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Toter Junge in Bremen: "Da ist manches schief gelaufen"

Der kleine Kevin aus Bremen wurde tot in einem Kühlschrank gefunden. Der Fall wird nun zu einem Behördenskandal, die Sozialsenatorin ist zurückgetreten. "Da ist manches schief gelaufen", sagte die Vorsitzende des Bremer Kinderschutzbunds zu stern.de.

Der Tod eines zweieinhalbjährigen Jungen aus Bremen entwickelt sich zu einem Skandal aus Fehlentscheidungen und Schlamperei in den Behörden. Nun wurde bekannt, dass Kevin vor seinem Tod schon zwei Mal in einem Kinderheim aufgenommen worden war. Dort wurden Misshandlungen des Jungen festgestellt, wie Bürgermeister Jens Böhrnsen mitteilte. Gegen den Rat der Heimleitung wurde der Junge mit Billigung des Jugendamtes an die drogensüchtigen Eltern zurückgegeben, wie die zuständige Abteilungsleiterin Heidemarie Rose aus der Sozialbehörde sagte. Senatssprecher Klaus Schloesser gibt Fehler zu. "In der Fallbesprechung im Jugendamt ist damals für das Kindswohl eine falsche Entscheidung gefällt worden", sagte er stern.de.

Kritik kommt vom Bremer Kinderschutzbund: "Da ist manches schief gelaufen", sagte die Vorsitzende Gerti Gerlach zu stern.de. Sie fordert mehr Geld in die Betreuung von Kindern zu stecken. Notfalls müsse dies aus kulturellen Projekten abgezogen werden. Denn es sei mehr Personal notwendig, um in Problemfamilien zu kontrollieren, ob Eltern ihre Kinder zu den Vorsorgeuntersuchungen schicken. "In Bremen und bundesweit muss einiges passieren. Ich hoffe, dass manche nun aufwachen."

Vater sitzt in Haft

Beamte waren am Dienstag mit Gewalt in die Wohnung des Vaters eingedrungen, um den Jungen mitzunehmen. Auf einen Fingerzeig des drogensüchtigen 41-Jährigen fanden sie die Leiche des Kindes im Kühlschrank. Seither schweigt der Mann und sitzt wegen des Verdachts des Totschlags und der Misshandlung von Schutzbefohlenen in Untersuchungshaft. Gegen den Vater wird schon wegen des Todes von Kevins Mutter ermittelt.

Mehr Geld für Betreuung

Bürgermeister Börnsen kündigte an, das gesamte System der Hilfeleistung für Kinder in seiner Stadt überprüfen lassen. Das befürwortet auch der Bremer Kinderschutzbund. "Das es zu dem Fall kam, liegt an unseren deutschen Sozialsystem", sagte die Vorsitzende Gerlach. "Früher gab es eine aufsuchende Betreuung. Ein Sozialarbeiter hat die Familien regelmäßig besucht und unterstützt. Dies wurde aus finanziellen Gründen zurückgefahren."

Kinderschutzbund bedauert Rücktritt

Böhrnsen ist Kuratoriumsmitglied des Hermann-Hildebrand-Kinderheimes. Er habe in dieser Funktion schon zu Jahresbeginn die am Mittwoch zurückgetretene Sozialsenatorin Karin Röpke auf den Fall hingewiesen, erklärte der Bürgermeister. "Röpke hat mir versichert, dass alles Notwendige veranlasst worden ist", sagte der SPD-Bürgermeister. Die Sozialsenatorin Röpke (SPD) hatte die politische Verantwortung übernommen. Sie habe Anfang des Jahres von dem Fall erfahren. "Daraufhin wurde auf mein Betreiben hin diesem Fall besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Dennoch ist es nicht gelungen, den Tod des Jungen zu verhindern."

Regierungschef Böhrnsen begrüßte den Schritt der Senatorin. Der Kinderschutzbund ist jedoch nicht glücklich mit dem Rücktritt. "Ich finde das sehr bedauerlich, wir haben mit ihr gut zusammengearbeitet", sagte Gerti Gerlach.

Grüne sind "fassungslos"

"Ich bin fassungslos, dass erst heute, viel zu spät, versucht wurde, das Kind aus der väterlichen Wohnung zu holen", sagte der grüne Bürgerschaftsabgeordnete Jens Crueger. Die Entscheidung dafür fiel nach Angaben des Jugendamt-Leiters Jürgen Hartwig bereits am 18. September. Das Familiengericht entschied dann am 2. Oktober, dem Vater die Obhut für das Kind zu entziehen. Noch ist unklar, ob das Kind zu diesem Zeitpunkt noch gelebt hat. Der Gerichtsbeschluss hätte jedoch schneller umgesetzt werden müssen, kritisiert Gerti Gerlach vom Kinderschutzbund.

Mit Brüchen ins Kinderheim

Laut Bürgermeister Böhrnsen kam Kevin das erste Mal im Alter von acht Monaten in das Kinderheim. Damals seien Misshandlungen festgestellt worden, sagte Böhrnsen, und sprach von Brüchen der Unterschenkel. Dennoch durfte der Junge zu den drogensüchtigen Eltern zurück. Dann kam Kevin nach dem ungeklärten Tod seiner Mutter im November 2005 erneut in das Heim. Diesmal habe die Heimleitung erklärt, eine Rückkehr zum vorbestraften Vater sei nicht zu verantworten.

Die Vormundschaft für den Jungen hatte inzwischen ein Mitarbeiter des Jugendamtes als Amtsvormund übernommen. Der Vormund habe zusammen mit dem zuständigen Fallbearbeiter der Sozialbehörde die Rückkehr von Kevin zum Vater gebilligt, sagte Rose. Sie stützten sich nach ihren Angaben auf ein positives Gutachten der Entzugsklinik und des Arztes des Vaters.

mta/DPA/AP / AP / DPA