis 1948 saß er in einem Erziehungsheim. Richtig in die Kriminalität stieg er in den 50er Jahren ein, als er nicht nur einen Laster mit alkoholischen Getränken ausraubte, sondern sich einer Bande anschloss, die mehrere Banken ausraubte. Bulger wurde festgenommen und 1956 zu 25 Jahren verurteilt.

Neun Jahre auf der Gefängnisinsel Alcatraz

Während seines drei Jahre langen Aufenthalts im Gefängnis von Atlanta im Südstaat Georgia meldete sich Bulger freiwillig für ein lange geheim gehaltenes Programm der CIA, MK-ULTRA. Die Insassen nahmen im Gegenzug zu Haftverkürzungen an neurologischen Experimenten teil. 18 Monate wurde Bulger als menschliches Meerschwein benutzt, bekam LSD und andere Drogen verabreicht, litt an Schlafstörungen, Alpträumen und Halluzinationen. In persönlichen Notizen schreibt Bulger, dass diese Experimente sein Leben auch danach prägten. Eines Nachts notierte er: "Oft wache ich von einem Schrei auf und merke, dass ich selbst schreie." Die restliche Zeit seiner auf neun Jahre verkürzten Strafe verbüßte er als Häftling auf der Insel Alcatraz vor San Francisco, in Leavenworth (Kansas) sowie in Lewisburg (Pennsylvania). Laut Wachpersonal war er ein "völlig selbstzentrierter Soziopath".

So gelang seine Resozialisierung nur kriminell: 1971 stieg Bulger als Eintreiber beim Bandenboss Donald Killeen in Süd-Boston ein. Zwischen seinem Clan und der rivalisierenden "Mullen Gang" entbrannte ein Krieg, in dem Bulgers Verbündete offensichtlich unterlegen waren. Darauf soll "Whitey" Kontakt zum Anführer der mächtigen Nord-Bostoner "Winter Hill Gang" gesucht haben. Dabei soll Bulger dem irisch-deutschen Banden-Boss Howie Winter angeboten haben, für Frieden im Süden der Stadt zu sorgen - indem er seinen Boss Donald Killeen aus der Welt beförderte. Tatsächlich wurde Killeen erschossen vor seinem Haus gefunden, und Bulger rückte 1972 auf zum General der "Winter Hill Gang" im Süden der Stadt. Ein Jahr später kontrollierte Bulger alle dunklen Geschäfte seines Sektors, vor allem die Buchmacher mussten ihm Tribut zollen. In den folgenden Jahren beseitigte Bulger jene Gangster aus den eigenen und fremden Reihen, die ihm gefährlich erschienen.

Ein Deal mit dem FBI rettete Bulger

Ab 1975 nutzte Bulger einen Deal mit dem FBI, um straffrei zu bleiben und andere auszuschalten. Howie Carr berichtet von einer Notiz, die aus der Feder des berüchtigten FBI-Chefs J. Edgar Hoover stammt: Darin werden die Ermittler in Boston angehalten, "Whitey" als Informanten anzuheuern - und ihn so vor Strafe zu schützen. Bulger, der laut Carr intensiv über seine Strategie nachgedacht und als Inspiration auch "Mein Kampf" gelesen hatte, schaltete die Rivalen mithilfe dieses FBI-Deals aus. Als dann noch sein Banden-Chef Howie Winter 1979 wegen der Manipulation von Pferdewetten ins Gefängnis wanderte, rückte der 1,73 Meter kurze Bulger an die Spitze des Verbrechens in der traditionsreichen Stadt an der Atlantikküste. Seinen Einfluss erweiterte er kontinuierlich, schon in den 80er Jahren kontrollierte er den Drogenhandel, das Wettgeschäft und die Kredithai-Branche in Boston und sogar der ganzen Region. "Die Obrigkeit hat ihm absolut bei seinem Aufstieg geholfen", meint Howie Carr.

Erst 1994 wagten sich drei andere Fahndungs-Behörden - ohne Wissen des kompromittierten FBI - mit Nachdruck an die Sache. Buchmacher berichteten ihnen während dieser Operation, dass sie Schutzgeld an Bulger gezahlt hatten, eine Anklage wurde vorbereitet. Doch ganz war das mit Bulger verbündete FBI nicht aus dem Rennen: Special Agent John Connelly soll Bulger im Winter 1994 vor dessen bevorstehender Verhaftung gewarnt haben. Und der Verbrecherboss war gut vorbereitet. Kevin Weeks, einer der wichtigsten Mitarbeiter Bulgers und von 1999 bis 2005 inhaftierter Kronzeuge der Anklagebehörden, berichtete davon, dass "Whitey" bereits seit 1977 seine Flucht strategisch geplant hatte. So beschaffte er sich eine falsche Identität mit dem Namen Thomas F. Baxter und verstaute Besitztümer in mehreren US-Staaten sowie in Kanada, Irland, Italien und Großbritannien.

Seit 14 Jahren auf der Flucht

Fast 14 Jahre ist Bulger nun gemeinsam mit seiner Freundin Catherine Greig auf der Flucht. Zwar gibt es in Boston eine "Bulger Fugitive Task Force" mit sieben Mitarbeitern, die nach ihm jagt, doch belastbare Hinweise hat sie lange nicht mehr bekommen. Man weiß, dass Bulger sich für Literatur über Militärgeschichte und "True Crime" begeistert und dass er sich mit acht bis zehn Kilometer langen täglichen Spaziergängen fit hält. Zudem hat er ein Herzproblem, das er mit dem Betablocker Atenolol behandelt. 30 bis 50 Millionen Dollar soll sich der Gangster in seiner Karriere zur Seite geschafft haben - natürlich bezahlt er nur bar. Autor Howie Carr glaubt, dass es für die Fahnder schwierig wird, den Vorsprung des gerissenen Gangsters je aufzuholen: "Ich bezweifele, dass sie ihn je fangen werden - bis zum Ende, wenn er in ein Krankenhaus geht, wahrscheinlich in Europa, um zu sterben."

Immerhin: In Boston hat sich die Problematik der Bandenkriminalität seit Bulgers Zeiten deutlich verbessert, einzelne Gangs handeln zwar noch mit Kokain, das Glücksspiel befindet sich aber heute hauptsächlich in staatlicher Hand, irische "Mobster" spielen kaum mehr eine Rolle, und an die letzte Hinrichtung in Bandenkreisen kann man sich nicht mehr erinnern.