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Tödlicher Drogencocktail: Psychotherapeuten schockiert über "Scharlatanerie"

Deutsche Psychotherapeuten haben sich empört über die Praktiken des verhafteten Berliner Arztes geäußert, bei dessen Therapie am Wochenende zwei Männer an einem tödlichen Drogencocktail gestorben waren. Der Mann sei ein Scharlatan und gefährlich. Sie befürchten einen Schaden für den Berufsstand.

Nach der tödlichen Psychotherapiesitzung vom Wochenende in Berlin zeigen sich vor allem die Kollegen des inzwischen verhafteten Arztes schockiert. Der 50-Jährige sei ein Scharlatan, erklärte die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung am Montag in Berlin. Am Wochenende waren zwei Männer gestorben, nachdem der Arzt ihnen bei einer Gruppensitzung Medikamente und Drogen verabreicht hatte. Ein weiterer Patient fiel ins Koma.

Die Staatsanwaltschaft erklärte am Montag, der Verhaftete habe sich inzwischen geäußert, um welche Substanzen es sich handele. Die Anklagebehörde will sie aber zunächst nicht öffentlich nennen, sondern ein toxikologisches Gutachten abwarten, wie ein Behördensprecher sagte.

In der Praxis des Mannes im Stadtteil Hermsdorf hatten nach Erkenntnissen der Polizei am Samstag zwölf Menschen zwischen 26 und 59 Jahren an einer Therapiesitzung teilgenommen. Der 50-Jährige, gegen den ein Richter am Sonntagabend Haftbefehl wegen Fluchtgefahr erließ, räumte ein, den Opfern verschiedene Substanzen verabreicht zu haben. Ihm wird nun Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen sowie gefährliche Körperverletzung in sechs Fällen vorgeworfen. Nach Einschätzung der Ermittler wollte der Mann jedoch niemanden töten.

Mediziner droht Verlust der Approbation

Der Vorsitzende der Psychotherapeuten Vereinigung, Dieter Best, verwahrte sich dagegen, dass "Scharlatanerie, wie sie hier betrieben wurde, mit Psychotherapie in Verbindung gebracht wird". Psychotherapie sei ein seriöses und wissenschaftlich gestütztes Verfahren. Sie sei in Deutschland streng reguliert. Von den Krankenkassen erstattet werde sie nur bei Therapeuten mit einer bestimmten Ausbildung.

Die sogenannte psycholytische Therapie, bei der Drogen oder ähnliche Substanzen eingesetzt würden, sei dagegen keine Psychotherapie. Sie sei wissenschaftlich nicht anerkannt und gefährlich, meinte Best. "Neben strafrechtlichen Konsequenzen, die das Verhalten des Arztes haben wird, droht ihm der Entzug der Approbation", versicherte Best.

Therapeuten befürchten Schaden für den Berufsstand

Auch die renommierte Berliner Psychoanalytikerin Eva Jaeggi zeigte sich empört: "Wenn ein Arzt Drogen gibt, wenn er ganz unkontrolliert offenbar auch den Leuten Drogen verschreibt und das Psychotherapie nennt, dann ist das für mich ganz klar Scharlatanerie", sagte sie im Deutschlandradio. "Der hat sich Psychotherapeut genannt, aber was er macht, ist auf keinen Fall Psychotherapie." Sie befürchtet nun Schaden für das Ansehen regulärer Therapie. Eigentlich sei die Akzeptanz gegenüber der Psychotherapie in den vergangenen Jahren etwas gewachsen. Ein solcher Fall schaffe neues Misstrauen.

Der nun verhaftete Arzt hatte mit angeblich tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, psycholytischer Psychotherapie, Körper- und Gestalttherapie sowie Hilfe bei spirituellen Krisen geworben. Die während der mehrstündigen Sitzung verabreichten Drogen sollen bei einigen Teilnehmern zunächst zu körperlichen Reaktionen wie Übelkeit und Erbrechen geführt haben. Ein Teilnehmer sendete per SMS-Nachricht einen Notruf an die Feuerwehr. Vor Ort versuchten die Notärzte sofort Wiederbelebungsmaßnahmen - allerdings vergeblich. Ein 59-Jähriger starb noch am Samstagnachmittag, ein 28-Jähriger überlebte die Nacht im Krankenhaus nicht. Ein weiterer 55-jähriger Mann ist nach Polizeiangaben in Lebensgefahr.

DPA / DPA