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Tödliche Sexspiele: Sklavin und Master

362 Beweisstücke, 197 Zeugen, 1 Tote: Jahrelang führten die Assistenzlehrerin Elaine O'Hara und der Architekt Graham Dwyer ein bizarres Doppelleben mit obsessiven Sexspielen - bis er seine Mordfantasien in die Tat umsetzte.

Von Michael Streck

Verschwommene Collage von Elaine O'Hara und Graham Dwyer

Elaine O'Hara traf Graham Dwyer im Internet. Sie wollte sich unterwerfen, er wollte Blut

Man kann darüber spekulieren, was passiert wäre, hätte der Cockerspaniel Milly nur gehört auf die Rufe von Magali Vergnet an einem späten Septembervormittag 2013 am Killakee Mountain, Rathfarnham, Irland, südlich von Dublin. Vielleicht wäre es ein perfekter Mord geblieben, ein fast perfekter. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Eine junge Frau wäre vermisst geblieben, wie viele junge Frauen einfach vermisst bleiben und ein ungelöstes Aktenzeichen.

Aber Milly hörte nicht auf Vergnet, und also schob die Französin Büsche und Zweige zur Seite und kletterte tiefer in den Wald oberhalb Dublins. Sie hörte ein kratzendes Geräusch und glaubte, der Hund habe wieder einen Knochen gefunden wie öfter schon, zuletzt den Lauf eines toten Rehs, der Huf noch anhängig. Sie ging weiter, rief "Milly", sah auf dem Boden eine verschmutzte Jogginghose, dachte sich immer noch nichts dabei, der Berg mit Blick auf Stadt und Meer ein Ort für Liebespaare, Kondome hier und dort. Aber dann trollte der Hund aus dem Unterholz tatsächlich mit zwei Knochen und etwas Weißlichem im Maul, undefinierbar. Magali Vergnet war nicht wohl dabei, sie rief einen Freund an. Sie kamen am Abend zurück, stöberten durch Gras und Gehölz und fanden einen Kieferknochen. Er gehörte einer jungen Frau, wie man alsbald wusste. Ihr Name: Elaine O’Hara.

Es war der 13. September 2013

Graham Dwyer hat Geburtstag an diesem Tag, er wird 41 Jahre alt. Seine Frau Gemma hat auch Geburtstag an diesem Tag. Graham und Gemma kennen sich seit Mitte der 90er Jahre, beide Studenten der Architektur, verheiratet seit 2002, zwei gemeinsame Kinder. Ein glückliches Paar. Dwyer ist eher unscheinbar, rundliches Gesicht, etwas untersetzt und klein: 1,65 Meter. Sie ist blond und hübsch und Tochter aus gutem Haus. Die Dwyers leben in Foxrock, einem Vorort von Dublin, in einer Sackgasse mit gediegenen Einfamilienhäusern. Weiß gestrichenes Mittelstandsglück. Graham und Gemma feiern ihre Geburtstage in einem Restaurant in der Innenstadt. Sie essen, reden, trinken Wein, nehmen die Straßenbahn zurück. Es ist ihr letzter gemeinsamer Restaurantbesuch. Graham träumt im Knast manchmal von Steak und Rotwein.

Die Polizei sucht nach Überresten von Elaine 'O Hara

Ermittler suchen in Roundwood Reservoir nach Beweisstücken - und werden fündig

Auf dem Killakee Mountain 500 Meter oberhalb Dublins werden unterdessen die Gebeine von Elaine O’Hara geborgen, oder das, was von ihnen übrig ist. 60 Prozent sind noch auffindbar, Tiere haben sich über den Leichnam hergemacht, es fehlen ihre Hände und der Kopf. Sie werden nie gefunden. Aber DNA verrät die Identität.

In einer Polizeistation in Roundwood, 30 Kilometer südlich von Dublin, arbeitet der junge Beamte James O’Donoghue. Roundwood ist ein Dorf, gut 800 Einwohner. Hügelig, grün, hübsch und vor allem ruhig. Meistens ist die Tür zur Wache geschlossen, man muss klopfen oder anrufen.

Fesseln für Sexspiele

Angler haben am 11. September Utensilien abgeliefert, die sie aus dem benachbarten Roundwood Reservoir gezogen haben und die nicht passen zu diesem beschaulichen Ort. Fesseln für Sexspiele, einen Ballknebel, eine Augenbinde, eine Weste. Es gehört zu der Verkettung glücklicher Umstände, dass der Wasserstand des Sees in diesem Spätsommer historisch niedrig ist, 30 Zentimeter statt der üblichen sechs Meter.

O’Donoghue, neugierig, steigt ein paar Tage später selbst ins Wasser. Von einer Brücke aus, gute Sicht, glaubt er, Handschellen zu erkennen, die unter der Wasseroberfläche glänzen. Er birgt eine lederne Bondage-Maske und Schlüsselanhänger mit Kundenkarten dreier Supermärkte. Dann ruft er Verstärkung, und man entdeckt weiteres Sexspielzeug sowie Messer, einen Inhalator für Asthmakranke, eine Brille, einen Rucksack. Und: zwei Nokia-Mobiltelefone. Fast zeitgleich werden auf dem Killakee Mountain die Knochen gefunden. Über die Kundenkarten lässt sich der Name der Besitzerin ermitteln: Elaine O’Hara, wohnhaft 97 Belarmine Plaza, Stepaside, Dublin. Verschwunden am 22. August 2012. Jenem Tag, als sie aus dem St Edmundsbury Hospital entlassen wurde, eingewiesen fünf Wochen zuvor wegen Suizidgefahr. Zwei Tage später erstattete ihr Vater Frank Vermisstenanzeige, er schrieb ihr eine SMS: "Sag mal, lebst du noch?" Das war ein Witz. Elaine O’Hara wurde 36 Jahre alt.

Sie nannte sich Sklavin

Am 17. Oktober 2013 klingelt um 7.06 Uhr morgens Detective Sergeant Peter Woods bei Graham Dwyer. Der Architekt öffnet noch im Schlafanzug. Woods hat einen Haft- und einen Durchsuchungsbefehl dabei. Dwyer wird abgeführt, zur Wache gefahren und befragt, Name, Geburtsdatum, Größe, Adresse. Woods fragt: "Kannten Sie Elaine O’Hara?" Und Dwyer antwortet ungefragt: "Ich habe niemanden umgebracht."

Er nannte sich Master

Was die irische Polizei in diesen fünf Wochen zwischen dem 13. September und dem 17. Oktober 2013 ermittelt, erschüttert das kleine Land. Dutzende Beamten setzen ein Puzzle zusammen aus Beweisstücken, aus Daten von Mobilfunkmasten, die ein Bewegungsmuster ergeben; aus Textnachrichten und Aufnahmen von Sicherheitskameras; aus Fundstücken in O’Haras Wohnung; aus Texten und Videos und Surfprotokollen, geborgen von Graham Dwyers Computer im Mittelstandsglück. Und auch aus Zeugenaussagen früherer Freundinnen. Es ist, in der Kürze der Zeit, eine Meisterleistung. Der leitende Ermittler Diarmuid O’Sullivan sagt, er habe so einen Fall noch nie erlebt. Er hatte früher mit Terrorismus zu tun und mit Vergewaltigern und Mördern, aber nie zuvor mit einem Mann wie Dwyer. Einem Mann, den er schon zwei Wochen vor der Verhaftung für verdächtig hielt, weil sich die Indizien türmten.

"50 Shades of Grey" trifft auf "American Psycho"

Heraus kommt eine tödliche Mischung aus "50 Shades of Grey" in Hardcore und "American Psycho". Die Geschichte spielt in Irland, das ist ein Zufall und vielleicht auch wieder nicht. Irland ist ein kleines, zufriedenes und sehr katholisches Land, in dem die Kirche moralische Instanz ist und wichtiger als der Staat. Ein Land, in dem Abtreibungen selbst bei Vergewaltigungen nicht automatisch erlaubt sind und in dem, man kann das so sagen, Sex bis vor gar nicht langer Zeit vor allem der Reproduktion diente. Sexuelle Spielarten blühen allenfalls in Tabuzonen.

 Dublin ist ein gleichermaßen fröhlicher wie melancholischer Ort. Große Autoren stammen aus dieser schönen Stadt. James Joyce und Brendan Behan zum Beispiel, und man würde gern wissen, was sie aus diesem Stoff gemacht hätten. Aus der Geschichte von Elaine O’Hara und Graham Dwyer. Aus der Geschichte einer psychisch Labilen und eines Psychopathen. Aus der Geschichte von Sklavin und Master.

Sie fesselt sich schon als Kind

Elaine O’Hara wird am 17. März 1976, St. Patrick’s Day, in einen falschen Körper geboren. Fühlt sich wie ein Junge, ihr Testosteronspiegel ist ungewöhnlich hoch. Sie fesselt sich schon als Kind und schneidet sich ins Fleisch, die Eltern ratlos; sie wird Patientin des berühmten irischen Psychiaters Anthony Clare. Er entwickelt ein großes berufliches Interesse an dieser jungen Frau, die als Assistenzlehrerin arbeitet und gelegentlich noch in einem kleinen Zeitungsladen, Ken’s Newsagent, in einem schmucklosen Vororteinkaufszentrum. Elaine hat eine Borderline-Persönlichkeit. 14 Mal kommt sie in die Psychiatrie. Dreimal versucht sie sich das Leben zu nehmen, ritzt sich die Pulsadern auf, vergiftet sich zweimal. Ihre Sexualität ist, diagnostiziert Clare, "disturbed", aber selbst der Profi kratzt nur an der Fassade von Elaine, krank an Geist und Körper, auch Asthma und Diabetes und hohe Cholesterinwerte. Sie öffnet sich nicht, vermutlich aus katholischer Scham. Elaine, dicklich und nicht eben hübsch, erzählt ihm nichts von ihren Qualen und ihren sexuellen Neigungen, von Vergewaltigungsfantasien und Fesselspielen und ihrem Drang, die Kontrolle abzugeben und sich auszuliefern. Von ihrem Wunsch, eine Sklavin zu sein. Clare stirbt 2007 und erlebt nicht mehr, dass die Antworten auf viele seiner Fragen in Elaines Wohnung liegen. Gasmasken, Latexanzüge, Metallketten, Messer für Sexspiele und ein Text aus der Sadomaso-Szene, "The Gorean Lifestyle – A Woman’s Right Is Slave", eine Anleitung zur weiblichen Unterwerfung. "… Master betrachten ihre Sklaven als Eigentum. Als Sklave verliert man alle menschlichen Rechte. Sklaven werden nicht als Menschen angesehen …"

Graham Dwyer ist ihr Master

Er führt seit Jahren ein Doppelleben. Benutzt mit seiner Frau einen gemeinsamen Computer mit zwei verschiedenen Passwörtern. Er ist auf seine Art ebenso krank und verstört wie sein Opfer Elaine – nur auf der anderen, der Kontrollseite. Lebt ein Biedermann-Leben und eines als Sadist, der auf SM-Seiten Frauenbekanntschaften macht, sie trifft und Sex mit ihnen hat, den er filmt. Es gibt Videos von ihm, wie er sich mit dem Messer ins Bein schneidet oder wie er einer Gespielin eine Plastiktüte über den Kopf zieht und masturbiert. Und es gibt Videos von ihm aus einer Fernsehshow, "Beyond the Hall Door", einer Sendung über Inneneinrichtung. Die "Irish Times" macht sogar eine Homestory über das wunderbare Architektenpärchen. "Ich will Gemma nicht verlieren", sagt Graham noch bei der Vernehmung durch die Polizei.

Zeitungsartikel über den Architekten Graham Dwyer und seine Frau

Schöne Fassade: Die "Irish Times" widmete dem Architektenpärchen Dwyer vor Jahren eine Homestory; er war zuvor schon in einer Fernsehsendung über Inneneinrichtung aufgetreten

Er sammelt Autos oder schraubt an Modellflugzeugen, die er auf dem Gelände von Vereinen im Hinterland von Dublin fliegen lässt. Wenn ein Flugzeug mal abschmiert und die Klubkollegen suchen helfen, bringt er zum Dank eine Flasche Wein mit. Er ist nicht sehr gesprächig, man redet über Motoren und Aerodynamik. Er ist hier nur "der Graham", ein Spießer in Gummistiefeln unter anderen Spießern in Gummistiefeln.

Vergewaltigungen, Kontrolle, Orgasmen

Und Graham schreibt Kurzgeschichten. Sie handeln von Vergewaltigungen, Kontrolle und von Orgasmen durch Erstechen. Eine seiner Geschichten heißt "Killing Darci", man könnte sie die Blaupause nennen für den Mord an Elaine, auch wenn die Hauptperson ein junges, derangiertes Mädchen ist aus Maine, USA, die er auf einer Sadomaso-Seite kennengelernt hat. Er schreibt: "Von der ersten Mail an wusste ich, diese war speziell. Ich hatte stets fantasiert, jemanden umzubringen, seit ich ein Teenager war, und ich wurde immer hart, wenn ich ein Messer in der Hand hatte, die Macht spürend und wissend, ich könnte entscheiden darüber, wer leben würde und sterben, genau wie mein Held, Gott."

Er wollte Gott spielen. Aber diese Allmachtsfantasie blieb eben nur Fantasie. Bis er im Jahr 2007 Elaine trifft. Ihr Unterwerfungszwang und ihre Suizidaltendenz und sein Wahn von Dominanz, Schmerz und Gewalt bis hin zum Tod ergänzen sich. Sie sind wie Schlüssel und Schloss. Sklavin und Master, sie nennt ihn "Sir". Er nennt sie Haustier. Graham Dwyer wählt Elaine O’Hara ganz gezielt. Sie kennen sich durch SM-Foren im Netz. Manchmal treffen sie sich, manchmal haben sie lange keinen Kontakt.

Verletzlich und schwach

Gemma Dwyer ist schwanger im Frühjahr 2011, als Graham Elaine kontaktiert, verletzlich und schwach. Er besorgt zwei Prepaid-Handys von Nokia in der Grafton Street in Dublin, nicht weit von seinem Büro. Sie haben die Nummern 086 175 91 51 und 086 175 90 76 und jeweils nur die Abkürzung des anderen im Verzeichnis gespeichert: "Mstr" und "Slv", Master und Slave. 2600 Textmitteilungen werden die Ermittler später extrahieren und damit ein Protokoll einer toxischen Verbindung mit Ups und Downs und Pausen zwischendrin, aber stets auf der Folie der ultimativen Bestrafung. Die ultimative Bestrafung ist der Tod.

 "Mein Wunsch, zu vergewaltigen und zu töten, ist riesig. Du musst mir dabei helfen … Ich möchte einen Koffer finden, in den du passt."

"Sie machen sich verrückt, wenn Sie immer an diese Sachen denken, Sir.“

"Stechen, stechen, vergewaltigen, töten!"

"Werden Sie erwachsen, Sir."

"Dafür wirst du bestraft!"

Sklavin ruft Master

Die beiden treffen sich meist in Elaines kleiner Einzimmerwohnung, in einem modernen Wohnblock, Stadtteil Stepaside, nur zehn Autominuten von Dwyers Haus entfernt. Vierter Stock, Eingang im Hinterhof, daneben ein Schnellrestaurant und ein Supermarkt, gebaut zu einer Zeit, als die Iren glaubten, ihr Wirtschaftsboom würde immer weitergehen. Dort oben fesselt er sie ans Bett, zieht ihr eine Ledermaske übers Gesicht, so lang und fest, bis sie, die Asthmakranke, kaum noch Luft bekommt und röchelt. Er würgt sie, sticht mit dem Messer in die Matratze, durchlöchert die. Und oft sticht er in ihren Körper. Manchmal winselt sie tags drauf, "bitte keine Wundmale, keine Stiche mehr". Sie hat zeitweilig noch einen anderen Geliebten und will nicht, dass der in ihre Abgründe blicken kann. Hätte manchmal gern ein einigermaßen normales Leben, ohne diese Zwänge, die sie immer wieder seine Nummer wählen lassen, Sklavin ruft Master. Und der Master spielt mit ihr. Steckt ihr hin und wieder Geld zu. Und verlangt von ihr Gefälligkeiten als Masturbationshilfe, wenn ihm danach ist. Will, dass sie sich einen Messerschaft in die Scheide schiebt, "so tief wie möglich", oder Gemüse, und sie tut wie geheißen und fotografiert das, er ist der Master. Einmal fesselt er sie und verlässt die Wohnung, und der Feueralarm geht los.

 "Du hättest sterben können, und ich wäre verantwortlich gewesen … Toll. Ein Messer wäre mir lieber gewesen ... Eines Tages :)"

"Ja, eines Tages, Sir."

"Kann es kaum erwarten."

"Nun, Sie müssen noch warten, Sir."

"Wann wirst du dafür bereit sein :)"

"Ich weiß es nicht, hoffentlich nie, Sir."

"Alles, was du dafür zu tun brauchst, ist, in deinen Wagen zu steigen. Es wird schmerzlos sein."

Abhängigkeit wird größer

Im Mai 2011 ersticht er ein Schaf in der Nähe eines Modellflugvereins. Fachsimpelt nachmittags über Fernsteuerungen und Flügel und sondiert dabei offenbar die Lage für einen nächtlichen Probelauf, "es war ein fantastisches Gefühl, wie das Messer hineinfuhr und das Blut spritzte ... So glücklich. Als Nächstes eine Frau."

Elaines Abhängigkeit wird zusehends größer. Zuweilen versucht sie, ihm zu entkommen, denn sie hat Angst, "ich fürchte, Sie werden mich umbringen, aber ich möchte noch nicht sterben, Sir". Ein paarmal macht sie sogar Schluss und schreibt ihm, dass er ein Feigling sei, der seiner Frau nichts von seinem Fetisch beichten will, "fuck off". Und doch kehrt diese arme gequälte Kreatur immer wieder zurück für weitere Qualen. Sie will ein Kind. Und er verspricht, ihr eines zu machen. Allerdings als Gegengeschäft, "ein Leben für ein Leben, hilf mir, eine Frau zu finden, und ich gebe dir eines".

"Ich will Blut sehen"

Anderthalb Jahre geht das so. Elaine ist mehrfach dem psychischen Kollaps nahe, im Juli 2012 lässt sie sich schließlich einweisen in die Psychiatrie des St-Edmundsbury-Krankenhauses, Selbstmordgefahr, sie hat schon eine Schlinge gebastelt. Der Kontakt zum Master reißt nicht ab. Dwyer sieht sich fast am Ziel, Elaine suizidal, er könnte sie doch jetzt erlösen. Es ist perfekt. Zwei Tage vor ihrer Entlassung, "ich will Blut sehen“, verabreden sie sich.

 "Ich habe einen Platz gefunden, tief im Wald, keiner wird uns finden, du musst nackt sein, ich will nicht, dass Blut überall auf deiner Kleidung ist."

"Jetzt habe ich Angst, Sir."

"Vertrau mir, es wird aufregend."

Sex und Bestrafung, aber nicht sterben

An ihrem Todestag wird sie zuletzt gegen 17.30 Uhr von einer Frau auf dem Parkplatz des "Shanganagh Cemetery" gesehen. Dort liegt ihre Mutter begraben. Sie wartet auf ihren Master. Sie will Sex und auch Bestrafung, aber sterben will sie nicht. 13 Monate später finden Angler Fesseln in einer Talsperre in Roundwood. Und ein Hund nagt an menschlichen Knochen in einem Waldstück auf dem Killakee Mountain.

Der Shanganagh-Friedhof nahe Dublin

Elaine O’Hara wurde auf dem Shanganagh-Friedhof nahe Dublin begraben. Dort liegt auch ihre Mutter, und dort wurde sie am Tag ihres Todes zuletzt lebend gesehen.


14 Monate später wird Dwyer festgenommen. 28 Monate später wird ihm der Prozess gemacht, und das Land mäandert zwischen Schock und Ungläubigkeit. Da sitzt ein Symbol des irischen Mittelstands auf der Anklagebank, so gewöhnlich, so durchschnittlich. Ein Architekt, wohlhabend mit Porsche und Audi TT in der Garage, der dann – wie Millionen andere in Irland – vom Finanzcrash getroffen wurde und zuletzt mit dem Fahrrad ins Büro radelt. Es ist einer aus ihrer Mitte. Das macht den Fall noch verstörender.

Der Fall des Jahrzehnts

Die Journalistin Niamh O’Connor hat 15 Jahre lang als Crime-Reporterin gearbeitet und dann ihren Job gekündigt, um Kriminalromane zu schreiben. Für diesen Fall kehrt sie zurück in den alten Beruf, es ist "der Fall des Jahrzehnts, vielleicht des Jahrhunderts in Irland", die Fakten stärker als die Fiktion. 362 Beweisstücke, 197 Zeugen, unter ihnen auch Dwyers frühere Freundin Emer, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat, geboren 1992. Und die sich trennte, weil er seinen Messerfetisch auch im gemeinsamen Schlafzimmer ausleben wollte. Es sagt aus per Videoschalte aus den USA: Darci, die junge, psychisch instabile Frau mit wasserstoffblondem Haar und dunklen Augenringen, die er nie persönlich traf, aber in Gedanken und in Worten bestialisch metzelte. Darci hat nun Gott entdeckt und twittert über den Heiland: "Danke Herr, dass du mich wieder geerdet hast." Es sagen aus: Dutzende von Polizisten und Ermittlern. Und die Jury sieht Videos, aufgenommen von Dwyer, wie er eine Reihe von Frauen quält, und unter diesen Frauen ist auch eine Staatsanwältin aus Dublin, die sich daraufhin in die Klapse einweisen lässt, damit sie nicht in den Zeugenstand muss.

Gequälte Seele, gequälter Körper

Selbst die härtesten Gerichtsreporter winden sich bei diesen Bildern, vor allem jenen von Master und Slave, von Dwyer und Elaine O’Hara, gequälte Seele, gequälter Körper. Niamh O’Connor sagt, die Geräusche, die Filme und Fotos ließen sie nicht mehr los. Ebenso wenig wie die kühle, stoische und arrogante Art Dwyers vor Gericht. "Er war sich seiner Sache sicher." Sie hat nun ein Buch geschrieben, es heißt "I’m sorry, Sir".

Ende März dieses Jahres wurde Graham Dwyer zu lebenslanger Haft verurteilt. Er sitzt im Midlands Prison, Portlaoise, unter Vergewaltigern und Mördern, also unter seinesgleichen. Seine Frau hat ihn im Knast nie besucht. Sie ist ausgezogen aus dem Mittelstandsglück in Foxrock, es steht zum Verkauf. Es heißt, Dwyer bekomme Briefe von Frauen, die – säße er nicht hinter Gittern – vermutlich in sein Beuteschema passen würden. Er hat immer noch manipulative Kraft; er schickte Darci eine Weihnachtskarte und erkundigte sich nach dem Wohlergehen ihres Hundes. Er streitet jede Schuld ab und hat Berufung eingelegt.

Handschellen glitzerten im Wasser

Graham Dwyer wollte Gott spielen. Er hatte das perfekte Verbrechen geplant und das perfekte Opfer gefunden. Vielleicht wäre er noch frei, vielleicht würde er noch mit seiner ahnungslosen Frau und zwei kleinen Kindern in einer Sackgasse im Speckgürtel von Dublin leben. Vielleicht würde er nachmittags Flugzeuge steigen lassen und nächtens Schafe stechen. Oder Frauen. Aber dann hatte Gott etwas dagegen, und ein See trocknete, Handschellen glitzerten im Wasser. Und ein Hund namens Milly wollte einfach nicht hören.

Cover vom stern crime Nummer 2


Dieser Text erschien zuerst in stern crime Nummer 1. 

stern crime Nummer 2 ist ab dem 8. August am Kiosk erhältlich.

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