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Todesstrafe: Zu klug zum Leben

Der zum Tode verurteilte US-Häftling Daryl Atkins, dessen Fall zum Verbot der Hinrichtung geistig Behinderter geführt hat, soll nun doch exekutiert werden. Eine weiße Jury entschied, dass der Schwarze zu "klug" sei, um verschont zu bleiben.

Im Jahr 2002 schrieb der zum Tode verurteilte Daryl Atkins Justizgeschichte. Anhand seines Falls entschied das höchste Gericht der USA, dass die Hinrichtung geistig Behinderter verfassungswidrig und damit verboten sei. Heute, drei Jahre später, steht ausgerechnet jenem Häftling, der indirekt Dutzenden anderen Todeskandidaten das Leben rettete, die Exekution bevor. Eine ausschließlich weiße Jury in Yorktown (US-Staat Virginia) entschied jetzt, dass der Schwarze Atkins zu "klug" ist, um selbst verschont zu bleiben. 13 Stunden an Beratungszeit benötigten die Geschworenen, bevor sie am Freitag ihr Urteil "nicht geistig behindert" fällten. Der zuständige Richter setzte unverzüglich den 2. Dezember als Hinrichtungsdatum fest. Dann soll der heute 27-Jährige die tödliche Giftspritze erhalten.

Der Fall des jungen Mannes hatte über die USA hinaus Aufsehen erregt. Denn wie Tests ergaben, war Atkins in den Jahren seiner Haft nach seinem Todesurteil zunehmend "gebildeter" geworden - sein Intelligenzquotient lag zunächst bei 59, was nach Erläuterung von Experten dem Geisteszustand eines neun- bis zwölfjährigen Kindes entspricht, dann bei 67, 74 und 76. In Virginia liegt wie in vielen anderen US-Bundesstaaten mit der Todesstrafe die Grenze für geistige Behinderung nach gesetzlicher Definition bei einem IQ von 70. Außerdem muss es an fundamentalen sozialen und praktischen Kapazitäten fehlen.

Auf dem Stand eines Fünftklässlers

Die Verteidigung erklärte die verbesserten IQ-Ergebnisse zum einen damit, dass Atkins mittlerweile so häufig getestet worden sei, dass er sich inzwischen eine Art Routine erworben habe. Außerdem habe er sich in der sicheren strukturierten Gefängnisumwelt Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben - wenn auch auf dem Stand eines Fünftklässlers - angeeignet, die ihm zum Zeitpunkt der Tat gefehlt hätten. Auch sei er durch den ständigen Umgang mit seinen Verteidigern während der Berufungsanträge bis zum höchsten US- Gericht Atkins intellektuell stimuliert worden wie nie zuvor in seinem Leben: Atkins habe sich sogar einige juristische Fachbegriffe angeeignet.

Auch Richard Dieter vom Todesstrafen-Informationszentrum in Washington hält es für sehr gut möglich, dass sich Atkins auf Grund seiner Umgebung während der Haft weiterentwickelte - und dafür nun mit seinem Leben bezahlen muss, wenn ein Berufungsantrag seiner Verteidiger erfolglos bleibt, wovon Experten ausgehen. "Das ist wirklich ein besonders tragischer Fall", sagt Dieter.

Atkins war 18 Jahre alt, als er zusammen mit einem Komplizen im Staat Virginia einen Mann entführte, ihn dazu zwang, Geld von einem Bankkonto abzuheben und ihn dann erschoss. Der Mord brachte ihm die Todesstrafe ein. Ein Verfahrensfehler führte zu einem neuen Prozess, der mit dem gleichen Ergebnis endete. Dann ergab ein IQ-Test den Wert 59, und die Verteidigung focht das Todesurteil mit der Begründung an, dass Atkins geistig behindert sei. Der Fall landete vor dem Obersten Gericht, das grundsätzlich die Hinrichtung geistig Behinderter verbot, aber nicht darüber befand, ob Atkins selbst in diese Kategorie gehört. Die Entscheidung darüber wurde in die Hände der Justiz im Staat Virginia gelegt.

Streit um IQ- Punkte

In dem nun zu Ende gegangenen Verfahren ging es ausschließlich darum, ob das schon vor Jahren gefällte Todesurteil vollstreckt wird oder nicht. Psychologen sagten aus, frühere Schullehrer, Klassenkameraden und auch Gefängnisangestellte. Es wurde um IQ- Punkte gestritten und darüber, ob Atkins als Schüler in der Lage war, Monopoly zu spielen und Football-Regeln zu verstehen. Die einen sagten ja, die anderen nein. Am Ende befand die Jury: Klug genug zum Sterben.

Gabriele Chwallek/DPA / DPA
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