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Tod in Studentenverbindung Er wurde abgefüllt - und dann zum Sterben liegengelassen

Jim und Evelyn Piazza neben dem Foto ihres gestorbenen Sohnes.
Jim und Evelyn Piazza neben dem Foto ihres gestorbenen Sohnes. 
© PennLive.com/AP Images
Timothy Piazza war 19 Jahre alt und studierte an der Penn State University. In einer Studentenverbindung ließ er sich auf ein Trinkritual ein - und bezahlte das mit seinem Leben. Jetzt müssen sich 18 Studenten vor Gericht verantworten.

Die Kameras haben alles aufgezeichnet. Das Trinkgelage, die Panik - und schließlich den Tod eines Studenten. Es geht um den letzten Abend von Timothy Piazza, 19 Jahre alt, Student der Ingenieurwissenschaften an der Penn State University. Am 2. Februar um 21.21 Uhr läuft er durch das Gebäude der US-Studentenverbindung Beta Theta Pi. Er trägt Khakis, ein Button-Down-Shirt und eine Sportjacke, schreibt "USA Today". Und er ist bereit für ein Trinkritual, das in der Burschenschaft als "The Gauntlet" bekannt ist, der Spießrutenlauf.

Später zeigen die Kameras, wie Piazza Wodka, Wein und Bier in kurzen Abständen trinkt. Nach 20 Minuten sieht man bereits, dass er betrunken ist, nach einer Stunde wie er schwankend zu einer Couch läuft. Wie er vergebens versucht, die Haustür zu öffnen. Gegen 22.45 Uhr sieht man ihn schließlich "heftig schwankend" an der Treppe. In knapp anderthalb Stunden wurde der 19-Jährige so stark abgefüllt, dass er sich ohne Hilfe kaum noch bewegen konnte.

Dann stürzt Piazza die Stufen hinunter und schlägt frontal mit dem Gesicht auf.

Er leidet, doch niemand ruft einen Arzt

Der Sturz wird von der Kamera nicht aufgezeichnet. Doch Mitglieder der Verbindung sagen später der Polizei, sie hätten Geräusch gehört und Piazza dann am Boden liegend vorgefunden, die Beine noch auf der Treppe.

Vier Mitglieder der Studentenverbindung tragen seinen schlaffen Körper die Treppen hoch und flößen ihm Flüssigkeit ein. Ein anderer schlägt ihm dreimal ins Gesicht, heißt es im 65-seitigen Bericht der Geschworenen, der bei "USA Today" zu lesen ist. Als er von der Couch fällt, wird er von drei Studenten wieder auf das Sofa "geworfen".

Piazza kämpft mit den Folgen des Alkohols, übergibt sich. Ein mit Büchern gefüllter Rucksack soll verhindern, dass er an seinem eigenen Erbrochenen erstickt. Aus Frustration schlägt einer der Anwesenden "hart mit der offenen rechten Hand auf Piazzas Bauch". Sein Arm weist Quetschungen auf.

Ein Student bekommt Panik, will einen Arzt rufen - doch die Menge hält ihn davon ab, einige schubsen ihn sogar gegen die Wand. Piazza bleibt liegen. Ein Gutachten zeigt später, dass die Blutalkoholkonzentration bei 3,7 Promille lag.

Piazza stürzt immer und immer wieder 

Zu diesem Zeitpunkt bräuchte der 19-Jährige dringend einen Arzt, oder zumindest eine intensive Betreuung. Doch er wird allein gelassen. Einer nach dem anderen verwehrt ihm die Hilfe.

Nach Mitternacht kommt Piazza wieder zu Bewusstsein. Gegen 3.20 Uhr versucht er aufzustehen, doch er stürzt und sein Kopf knallt auf den Holzfußboden, heißt es im Bericht der Jury. Gegen 5 Uhr morgens knallt er erneut auf einen Steinfußboden. 15 Minuten später kommt ein Student vorbei, der sich ein Glas Wasser holen will. Er steigt über den am Boden liegenden Piazza, schaut ihn kurz an - und lässt ihn liegen.

Ein anderes Mitglied räumte gegenüber den Geschworenen ein, dass er um sieben Uhr morgens Piazza stöhnend auf der Couch entdeckte und schließlich mit ansah, wie er auf den Boden fiel. Doch statt ihm zu helfen, nahm er ein Video von ihm auf und stellte es auf Snapchat. Piazza nahm seinen Kopf in die Hände, "als hätte er böse Kopfschmerzen."

Sie scheitern an "der Starrheit seines Körpers"

Der Bericht der Jury liest sich erschreckend: "Timothy lag auf seinem Rücken, die Arme eng an seine Seite geklammert und seine Hände in der Luft. Seine Brust war nackt, die Atmung schwer und er hatte ein blutverschmiertes Gesicht." Bei jedem Mitglied der Studentenvereinigung hätten die Alarmglocken schrillen müssen: Piazzas Körper war kalt und die Haut blass gewesen, seine Augen nur noch halb geöffnet. Vielleicht hätte er zu diesem Zeitpunkt noch gerettet werden können.

Doch statt einen Arzt zu rufen, versuchen es die Mitglieder auf eigene Faust. Sie schütteln Piazza, decken ihn zu, waschen ihm das Gesicht und versuchen ihn anzuziehen, scheiten aber "an der Starrheit seines Körpers." Erst nach 42 Minuten rufen sie den Notarzt - viel zu spät.

Piazza wurde am vierten Februar um 1.20 Uhr morgens für tot erklärt. Er starb an den Folgen einer Kopfverletzung, einer gerissenen Milz und einer kollabierten Lunge.

Anklage wegen fahrlässiger Tötung

18 Studenten müssen sich nun vor Gericht verantworten, Freitag wurde Anklage erhoben. Acht Studenten wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Zehn müssen sich wegen kleinerer Delikte wie Schikane, Bereitstellung von Alkohol an Minderjährige, Gefährdung und Fälschung von Beweismitteln verantworten.

Die Studenten hätten Piazza nicht nur mit Alkohol abgefüllt, sondern auch die Hilfe verweigert, obwohl klar ersichtlich war, dass er ernsthaft verletzt sei, erklärt die Anlage. "Es ist herzzerreißend", sagt Bezirksanwältin Stacy Parks, "hier gibt es keine Gewinner." Piazzas Vater sagt mit tränenerstickter Stimme: "Das hätte nicht passieren müssen. Keine Eltern sollten so etwas durchmachen müssen."

Die Jury gibt aber nicht nur den Studenten die Schuld an dem Todesfall, sondern auch der Verbindung. "Die Penn State Greek Community förderte eine Umgebung, in der exzessives Trinken und Schikanieren toleriert wurde, sodass die Mitglieder geradezu ermutigt wurden, sich immer wieder rücksichtslos und geringschätzend mit anderen Menschen auseinanderzusetzen."Island Crime

cf

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