Todeszelle Warten auf den Henker


Er wollte seinen Traum wahr machen. Er war mutig genug, seine Heimat zu verlassen, um etwas aus sich zu machen. Doch irgendwo auf dem Weg in ein neues Leben wurde der 18-jährige Tochi mit Heroin ertappt. Jetzt wartet er auf den Henker.

Der 18-Jährige aus einem kleinen Ort in Ostnigeria war bettelarm, aber er konnte kicken und das richtig gut. In Dubai, sagten ihm die Leute, da würden Fußballspieler aus Afrika gesucht, da sei das große Geld zu machen. Und so begann der große Traum von Iwuchukwu Amara Tochi. Er machte sich auf eine schicksalhafte Reise, die in einer Todeszelle in Singapur endete.

Nur ein Wunder kann ihn retten

Wenn kein Wunder mehr passiert, wird Tochi, heute 20 Jahre alt, hingerichtet. "Seine Chancen stehen eins zu 1000", sagt der nigerianische Hochkommissar in Singapur, Ozichi Alimole. Er wartet jeden Tag auf die Entscheidung über das eingereichte Gnadengesuch. Wenn das, wie erwartet, abgelehnt wird, dauert es vielleicht noch vier, fünf Wochen bis zum Tod. Der kommt auf jeden Fall an einem Freitag, um 6.00 Uhr früh. Das ist die Zeit des Henkers in Singapur, sagt Menschenrechtsanwalt Martin Ravi.

Tochi war am 24. November 2004 mit Heroin im Gepäck am Changi- Flughafen in Singapur ertappt worden. Es waren 727,02 Gramm. Ab 500 Gramm steht darauf die Todesstrafe, ohne Pardon. Ein ähnliches Schicksal drohte vor vier Jahren der Deutschen Julia Bohl, bis ein Labor bestätigte, dass in den 687 Gramm Cannabis, die bei ihr gefunden wurden, nur 281 Gramm reines Rauschgift gewesen waren. So viel Glück hatte Tochi nicht, ebenso wenig wie mächtige Fürsprecher, beste Anwälte, oder weltweites Medieninteresse. "Afrikaner haben schlechte Karten in Asien", sagte Anwalt Ravi, der in Singapur gegen die harschen Gesetze wettert und zur Opposition gehört. Gerade wurde ihm die Anwaltslizenz für ein Jahr entzogen, wegen Richterbeleidigung.

Naivität wird mit dem Leben bezahlt

Tochi war auf der Suche nach dem großen Geld nach Karachi geflogen. Einer hatte ihm gesagt, von da aus gebe es einen Zug nach Dubai. Dass das Unsinn war, merkte er erst vor Ort, mit gerade 200 US-Dollar in der Tasche. Orientierungslos lief er durch die pakistanische Metropole, und als ihm in einer Kirche ein "Mr. Smith" Hoffnung auf eine Fußballerkarriere in Asien machte, nahm er dankbar an. Der Freund von "Mr. Smith", der den jungen Schützling in Singapur unter seine Fittiche nehmen würde, sei krank. Könne Tochi ihm bitte ein paar afrikanische Heilpillen mitnehmen? Naiv willigte Tochi ein. Bei den Pillen handelte es sich natürlich um Heroin.

Anders als in den USA, wo Gefangene meist Jahrzehnte im Todestrakt sitzen, geht es in Singapur sehr schnell. Festnahme, Anklage, 13- tägiger Prozess, Berufung - das ganze dauerte nicht einmal anderthalb Jahre. Die Berufung wurde im März abgelehnt. Einzige Hoffnung ist das Gnadengesuch, doch hat Präsident S.R. Nathan so etwas praktisch noch nie gewährt.

Aus dem Traum wurde ein Alptraum

Tochi machte glaubhaft deutlich, dass er von dem brisanten Stoff in seinem Gepäck keine Ahnung hatte. Als Beamte ihn am Flughafen danach fragten, schluckte er eine der Pillen herunter, um zu zeigen, wie vermeintlich harmlos das Zeug war. Ärzte mussten ihm den Magen auspumpen. Selbst Richter Kan Ting Chiu stellte in seinem Urteil fest, dass es keine direkten Beweise für Tochis Mitwisserschaft bei dem Schmuggelgeschäft gab. Das Urteil lautete trotzdem: schuldig.

"Wir sind nicht hier, um das Justizsystem von Singapur zu kritisieren", sagt der nigerianische Hochkommissar. "Tochi hatte eine Chance, sich zu verteidigen." Diplomatin Uche Eke besucht den Jungen ein, zwei Mal im Monat. "Er ist völlig deprimiert und hat allen Lebenswillen verloren", sagt sie. Ihm seien die Haare ausgefallen.

Singapur hat nach Angaben von Amnesty International gemessen an der Bevölkerung wahrscheinlich die höchste Hinrichtungsrate der Welt. 420 Menschen seien dort seit 1991 hingerichtet worden, die meisten wegen Rauschgiftdelikten, berichtete die Organisation vor einem Jahr.

"Ich persönlich finde, dass die Strafe zu harsch ist", sagt der Hochkommissar. In Nigeria hätte Tochi höchstens zehn Jahre Haft bekommen. Außer Tochi sitzt auch der Freund von "Mr. Smith" in der Todeszelle, der staatenlose Afrikaner Okele Nelson Malachy (33).

DPA DPA

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