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Tod einer Elfjährigen in Emden Im Zweifel für den Angeklagten


Alle waren dabei, aber keiner hat Schuld. So ungefähr stellt sich die Debatte um die Ermittlungen gegen einen unschuldigen 17-Jährigen in Emden dar.
Von Manuela Pfohl

Ein ruhiges Wochenende dürfte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) nicht gehabt haben. Der Fall des Mädchenmordes in Emden schlägt Wellen - trotz des schnellen Fahndungserfolges. Nur knapp eine Woche nachdem eine Elfjährige in einem Parkhaus der Stadt ermordet worden war, konnten die Ermittler einen mutmaßlichen Täter präsentieren. Ein 18-Jähriger, dessen DNA am Tatort gesichert wurde, und der nach kurzem Widerstand auch gestand, das Kind getötet zu haben. Also alles gut? Ein voller Erfolg?

Glaubt man den Berichten in den unterschiedlichen Medien, dann hat die Polizei alles falsch gemacht. Jedenfalls müssen sich die Emder Ermittler seit Freitag mit der Kritik auseinandersetzen, sie hätten zunächst einen unschuldigen 17-Jährigen als möglichen Täter präsentiert und noch dazu unnötig in die Öffentlichkeit gezerrt. Doch stimmt das?

Schünemann bestreitet das und hat die Polizei im Fall des Emder Mädchenmordes gegen Kritik verteidigt. Die Ermittler hätten "sehr professionell" und "völlig richtig" gehandelt, sagte Schünemann im ZDF. Der Fall hatte weit über Emden hinaus für Erschrecken gesorgt, weil gegen den 17-Jährigen nach dessen Festnahme über soziale Netzwerke im Internet Gewalt- und Todesdrohungen geäußert worden waren. Nach einem Aufruf hatten sich rund 50 Menschen vor einem Polizeirevier versammelt und stundenlang die Herausgabe des Beschuldigten verlangt. Dabei wurde zum Lynchmord aufgerufen. Wegen des Vorfalls leitete die Staatsanwaltschaft Aurich nach Angaben einer Polizeisprecherin ein Verfahren gegen einen 18-Jährigen ein. Er soll für den Internet-Aufruf verantwortlich sein, der zu dem Auflauf vor der Wache führte. Ihm werde das öffentliche Aufrufen zu Straftaten vorgeworfen, sagte die Sprecherin in Emden.

Erschrocken über die Gewaltdrohungen

Nach Paragraf 111 des Strafgesetzbuchs kann ein Mensch, der öffentlich zu einem Verbrechen aufruft, als Anstifter ebenso schwer bestraft werden wie der, der die Tat ausführt. Falls niemand seinem Aufruf folgt, kann er trotzdem zu einer Geldstrafe oder sogar zu bis zu fünf Jahren Haft verurteilt werden. Schünemann sagte, er sei "erschrocken" über die Gewaltdrohungen. Dafür könne aber nicht die Polizei verantwortlich gemacht werden. Sie habe den 17-Jährigen stets nur als Verdächtigen bezeichnet, der sich als unschuldig erweisen könne. Tatsächlich hatte der Leitende Oberstaatsanwalt von Aurich, Bernard Südbeck, in der Pressekonferenz vom Donnerstag mehrfach klargestellt, dass es sich bei dem Festgenommenen lediglich um einen Verdächtigen handelt. Südbeck hatte außerdem, wie auch der Leiter der Mordkommisssion, an die Medien appelliert, von Vorverurteilungen abzusehen.

Kritik an den Ermittlern

Die Lynchaufrufe der vergangenen Woche sorgten bundesweit für Entsetzen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach von "Wild-West-Methoden", die in einem Rechtsstaat nicht toleriert werden dürften. Die Emder Ermittler riefen Öffentlichkeit und Medien eindringlich zu Besonnenheit auf.

Trotzdem wurde kurz danach Kritik an den Ermittlern laut. Ihnen wird vorgeworfen, zu schnell an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Ein Vorwurf, der zunächst berechtigt scheint. Denn Fakt ist, dass die Festnahme des Unschuldigen vor laufenden Kameras erfolgte. Woher wussten die Fotografen von der bevorstehenden Festnahme? Hat da ein Polizist geplaudert, um möglichst medienwirksam den Fahndungserfolg präsentieren zu können? Möglicherweise. Aber dann müssen sich die beteiligten Medien fragen lassen, warum sie - ohne offenbar weiter darüber nachzudenken - und gegen jede Recherche-Sorgfalt die Festnahme als Erfolg feierten und umgehend aus dem Verdächtigen einen Täter machten.

DPA/AFP DPA

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