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Urteil in Thüringen: Tote Säuglinge: Mutter muss lange in Haft, Vater kommt frei

Wer die beiden Säuglinge in Plastikbeutel gesteckt und ihrem Schicksal überlassen hat, konnte das Landgericht Erfurt nicht endgültig klären. Am Ende bekamen Mutter und Vater der töten Säuglinge zwei sehr unterschiedliche Strafen.

Muss wegen des Todes zweier ihrer Säuglinge ins Gefängnis: Alexandra R., hier beim Prozessauftakt im August 2016

Muss wegen des Todes zweier ihrer Säuglinge ins Gefängnis: Alexandra R., hier beim Prozessauftakt im August 2016

Als das Urteil fällt, geht ein Raunen durch den Landgerichtssaal in Erfurt: Für den Tod von zwei Säuglingen, deren Leichen in blauen Müllsäcken verpackt zu Jahresbeginn nahe einer Industriebrache in Ichtershausen bei Arnstadt gefunden wurden, muss nur die Mutter ins Gefängnis. Für acht Jahre und sechs Monate.

Richter Markus von Hagen spricht die 29-Jährige am Montag schuldig des Totschlags durch Unterlassen: "Hätten sie sich wie eine Mutter verhalten, wäre das Leben der Kinder zu retten gewesen." Ihren mitangeklagten Ex-Lebensgefährten, dem die Frau bei einer ersten Aussage vorwarf, die Kinder nach der Geburt "weggebracht" und damit ihren Tod verschuldet zu haben, spricht der Richter frei - mangels eindeutiger Beweise. Die Staatsanwaltschaft hatte für den Mann wegen Totschlags 13 Jahre Haft verlangt.

Gericht kann die Tat nicht ganz aufklären

Nach monatelanger Verhandlung - es wurden 27 Zeugen und sieben Sachverständigte angehört - ist das Gericht sicher, die beiden Jungen kamen 2014 und 2015 lebend zur Welt. Sie wurden von der Frau, die die Schwangerschaften lange verdrängte, im Badezimmer in der gemeinsamen Wohnung in Ichtershausen geboren. Die Babys fielen ins Toilettenbecken, wurden von ihr herausgeholt und in Handtücher gewickelt. Die Köpfchen blieben frei. Der Ablauf glich sich in beiden Fällen, wie die Beweisaufnahme ergab. Die Frau will nach den Geburten geschlafen haben - als sie aufwachte, seien die Kinder weg gewesen.

Richter von Hagen gesteht bei der Urteilsverkündung ein, dass das Gericht die Tat nicht vollständig aufklären konnte. Offen bleibe, ob Mutter oder Vater oder beide die Kinder in den Müllsäcken ihrem Schicksal im Freien überließen. Aber nur sie kämen nach der Beweisaufnahme in Betracht.

Nur DNA-Spuren der Mutter am Fundort

DNA-Spuren am Fundort fanden sich allerdings nur von der Mutter. Der Mann will nicht bemerkt haben, dass seine Partnerin zweimal schwanger war. Das Gericht bescheinigt beiden eine sehr spezielle, distanzierte Beziehung, die nach etwa vier Jahren zerbrach. Bei einer ersten Aussage vor der Polizei hatte die Mutter gesagt: "Ich war das. Der hat mich dazu gezwungen. Der hat die Kinder weggebracht."

Harte Worte findet der Richter für die Frau, die ihre Aussage zur Schuld ihres Ex-Lebensgefährten vor Gericht nicht wiederholte, sondern beharrlich schwieg: "Sie haben ihm - ohne es zu wollen - einen letzten großen Dienst erwiesen", sagte von Hagen. "Sie hätten ihren toten Kindern einen letzten Dienst erweisen können." Die Jungen, deren genaue Todesursache die Gerichtsmedizin nicht mehr klären konnte, wurden erst nach ihrem Tod Pascal und Leon genannt.

Beide erscheinen teilnahmslos

Scheinbar teilnahmslos hört sich die Frau das Urteil und die die Worte des Richters an, der dem Ex-Paar ein "sehr passives Leben" vor dem Fernseher sowie Drogenkonsum bescheinigt. Dabei hat die Frau bereits zwei Kinder - ein Mädchen - jünger als zehn Jahre - und einen Jungen im Teenageralter. Auch der Mann zeigt im Gerichtssaal keine Regung, obwohl von Hagen deutlich macht, dass letzte Zweifel an der Unschuld des 34-Jährigen blieben. "Aber objektive Beweise gibt es nicht."

Auf die Spur der Frau war die Polizei nach dem Fund der Babyleichen durch Hinweise gekommen. Zeugen war aufgefallen, dass die 29-Jährige schwanger war, später aber kein Baby bei sich hatte.

tkr/Simone Rothe / DPA