Todesfahrt auf Rügen "Die Reue war gespielt"


Elias P. hat unter Drogen- und Alkoholeinfluss auf Rügen einen Autounfall verursacht, der vier 18-Jährige das Leben kostete. Die Eltern der Unfallopfer sind entsetzt über die Milde der Richter.

Äußerlich gefasst nehmen die Eltern von Virginie, Mara, Catharina und Toni das Urteil gegen den Unfallfahrer von Rügen entgegen. Zwei quälend lange Prozesstage saßen sie als Nebenkläger Elias P. gegenüber, der für den Tod ihrer 18-jährigen Kinder verantwortlich ist. Mehrfach verließen Mütter unter Tränen den Gerichtssaal, weil sie der Schmerz überwältigte. Der 24-Jährige muss jetzt eine Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten antreten.

Die Eltern wollten ihm, dem "Todesraser", in die Augen schauen, doch der angeklagte Hotelierssohn aus dem Rügener Küstenort Breege lässt es nicht zu. Mit starrer Haltung, gesenktem Kopf und halb geschlossenen Augen sitzt er im Gerichtssaal. Nur zum Schluss richtet er sich auf, um sich bei den Eltern zu entschuldigen. Zuschauer rätseln, ob seine demütige Haltung vorgetäuscht oder echt ist.

Unfall unter Kokain- und Alkoholeinfluss

Die Strafkammer des Landgerichts Stralsund sah es am Dienstag als erwiesen an, dass Elias P. am 4. Juni 2005 mit einem riskanten Überholmanöver den Tod der vier 18-Jährigen fahrlässig verursacht hat. Als der 24-Jährige mit seinem Auto in den entgegenkommenden Kleinwagen raste, stand er unter Kokain- und erheblichem Alkoholeinfluss. Elias P. war in einem "Zustand der absoluten Fahruntüchtigkeit", sagte Richter Kai Klingmüller. Mit dem Urteil blieb das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft von drei Jahren und neun Monaten. Die Nebenklage hatte die für fahrlässige Tötung mögliche Höchststrafe von fünf Jahren gefordert. Die Verteidigung kündigte an, Revision einzulegen.

Wütend und mit Tränen in den Augen hatten zwei Mütter der getöteten 18-Jährigen den Saal verlassen, nachdem der Verteidiger für eine zweijährige Haftstrafe plädierte, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. Kaum ein Verkehrsunfall hat in den letzten Monaten bundesweit mehr Emotionen hervorgerufen als der Zusammenstoß zwischen dem PS-starken Sportwagen und dem mit den vier jungen Leuten besetzten Kleinwagen auf der Insel Rügen. 2500 Rüganer trauerten an der Unglücksstelle.

Unterschiedliche Lebensstile prallten aufeinender

"Der Täter ist durch den Alkohol- und Kokainkonsum natürlich negativ herausgehoben. Vier junge Menschen haben auf einen Schlag ihr Leben verloren", erklärt der Sozialpsychologe der Universität Greifswald, Manfred Bornewasser. Daneben könne aber auch eine gewisse "Neidproblematik" für die hochkochenden Emotionen sorgen: "Scheinbar erfolgreicher Ossi prallt mit dickem Auto auf ein kleines Auto. Er überlebt mit einem Beinbruch, die vier Insassen des Kleinwagens sterben." Bei dem Unfall seien offenbar auch unterschiedliche Lebensstile aufeinander geprallt.

Der 24-jährige Unfallfahrer stand äußerlich auf der Sonnenseite des Lebens: Zweiter Geschäftsführer des väterlichen Hotels auf der Insel Rügen, teure Anzüge, 340-PS-Cabrio. Dem Psychiater wird er nach dem Unfall erzählen, dass er in regelmäßigen Abständen Kokain konsumierte, um am nächsten Morgen fit zu sein, dass er sich Sorgen machte um erhebliche Steuerforderungen durch das Finanzamt, dass er mit seiner Ex-Freundin über das Umgangsrecht mit den gemeinsamen Zwillingen stritt. "Elias wuchs in einer auf Leistung orientierten Familie auf, in der offenbar materielle Dinge eine größere Rolle als die emotionalen spielten", sagte Gutachter Stefan Orlop. Unter vielen Zuschauern im völlig überfüllten Gerichtssaal gilt Elias P. als "Mörder" und "Protzer". Auf Rügen haben sich Autofahrer den Aufkleber "Jetzt reicht es!" an ihre Heckscheibe geklebt. Eine Bürgerinitiative für mehr Sicherheit auf der Straße hat sich nach dem Unfall gegründet.

Partylaune nach dem Unfall, Reue im Gericht

Die Erinnerungslücken, die Elias P. während des Prozesses für sich reklamiert, hielt der Psychiater für wenig glaubhaft. Zwischen den Wodka-Orange-Drinks in seiner Stammkneipe und der Einlieferung ins Krankenhaus fehle ihm jegliche Erinnerung, erzählte er stockend. Zeugen berichteten von zwei Beinahe-Crashs unmittelbar vor dem tragischen Unfall. Ein Rettungssanitäter sagte aus, Elias sei kurz nach dem Unfall noch in Partystimmung gewesen. Nach dem Unfall hatte der 24-Jährige bestritten, selbst gefahren zu sein, bis Gutachten das Gegenteil bewiesen. Bis zum Prozessbeginn warteten die Eltern der Toten zudem auf ein Zeichen des Bedauerns. Die Tränen erstickten Worte des Bedauerns, der Blick in die Augen der Eltern kommt möglicherweise zu spät. Heinz Kolbe, Vater der verunglückten Virginie, vermutet dahinter eine ausgeklügelte Strategie. "Das war doch nur Show fürs Gericht."

Martina Rathke/DPA DPA

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