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Tim Kretschmers Geisel im stern-Interview: Auf Irrfahrt mit dem Killer

Die Geisel vom Winnender Amokläufer Tim Kretschmer hat offenbar ein noch größeres Blutbad verhindert. Im stern spricht der Deutsch-Kasache Igor Wolf erstmals über seine knapp zweistündige Irrfahrt mit dem Amokläufer und berichtet, dass Kretschmer ihn gefragt habe: "Meinst du, wir finden noch eine andere Schule?"

Geistesgegenwärtig wechselte Familienvater Wolf das Thema. Igor Wolf war am Morgen des 11. März auf einer Straße nahe der Psychiatrischen Landesklinik Winnenden in die Gewalt Kretschmers geraten, als er auf seine Frau wartete. Nur wenige Minuten zuvor hatte der 17 Jahre alte Täter in der Albertville-Realschule bereits neun Schüler und drei Lehrerinnen getötet.

"Das war für heute noch nicht alles"

Wolf schilderte den stern-Reportern mit ruhiger Stimme und extrem präzise, dass Kretschmer um 9.47 Uhr die rechte Hintertür seines VW Sharan aufriss, auf den Rücksitz sprang und ihm die Pistole ins Gesicht hielt. "Fahr schnell", sagte der Amokschütze und, die genaue Zahl seiner Opfer nicht kennend: "Ich habe schon 15 Menschen umgebracht in meiner alten Schule, und das war für heute noch nicht alles."

Im Laufe der Fahrt, die von Winnenden quer durch Stuttgart, über Böblingen, Tübingen bis nach Wendlingen führte, spielte Kretschmer mit der linken Hand mit der Munition. Mit der rechten zielte er auf seinen Fahrer. Wolf: "Er bereitet sich auf die nächste Schießerei vor, das ging mir durch den Kopf". Irgendwann stellte Tim Kretschmer die Frage: "Meinst du, wir finden noch eine andere Schule?" Die Geisel ging darauf nicht weiter ein. "Ich habe ihn zur Ablenkung gefragt, wo willst du denn hin, wohin soll ich dich denn fahren?" Igor Wolf, der als Gabelstapler-Fahrer arbeitet und an diesem Tag Spätschicht hatte, versuchte den Amokschützen immer wieder zu beschwichtigen. "Warum machst du so einen Scheiß?", fragte er ihn. "Ganz laut hat er geantwortet: Aus Spaß, weil es Spaß macht."

"Einfach die Tür aufreißen und weglaufen"

Einige Male, sagt Wolf im stern-Interview, habe er daran gedacht, zu flüchten oder die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen. Er ließ den Gedanken aber schnell wieder fallen, weil er um die Sicherheit unschuldiger Passanten fürchtete: "In Tübingen hielten wir an einer Ampel. Da habe ich darüber nachgedacht, einfach die Tür aufzureißen und wegzulaufen. Aber da waren viele Leute, die gingen ihrer Wege, eine Frau mit Kinderwagen, andere Kinder. Was glauben Sie, was er gemacht hätte, wenn ich raus gesprungen wäre?

Er hätte sofort angefangen zu schießen, egal ob auf Kinder oder Alte." Wolf weiter: "Wenn seine Eltern behaupten, der habe keine psychischen Probleme gehabt, dann muss ich sagen: Das habe ich ganz anders erlebt, der war irre." Dem zweifachen Familienvater gelang schließlich vor Wendlingen in Höhe der Autobahnauffahrt A 8 die Flucht, als er einen Streifenwagen entdeckte, den Sharan auf einen Standstreifen steuerte und aus dem fahrenden Auto sprang.