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Tote Kinder in Krailing: Wieso mussten Sharon und Chiara sterben?

Eine Mutter kommt nach Hause und findet ihre Kinder tot im Bett. Dieser schreckliche Mordfall erschüttert Oberbayern. Die Ermittler rätseln - und bitten um Geduld.

Von Manuela Pfohl

Mittwochabend herrscht im Kraillinger "Schabernack" immer Hochbetrieb. Da werden in der kleinen Musikkneipe südlich von München die wöchentlichen "Music-Awards" verliehen. Es ist ein beliebtes Event. Auch an diesem Mittwoch ist der Laden voll, 50 Leute sind da. Gegen 22.30 Uhr macht sich auch die Lebensgefährtin des Wirts auf den Weg in das Lokal. Wenn viel zu tun ist, hilft sie hier als Kellnerin aus. Ihre beiden Mädchen, die acht- und elfjährigen Chiara und Sharon, schlafen schon. Die Frau schaut noch einmal ins Kinderzimmer, ehe sie leise die Wohnungstür ins Schloss zieht und zum kurzen Weg von ihrer Doppelhaushälfte in das nur 150 Meter entfernte "Schabernack" aufbricht. Es ist das letzte Mal, dass sie ihre Töchter lebend sieht.

Denn irgendwann in der Nacht geschieht in dem Haus eine schreckliche Tat: Die beiden acht und elf Jahre alten Mädchen werden brutal ermordet. Die Mutter entdeckt ihre schwer geschundenen, leblosen Körper, als sie gegen 4.45 Uhr am Morgen mit ihrem Lebensgefährten nach Hause kommt. Fünf Minuten später ist die Polizei vor Ort. Sie stellt "vielfältige Gewalteinwirkungen" fest und sichert ein am Tatort gefundenes Messer.

Soko "Margarete" übernimmt

Noch am Morgen wird in der Münchner Mordkommission die Soko "Margarete" zusammengestellt. Den ganzen Donnerstag über sind rund 30 Kriminalisten vor Ort, um das rätselhafte Verbrechen aufzuklären, das das knapp 8000 Einwohner zählende Krailling über Nacht bundesweit bekannt macht. Doch bei einer am Freitagmittag einberufenen Pressekonferenz in München müssen die Leitende Staatsanwältin Andrea Titz und der Chef der Münchner Mordkommission, Markus Kraus, um Geduld bitten. Noch wirft der Fall unendlich viele Fragen auf - und hat wenig Antworten zu bieten. "Wir ermitteln in alle Richtungen", erklärt Kraus immer wieder. Bislang gebe es weder für eine Sexualstraftat noch für eine so genannte Beziehungstat Hinweise.

Die Mutter lebte seit der Scheidung vom Vater der Mädchen mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem "Schabernack"-Wirt, in der Haushälfte in der beschauliche Margaretenstraße. Die letzten Gäste hatten das nicht weit vom Tatort entfernte "Schabernack" in der Nacht zum Donnerstag gegen ein Uhr morgens verlassen. Danach waren die Mutter und ihr Lebensgefährte allein im Lokal, bis sie gemeinsam nach Hause gingen.

Vieles spricht für einen Fremden

Der Vater der Kinder wiederum war, nach jetzigem Ermittlungsstand, zum Tatzeitpunkt in Hamburg und würde folglich als Täter nicht infrage kommen. Vieles spricht deshalb für einen Fremden. Zwar gebe es nach erstem Augenschein keine Einbruchsspuren. Doch das muss nichts heißen, denn die Mutter hatte die Wohnungstür nicht verschlossen. Wie immer, wenn sie die Mädchen alleine ließ. Sie war deshalb von außen über einen Drehknauf zu öffnen. "Eine Sicherheitsmaßnahme, damit die Kinder die Wohnung verlassen können, wenn etwas passiert", erklärt Kraus. Hat niemand von den Nachbarn etwas gehört? War die Familie initakt? Warum lässt die Frau ihre Kinder überhaupt nachts allein? Auf all diese Fragen wollen die Ermittler zurzeit ebenso wenig eine Antwort geben, wie auf die Frage nach den genauen Todesumständen und der so genannten Auffindesituation. "Wir wollen dem Täter keine Hinweise geben", meinen Kraus und Titz unisono. Das Landeskriminalamt München hat zudem eine Belohnung von 5000 Euro ausgelobt für Hinweise, die zum Täter führen. Darüber hinaus seien schon rund 30 Gäste befragt worden, die am Mittwochabend im "Schabernack" waren. Und auch in der kommenden Woche werden die Ermittler in der Wohnung sein, so kündigte die Kripo an, um jede noch so kleine Spur zu finden.

  • Manuela Pfohl