Todesschüsse von Nauen Warum musste Sven G. sterben?


Auch fünf Tage nach den tödlichen Schüssen an der Bushaltestelle in Nauen herrscht völlig Unklarheit über den Tathergang. Wurde der Polizist bedroht und handelte er in Notwehr - oder zog er "nur" unter Stress die Waffe und erschoss einen jungen Mann?
Von Manuela Pfohl

Zehn Stunden Schicht. Streifelaufen in Charlottenburg. Feierabend. Endlich raus aus der Polizeiuniform, sofort duschen gehen. Erstmal heimfahren. Regionalexpress, halbe Stunde Fahrt von Berlin bis Nauen in Brandenburg.

Es ist 20.29 Uhr. Sind die drei Typen bekloppt? Was machen die da, klauen die Nothämmer aus der Halterung. Die greif ich mir. Nauen. Aussteigen. Scheiben gehen zu Bruch an den Wartehäuschen vorm Bahnhof. Das gibts ja nicht. Drehen die durch? Pfefferspray. Die haun trotzdem ab. Stehen bleiben. Verdammt noch mal. Waffe raus. Warnschuss. Scheiße, was soll das. Scheiße.

"Baba" ist tot

Es ist Mittwochabend, kurz nach 21 Uhr. Auf dem Vorplatz des Bahnhofs liegt ein Mensch. Zwei Schüsse haben ihn getroffen. Einer am Kopf, einer am Oberschenkel. Der Mann ist 28 Jahre alt, er heißt Sven G., gelernter Koch. Er hat eine Lebensgefährtin, vier Kinder und seine Kumpels nennen ihn "Baba". Er ist tot. Nichts mehr zu machen, sagt der Notarzt, der wenig später mit Blaulicht vorfährt. Sebastian V. hat ihn gerufen. Er ist 24 Jahre alt, Polizeikommissar. Seit vergangenem September im Charlottenburger Revier. Er hat die tödlichen Schüsse abgefeuert. Mit seiner Dienstwaffe. Einer Sig Sauer P6. Kaliber 9mm. Er wollte eigentlich nur nach Hause, zur Freundin. Die wohnt bei ihren Eltern in der Nähe von Nauen.

Jetzt sitzt er hier in einem Streifenwagen. Kollegen sperren den Platz ab. Ein rot-weißes Band. Der Tote ist mit einer Plane zugedeckt. Zwei Leuchtkegel markieren den Fundort. Jemand macht Fotos. Routine, Spurensicherung. Es ist gegen 21.30 Uhr. Christian F., einer der beiden Kumpels von "Baba" sitzt drüben und wird befragt. Er hatte neben seinem toten Freund gekniet, als die Beamten mit Blaulicht ankamen. Er hat überhaupt nicht begriffen, was los ist. Sebastian V. auch nicht. Die Kollegen haben ihm die Waffe abgenommen. Dann sind sie mit ihm zur Wache gefahren. Protokoll aufnehmen. Herrgottnochmal, was ist passiert? "Wir waren alle nicht dabei, können im Moment nur mutmaßen, was sich abgespielt hat", erklärt Staatsanwalt Wilfried Lehmann am Tag nach der Tat.

Der Täter schweigt

Aber offensichtlich sei die Situation aus noch nicht nachvollziehbaren Gründen eskaliert. Es wäre hilfreich, wenn Sebastian V. etwas zum Hergang sagen würde. Aber der sagt nichts. Ein Psychologe muss sich um ihn kümmern. Das Ganze, soviel steht schon mal fest, ist eine heikle Angelegenheit. Man kann es am großen öffentlichen Interesse sehen, das einsetzt, als der Vorfall bekannt wird. Gerüchte schießen ins Kraut. "Durchgeknallter Bulle erschießt wehrlosen Jugendlichen", lautet eines. "Die wollten den Bullen umbringen", ein anderes.

Bei der Staatsanwaltschaft laufen die Telefone heiß. Sogar Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) hat sich schon geäußert. "Wenn ein Beamter zur Waffe greift, muss es einen ganz besonderen Hintergrund geben", hatte er erklärt. "Welchen?", wollen die Leute wissen. Durfte der Polizist nach Feierabend überhaupt eine Waffe tragen, waren die Randalierer bewaffnet, haben sie ihn bedroht, war es Notwehr, hätte der Beamte besonnener reagieren müssen, es ging schließlich nur um ein paar zerbrochene Scheiben, wieso knallt der überhaupt einfach so auf jemanden, war er überfordert?

Alle Beteiligten auf freim Fuß

Staatsanwalt Lehmann hat eine lange Liste mit all den Telefonnummern, die er anrufen soll, um offiziell zu erklären, dass es im Moment noch nichts zu erklären gibt. "Ich kann nur sagen, dass wir die beiden 20- und 24-Jahre alten Männer vernommen haben, die mit dem späteren Opfer unterwegs waren. Ich kann bestätigen, dass sowohl der Polizist als auch die Randalierer wieder auf freiem Fuß sind und dass gegen den Beamten wegen Totschlags ermittelt wird. Mehr kann ich nicht sagen, wir stehen ganz am Anfang der Ermittlungen."

Freitag. Im Polizeipräsidium Potsdam wird die Presse ausgewertet. Alle haben darüber geschrieben, was am Mittwoch in Nauen passierte. Und natürlich steht genau das in den Zeitungen, was eigentlich nicht drin stehen sollte. "Da hat wiedermal jemand gequatscht", sagt ein Beamter verärgert. Strategiebesprechung. Soll man dementieren oder bestätigen.

War es Notwehr?

"Was einmal gesagt ist, ist gesagt. Das kann in einem späteren Prozess zum Verhängnis werden", so ein Sprecher, der um Verständnis für die spärlichen Informationen wirbt. Die Jungs stehen alle auf der Seite ihres Berliner Kollegen. Für sie gibt es keinen Zweifel daran, dass er in Notwehr handelte. Es spricht doch alles dafür, sagen sie.

Kurz vor 21 Uhr hat Sebastian V. über sein Handy die 110 gewählt. Er wird mit der Leitstelle des Potsdamer Polizeipräsidiums verbunden. Er sagt, dass er allein ist und gerade drei Straftäter gestellt hat. Man sagt ihm Unterstützung zu, die Verbindung bleibt bestehen. Die Beamten hören, dass es Gerangel gibt, dass jemand etwas ruft, dass Schüsse fallen. Zwei Tage nach dem Vorfall wertet die Staatsanwaltschaft das Band aus. "Wird aber noch dauern, ehe man ein genaues Bild der Lage hat", vermutet Sprecher Christoph Lange. Aber er ist ziemlich sicher: "Sebastian V. wird unter Schock gestanden haben." Drei gegen einen das sei einer der Umstände, die für Notwehr sprechen könnten.

"Unglaublicher Vorgang"

"Babas" Kumpel Lars bestreitet das. Er war zunächst abgehauen, als am Mittwochabend die Luft brannte. Aus Berlin hatte er bei der Polizei angerufen. Er wolle einen "unglaublichen Vorgang" melden, sagte er. Was er den Ermittlern berichtete, will Staatsanwalt Lehmann allerdingsnicht sagen. Noch nicht. Im Polizeipräsidium Potsdam wird am Montag darüber diskutiert. Es heißt, Sebastian V. habe die drei Randalierer verfolgt und ihnen aus etwa 50 Metern Entfernung hinterhergeschossen.

Wenn das stimmt, dann wird es eng für ihren Kollegen. Da hilft es auch nicht, wenn Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft sagt, er bemerke, dass viele Jugendliche keinen Respekt mehr hätten. Was ändert es, wenn er sagt: "Auch wenn ein Beamter mit dem Gebrauch der Schusswaffe droht, lässt das die Angreifer kalt." Nach Polizeirecht darf ein Kriminalbeamter nicht zur Waffe greifen, um sich Respekt zu verschaffen, sondern nur wenn Gefahr für die eigene Gesundheit besteht oder der Gegner angriffs- oder fluchtunfähig gemacht werden soll. In einer solchen Notwehrsituation darf der Polizist den Angreifer in die Arme oder Beine schießen.

Keine Training mehr für Stressreaktionen

Blanke Theorie. "In so einer Situation hat man keine Zeit zu zielen", sagt Hansjörg Dräger, einer der Sprecher der Berliner Polizei ab und erhält Unterstützung von der Polizeigewerkschaft GdP. "Es steht mir bis hier", so Andreas Schuster, Landesvorsitzender der Brandenburger Gewerkschafter. "Da macht einer nicht nur Dienst nach Vorschrift, sondern auch nach Feierabend seinen Job, legt sich mit dreien an und was passiert? Alle Welt schreit, der Bulle hatte sich nicht im Griff." Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Polizisten. Da gebe es Anti-Schießtraining und Unterweisungen in Stress-Konfliktbewältigung. "Aber was ist später? Da sind Fortbildungen doch kaum noch auf dem Programm", winkt Schuster ab.

Ein Brandenburger Polizist erzählt: "Ich habe gerade vier Mal im Jahr Schießtraining. Wenn ich mal in einer kritischen Situation bin, weiß ich auch nicht, wie ich reagiere. Einfach weil die Routine fehlt, weil ich nicht oft genug geübt habe, mit so einem Stress umzugehen." GdP-Mann Schuster meint: "Von 2002 bis 2006 wurden bei der Brandenburger Polizei 725 Stellen abgebaut. Bis 2009 sollen 585 Kollegen gehen und bis 2012 nochmal 350. Es geht nur noch ums Geld. Einsparen um jeden Preis. Sparen bei der Ausbildung, sparen bei der Besetzung der Dienststellen, sparen bei der Prävention. Und dann?"


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